Kaninchen mit Sonnenbrille in Youtube-Video der polnischen Regierung | Bildquelle: https://www.youtube.com/watch?v=

Werbespot der polnischen Regierung Macht es wie die Kaninchen

Stand: 10.11.2017 14:49 Uhr

Polen sollen sich das Kaninchen zum Vorbild nehmen - zumindest was die Kunst betrifft, sich rasant zu vermehren. Denn an Nachwuchs fehlt es in der polnischen Bevölkerung. Und so wirbt die Regierung offiziell mit einem Spot, der mit den Mümmelmännern punkten soll.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Es ist eine heile Modellbauwelt aus sanften Hügeln, grünen Wiesen und fettem Kohl, durch die die Kaninchen des polnischen Gesundheitsministeriums hoppeln und an Möhrchen knabbern. "Willst Du unser Geheimnis wissen?", fragt eine Stimme im Namen der Hoppelmänner. "Wir bewegen uns viel, ernähren uns gesund, meiden Stress, und lassen es nicht krachen." Zum Schluss folgt der Appell: "Wenn Du also auch Kinder haben willst, halte es mit den Kaninchen."

Das lustige Filmchen hat einen ernsten Hintergrund: Polens Geburtenrate ist trotz wachsenden Wohlstands noch niedriger als in Deutschland: 1,3 Kinder bekommt die Frau im Durchschnitt. Die Nation altert und schrumpft.

"Es ist ein toller Spot, der alle wichtigen Informationen beinhaltet: Ein gesunder Lebensstil, der zu Dreiviertel über unsere Gesundheit und Lebenszeit entscheidet", sagt Bernadetta Krynicka von der Regierungspartei PiS.

Kaninchen-Kampagne für drei Millionen Zloty

Ihre politischen Gegner sehen es anders. "Das ist ein Witz - und zwar ein misslungener. Er enthüllt die eigentlichen Absichten der Mächtigen: Wir sollen uns vermehren wie die Karnickel, uns abrackern wie Arbeitstiere, und dann wie die Esel abstimmen", kritisiert Joanna Schmidt von der liberalen Oppositionspartei "Die Moderne".

Die Liberalen erinnern derweil daran, dass die Regierung am Verbot der künstlichen Befruchtung festhält: "Ich empfehle dem Gesundheitsminister, sich einmal ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen", sagt Schmidt weiter. "Das Geld für die Kampagne 'Sich vermehren wie die Kaninchen' hat fast drei Millionen Zloty gekostet - Geld, das man besser dafür ausgeben sollte, Eltern dabei helfen, Nachwuchs zu bekommen."

Immerhin - Aufmerksamkeit hat der Spot erzielt, erkennbar mehr als eine andere Aktion einer Bürgerinitiative, die sich für eine Enttabuisierung des Themas Sex einsetzt und für eine moderne Sexualaufklärung junger Polen. Die Jugendlichen saugen in großer Zahl Informationen aus dem Internet, weil Eltern beschämt weggucken und die Schulen das Thema meist umkreisen. In dieser Reihe reden Prominente oder auch der bekennend schwule Bürgermeister der Stadt Slupsk ungewohnt offen über Sex. Sein Motto: "Gej jest okay" - "Schwulsein ist okay".

Aufklärung durch Prominente? Unerwünscht!

Eine Art der Aufbereitung des Themas Sex und Liebe, wie sie wiederum den Konservativen im Land nicht behagt. Dem rechten Spartensender Republika etwa sagte Lidia Sankowska von einer rechten NGO, die sich auch dem Schutz von Kindern vor Drogen verschrieben hat: "Diese Stars und Sternchen sind inzwischen Experten für alles. Sie äußerten sich schon zur Verfassung, zu den Gerichten, zu Abtreibungen und nun auch noch zur Sexualerziehung. Ich weiß nicht, ob es Eltern in den Schulen behagt, wenn solche 'Kompetenzen' jetzt bei ihren Kindern um Sexualkunde werben."

Sankowska stellt sich hinter die Bildung in Polen: "In unseren Schulen wird die Achtung vor dem Leben, der Schutz von Leben und Familie gelehrt, und wie man ein glücklicher Erwachsener werden kann. Das ist vernünftiger, als sich ausschließlich auf biologische Bedürfnisse des Menschen zu beziehen."

Eigentlich eint alle das gleiche Ziel: Mehr Kinder braucht das Land. Nur über den Weg dahin wird, wie über eigentlich fast alle Fragen in Polen, gestritten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 10. November 2017 um 14:38 Uhr.

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