Angehörige haben nach dem Anschlag an der Schule in Peschawar Fotos der Opfer aufgehängt | Bildquelle: dpa

Schulmassaker vor einem Jahr Pakistan nach Peschawar - ein anderes Land?

Stand: 16.12.2015 11:35 Uhr

134 tote Kinder sind zu viel: Ein Jahr nach dem Selbstmord-Anschlag auf eine Schule in Peschawar ist die Stimmung umgeschlagen. Während zuvor viele Pakistani mit Islamisten sympathisierten, schlägt diesen nun Verachtung entgegen.

Von Sandra Petersmann, ARD-Studio Neu-Delhi

Kleine Jungen tragen Armeeuniformen. Sie marschieren im Stechschritt und mit durchgestreckten Schultern. Sie rufen "Lang lebe die Armee", "Lang lebe Pakistan". "Wir haben uns hier versammelt, um die ermordeten Kinder zu ehren. Sie sind Märtyrer. Wir werden kämpfen und unseren Feinden zeigen, dass wir leben", erklärt Huzaifa aus der Metropole Faisalabad, dem gerade der erste Flaum auf der Oberlippe wächst. "Wir werden die Terroristen besiegen, wir führen mit Gottes Hilfe Krieg gegen sie", ergänzt sein Klassenkamerad Ahmad. Eine Lehrerin schaut stolz zu den beiden Jungs herüber: "Vor einem Jahr haben die Terroristen unsere Kinder ermordet. Unser Schmerz sitzt noch immer tief. Wir danken Gott, dass der Anschlag unsere Kinder stärker und mutiger gemacht hat."

Viele hegen Sympathien für Islamisten

Markige, einstudierte Worte zum ersten Jahrestag eines grausamen Verbrechens. Im ganzen Land finden solche Erinnerungsveranstaltungen statt. Kaum ein anderes Land leidet mehr unter dem Terror. Doch früher hat die Bevölkerung die regelmäßigen Terroranschläge oft mit unvorstellbarer Gleichgültigkeit ertragen. Das Schulmassaker in Peschawar war ein Dammbruch, der die Menschen in Massen auf die Straßen getrieben hat.

In der konservativ-religiösen Bevölkerungsmehrheit gibt es viele, die Sympathien für islamistische Gruppen hegen. Anti-Amerikanismus ist weit verbreitet. Doch der pakistanischen Taliban-Bewegung schlug nach dem Anschlag von Peschawar eine bis dahin unbekannte Welle der Verachtung entgegen. Hauptprofiteur dieser Entwicklung ist Armeechef Raheel Sharif, der heute von weiten Bevölkerungsteilen als Heilsbringer verehrt wird. Damals sagte er kurz nach dem Blutbad: "Pakistan macht eine schwierige Zeit durch. Das ist ein entscheidender Moment unserer Geschichte. Das barbarische Morden der Terroristen hat der ganzen Welt und unserer Nation gezeigt, was das für Menschen sind."

Pakistanische Kinder bei einer Demonstration kurz nach dem Anschlag | Bildquelle: dpa
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Pakistanische Kinder bei einer Demonstration kurz nach dem Anschlag

Armee greift durch - und kooperiert mit Terrorgruppen?

Die Armee nahm nach dem Anschlag die Zügel fest in die Hand. Das Militär schickte rund 180.000 Soldaten in den Anti-Terror-Kampf. Die meisten Einheiten kämpfen bis heute im schwer zugänglichen, bergigen Stammesgebiet entlang der pakistanisch-afghanischen Grenze, um den Extremisten ihre Rückzugsräume zu nehmen. Pakistans Militärapparat steht seit Jahren im Verdacht, mit ausgewählten Terrorgruppen zusammenzuarbeiten, wenn es den eigenen Interessen dient. Ein Vorwurf, den Armeechef Sharif abwiegelt – wie andere Generäle vor ihm: "Uns war schon länger klar, wie hasserfüllt diese Menschen sind. Aber wir haben uns nicht vorstellen können, dass sie ein weiches Ziel angreifen würden, um Kinder zu massakrieren. Jetzt gibt es für uns kein Zurück mehr."

Pakistans Antwort auf Peschawar ist eine militärische. Die gewählte Regierung überlässt der Armee die Führung. Militärdiktaturen haben Tradition in Pakistan. Seit Peschawar müssen sich Terrorverdächtige vor militärischen Sondertribunalen verantworten. Die ausgesetzte Todesstrafe wurde wieder eingeführt, mehr als 300 Menschen sind seit dem Blutbad vor einem Jahr hingerichtet worden. Es sind Verfahren, von denen die Öffentlichkeit fast nichts erfährt. Dasselbe gilt für die Offensive im Grenzgebiet. Wie viele Zivilisten dort sterben, weiß niemand, die Medien haben keinen Zugang. Die Armee kontrolliert die Berichterstattung.

Siebenmal mehr Geld für Militär als für Bildung

Auf der Erinnerungsveranstaltung in Faisalabad erinnert ein Schüler die Erwachsenen an eine Fabel, in der der böse König am Ende von Kindern besiegt wird. Doch viele pakistanische Kinder leiden unter Gewalt, Armut, mangelnder Bildung und Perspektivlosigkeit.

Mehr als fünf Millionen Kinder in Pakistan gehen überhaupt nicht zur Schule, viele andere gehen in miserable Schulen. Etwa 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung können nicht lesen und schreiben. Dabei ist Pakistan eine Atommacht. Als Erzfeind gilt das riesige Nachbarland Indien. Das pakistanische Militär bekommt siebenmal mehr Geld als der Bildungsbereich. Die Zahl der Anschläge ist seit Peschawar deutlich zurückgegangen. Doch es bleibt die Frage, wie nachhaltig diese Entwicklung ist.

Pakistan ein Jahr nach dem Schulmassaker von Peschawar
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
16.12.2015 10:41 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 16. Dezember 2015 um 05:45 Uhr im Deutschlandfunk.

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