US-Vize in Brüssel

Tusks Lehrstunde für Pence

Stand: 20.02.2017 15:02 Uhr

Verunsicherte Europäer, ratlos über die künftige US-Politik - dieses Bild wird derzeit häufig von der EU gezeichnet. Doch beim Besuch des US-Vizepräsidenten zeigte Brüssel eine neue Stärke - Ratspräsident Tusk erteilte Pence eine rhetorische Lehrstunde.

Ein Kommentar von Sebastian Schöbel, ARD-Hörfunkstudio Brüssel

Der Gegensatz hätte kaum deutlicher sein können: Auf der einen Seite der lispelnde, stets etwas melancholisch wirkende polnische Ratspräsident Donald Tusk. Auf der anderen Seite Mike Pence, der prototypische US-Politiker mit silbernem Haar, festem Blick und einer Stimme, die an Clint Eastwood erinnert.

Und während Tusk eine kriselnde EU vertrat, war Pence als Repräsentant des mächtigsten Landes der Welt gekommen - das im Augenblick allerdings von einem emotional instabilen Möchtegern-Autokraten regiert wird, der öffentlich den Zusammenbruch der Europäischen Union herbeiredet und die Nähe EU-feindlicher Populisten sucht. Darauf die passende Antwort zu finden, treibt Europas Politiker seit Wochen um.

Freundliche Direktheit

Tusk zeigte nun eindrucksvoll, wie die aussehen kann: Mit einer Mischung aus zielgerichtetem Pathos und freundlicher Direktheit stahl er dem vermeintlichen Stargast die Bühne. Zu viel sei zuletzt in den USA über Europa und die NATO gesagt worden, um so zu tun, als wäre alles wie immer, erklärte der EU-Ratspräsident. Dabei wirkte er keineswegs wie ein Mann, der um die Zuneigung von US-Präsident Donald Trump fleht. Eher wirkte er wie ein tief enttäuschter Vater, der den ungezogenen Sohn ins Gebet nimmt. Er sei ein "unheilbar pro-amerikanischer Europäer", ließ Tusk Pence wissen. Ein "fanatischer Trans-Atlantiker".

Das sah zunächst wie ein Kniefall aus - doch dann dreht Tusk den Spieß rhetorisch um. Die Einhaltung des internationalen Rechts, Verantwortung für den Zusammenhalt des Westens, Loyalität gegenüber den NATO-Partnern und die unmissverständliche Unterstützung für die Einheit Europas: All das erbat Tusk nicht - er forderte es. Und verkündete sogleich, Pence habe ihm das im Namen der Trump-Regierung auch schon zugesichert.

Tusk packt die emotionale Keule aus

In Trumps Welt nennt man so etwas wohl "Die Kunst des Verhandelns". Denn danach packte Tusk auch noch die emotionale Keule aus: Er sprach die Reise des jungen Mike Pence 1977 nach Westberlin an, als dieser nach eigener Aussage am Checkpoint Charlie den "Schatten der Unterdrückung" über die Menschen im Osten der Stadt erlebte. Ein Schatten, unter dem er - Tusk - selbst 30 Jahre lang gelebt habe. So erinnerte er Pence daran, wie einst ein US-Präsident namens Ronald Reagan 1981 die Kerze der Solidarität für die rebellierenden Polen entzündete und ihnen Mut zusprach - ausgerechnet Reagan, der politische Messias der Republikaner.

Am Ende konnte der US-Vize sich nur vor Tusks Eloquenz verbeugen. Und anmerken, er werde wohl nie wieder nach Tusk auf einem Podium sprechen. Wohl auch, weil dieser der neuen US-Regierung eindrucksvoll klargemacht hat, warum Europa zur politischen und vor allem moralischen Kontrollinstanz der Vereinigten Staaten taugt. Denn mit niemanden haben die Amerikaner eine so lange und enge Verbindung wie mit den Europäern. Außerdem hat sich nirgendwo die positive Kraft amerikanischer Werte so deutlich gezeigt wie hier. Daran hat Tusk Pence nun erinnert. In der Hoffnung, dass der mächtige Mann im Weißen Haus das auch versteht.

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Kommentar: Tusks Lehrstunde für Pence
S. Schöbel, ARD Brüssel
20.02.2017 14:36 Uhr