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Nach Rücktritt von CIA-Chef Petraeus
"Hier geht es um etwas anderes als um Sex"
Er wurde schon als neuer Verteidigungsminister gehandelt, doch drei Tage nach der Wiederwahl von US-Präsident Obama ist CIA-Chef Petraeus überraschend zurückgetreten. Wegen einer außerehelichen Affäre, heißt es offiziell. Doch es bleiben Fragen offen.
Von Silke Hasselmann, MDR-Hörfunkstudio Washington
Es war Freitagnachmittag, kurz nach 15.00 Uhr Ortszeit. Nach der anstrengenden Wahlwoche wollten auch die Powerbroker in Washington ins frühe Wochenende gehen. Da platzte die sprichwörtliche Bombe: "Die Nachricht kam ohne Warnung: Der Chef der CIA tritt zurück und gibt in einem Brief zu, seine Frau betrogen zu haben", hieß es etwa bei Fox News.
Er habe den Präsidenten bereits am Donnerstag gebeten, ihn aus persönlichen Gründen von seinem Amt zu entbinden, hatte David Petraeus schriftlich erklärt. CIA-Vizedirektor Michael Morell hat nun übergangsweise das Amt von jenem Mann übernommen, der unter Präsident George W. Bush wesentlich die militärische Wende im Irak-Krieg organisiert hatte, und den Präsident Barack Obama zunächst zum Oberbefehlshaber in Afghanistan und voriges Jahr zum CIA-Direktor machte.
CIA-Direktor Petraeus zurückgetreten
S. Hasselmann, MDR Washington
10.11.2012 07:21 Uhr
"Enormer Verlust für das Land"
"Eine Tragödie für General Petraeus, aber auch ein enormer Verlust für das Land", erklärte Peter King auf ABC News. Und der Republikaner aus dem Geheimdienstausschuss des US-Kongresses stand mit seiner Meinung nicht allein da. Doch im Laufe des Abends mischten sich immer mehr Grautöne in das bis dahin makellose Weiß, mit dem der 60-jährige Vier-Sterne-General bislang überwiegend gezeichnet worden war.
Bislang heißt es, dass die Bundespolizei FBI einen Tipp erhalten und dabei die schon länger andauernde Affäre zwischen dem CIA-Direktor und seiner Biographin entdeckt habe. Um seine Ehefrau nicht noch mehr zu demütigen, habe er sich entschlossen, die Sache selbst öffentlich zu machen und die politischen Konsequenzen zu ziehen, vermuten nun die Einen.
"Dass das FBI ermittelt, ist außergewöhnlich"
Doch andere wie den Ex-CIA-Agenten und heutigen Buchautor Robert Baer macht Folgendes stutzig: "Die Vorstellung, dass das FBI gegen einen CIA-Direktor wegen einer außerehelichen Affäre ermittelt, ist absolut außergewöhnlich. Bei den vier, fünf CIA-Direktoren, von denen ich weiß, dass sie eine Affäre hatten, hat man die Sache absolut im Stillen bereinigt oder ignoriert. Das FBI ist niemals hinzugezogen worden. Dazu kommt, dass diese Journalistin eine Amerikanerin ist, gegen die nichts Strafwürdiges vorliegt. Nein, hier geht es um etwas anderes als nur um Sex und wir werden es bald herausfinden."
Vielleicht ist Petraeus der Hybris zum Opfer gefallen. Der Kenner und Hüter der größten amerikanischen Staatsgeheimnisse wäre nicht der erste Machtmensch, der sich irgendwann für unfehlbar hält und dadurch angreifbar wird - etwa für fremde Geheimdienste. So jedenfalls lautet eine der Theorien, die derzeit lebhaft in der US-Presse und im Internet debattiert werden. Eine andere These hat mit der Terrorattacke vom 11. September dieses Jahres auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi zu tun, bei der vier Amerikaner umgekommen waren, darunter Botschafter Chris Stevens.
CIA-Chef Petraeus tritt wegen außerehelicher Beziehung zurück
tagesthemen 22:35 Uhr, 10.11.2012, Marion Schmickler, ARD Washington
Rücktritt rechtzeitig vor Bengasi-Anhörungen?
Bis heute hat die Obama-Administration keine Antwort auf die vielen ungeklärten Fragen um die Sicherheit des Konsulats vor und während der Angriffe gegeben. Nur eine Behörde hat reagiert: die CIA. In einem ungewöhnlichen Schritt hatte sie öffentlich erklärt, auf keiner Ebene die Bitte ihrer Leute um militärische Hilfe abgelehnt zu haben. Sieben Stunden hatten die Kämpfe gedauert und das Lagezentrum im Weißen Haus war mit Echtzeitinformationen versorgt worden.
Doch warum kam den Leuten im US-Konsulat niemand zur Hilfe? Wo war der Präsident und Oberbefehlshaber in jener Zeit? Was hat Obama verfügt, was nicht? Und warum hatte sich der später getötete Botschafter Chris Stevens überhaupt an jenem symbolträchtigen Tag im gefährlichen Bengasi aufgehalten? Um mit der CIA und der Türkei Waffenlieferungen an syrische Rebellen einzufädeln, wofür es Hinweise gibt?
Für die kommende Woche hat der US-Kongress sechs Anhörungen zu diesem Thema angesetzt. Geladen war auch CIA-Direktor Petraeus. Doch der ist nun Privatmann und vorerst runter von der Zeugenliste. Wird er herbeizitiert, bräuchte er eine Aussagegenehmigung durch das Weiße Haus, das bislang in dieser Sache keine gute Figur abgegeben hat.
Hat Petraeus' überraschender, für viele sogar schockierender Rücktritt so kurz nach der Präsidentschaftswahl und noch rechtzeitig vor den Anhörungen also vor allem mit der Bengasi- und weniger mit der Liebesaffäre zu tun? Wie auch immer, sagt der Parlamentarier Peter King: "Als CIA-Direktor war er in jeder Hinsicht im Zentrum des Geschehens." Falls Petraeus diese Woche noch brauche, um seine privaten Dinge zu ordnen, okay. Aber danach müsse er als Zeuge auftreten.
Stand: 10.11.2012 08:14 Uhr
