Arbeiter sortieren Kohle in Indien | Bildquelle: AP

Klimagipfel aus Sicht der Insider Die Kohle der anderen

Stand: 04.12.2015 15:19 Uhr

Der indische Delegationsleiter Kumar hat in Paris einen harten Job: Er kämpft dafür, dass Indien weiter fossile Energien verfeuern kann. Seine Forderung: Die Industrieländer sollen selbst sauberen Strom produzieren, bevor sie das von Indien verlangen.

Von Kai Schächtele für tagesschau.de

Jetzt muss sich Kumar kurz räuspern und das Lächeln verschwindet aus seinem Gesicht. Gerade eben hat er noch über die Pläne seiner Regierung für eine Solarrevolution gesprochen. Zum Gipfelbeginn hatte sein Ministerpräsident Narendra Modi eine Allianz vorgestellt, in der 120 Länder mit billigen Solarstromsystemen Energie in die ländlichen Regionen bringen wollen. Mit umgerechnet 85 Millionen Euro wird Indien diese Allianz finanzieren, die es selbst geformt hat. Bis 2030 möchte Indien 40 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Energien gewinnen.

Ein Abkommen ohne Indien wäre sinnlos

Als der Leiter der indischen Delegation merkt, dass das Gespräch die Sonne jetzt verlässt und sich auf den Weg macht zur schmutzigen Kohle, kühlt sich die Stimmung ab. Er weiß, was jetzt kommt und er ist darauf vorbereitet. Indien ist nach China und den USA zum drittgrößten Kohlendioxid-Produzenten aufgestiegen. Die Augen richten sich in Paris auch auf die Inder, weil jedes Abkommen sinnlos wäre, das Indien nicht zum effektiven Klimaschutz verpflichtet. Bis 2020 möchte Indien seine Kohleproduktion verdoppeln. Für viele Kritiker ist das, als pumpe Indien Luft in einen Ballon, der bereits kurz vor dem Platzen steht. Kumar dagegen pocht darauf, dass Indien auch in Zukunft das Recht hat, sich zu entwickeln. Es ist einer der größten Streitpunkte bei dieser Klimakonferenz.

Seine Verteidigungsfront besteht aus drei Linien. Erstens: Indien hat mit seinen Reduktionszielen für Treibhausgase unter Beweis gestellt, dass es dem Land ernst ist mit dem Klimaschutz. Es sind minus 33 bis 35 Prozent bis 2030 gegenüber 2005. Zweitens: In Indien haben immer noch 300 Millionen Menschen keinen Zugang zu Strom. Deshalb sollen die Staaten voran marschieren, die seit Beginn der Industrialisierung für zwei Drittel des gesamten Kohlendioxidausstoßes verantwortlich sind.

Drittens: Mit Sonne und Wind allein kann man kein 1,3-Milliarden-Volk mit Strom versorgen. Es braucht Gas, Atomkraft oder Kohle für die Grundversorgung. Und Kohle ist im Land die einzige verfügbare und bezahlbare Energiereserve. Aber das sei, so sagt er, beileibe nicht nur in Indien so.

Nicht nur Indien setzt auf Kohle, sagt Susheel Kumar.
Philipp Katzer, Christian Frey

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Erst müssen sich die Industrieländer bewegen

Der studierte Physiker verfolgt sehr genau, wie schwer sich die Deutschen mit dem Ausstieg aus der Kohle tun. Selbst dem vermeintlichen Vorzeigeland der Energiewende ist es in diesem Jahr nicht gelungen, eine Abgabe auf Braunkohlekraftwerke durchzusetzen. Da braucht niemand mit dem Finger auf sein Land zu zeigen - das ist seine Haltung. Erst sollen sich die bewegen, die das Schlamassel zu verantworten haben, dann die, die sich noch entwicklen müssen. So lautet die Maßgabe, auf die seine Regierung die indische Delegation für diese Verhandlungen eingeschworen hat.

Indien unterscheidet nach wie vor strikt zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, auch wenn der CO2-Ausstoß Indiens zum Beispiel den von Deutschland inzwischen bei weitem übertrifft.

Als die Weltgemeinschaft 1992 die Klimarahmenkonvention verabschiedete, unterschied sie noch explizit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Deutschland gehörte zur ersten, Indien zur zweiten Gruppe. Doch die Welt hat sich seitdem stark verändert. Zu Beginn des Gipfels sagte die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks: "Den Antagonismus dieser Unterscheidung müssen wir überwinden." Für ihren Staatssekretär Jochen Flasbarth, der sie bis Anfang kommender Woche vertritt, ist diese Überwindung eine rote Linie: Die deutsche Delegation wird kein Abkommen akzeptieren, in dem die Unterscheidung bestehen bleibt.

Jeder soll künftig zum Klimaschutz beitragen

Die Sorge ist, dass alle Verantwortung im Kampf gegen den Klimawandel vorerst bei den Industrieländern bleibt und sich auch die Länder entziehen, die schon längst stark und groß genug sind, um sich zu engagieren. Jeder soll künftig den Teil zum Klimaschutz beitragen, der in seinen Möglichkeiten liegt, sowohl bei der Reduzierung der Emissionen als auch bei der Finanzierung der Anpassung an den Klimawandel.

Für Kumar ist seine Linie mindestens so rot wie die der Deutschen. Länder wie Indien verlangen das Recht, sich bis zu dem Niveau zu entwickeln, auf dem die reichen Länder seit Jahrzehnten stehen. Im Vorfeld des Gipfels sagte der indische Umweltminister: "Entwicklung ist ein Menschenrecht. Dass die Erderwärmung den Punkt erreicht, an dem wir gerade stehen, ist nicht unsere Schuld."

Kumar ist sich bewusst, welche Kämpfe in den kommenden Tagen noch vor ihm liegen werden. Er ist sich nicht sicher, wie sie ausgehen werden. Doch eines weiß er genau: Er wird es nicht persönlich nehmen, wenn jemand gegenüber Indien Vorwürfe erhebt. Er wird sie mit dem Argument vom Verhandlungstisch wischen, dass man über sein Land einfach nicht genug wisse. Sein Lächeln hat er da längst wiedergefunden.

Kumar über Vorwürfe gegenüber Indien
Philipp Katzer, Christian Frey

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Dass sich die Welt zusammen entwickeln muss, ist der Knackpunkt. Indien und Deutschland haben eine sehr unterschiedliche Auffassung davon, was dies bedeutet. Deutschland versteht darunter "gemeinsam". Für Indien bedeutet es "gerecht verteilt". Diese Kluft zu schließen, ist die größte Herausforderung, die der Gipfel zu meistern hat. Kumar macht nicht den Anschein, als mache ihn das nervös. Seine Verteidigungslinie steht. Das Räuspern des indischen Delegationsleiters werden die Deutschen hier noch oft hören.

Hinweis der Redaktion: Dieser Text ist Teil der Reihe "Paris Protokoll". Journalisten aus ganz Deutschland folgen in Paris den Delegierten und Beratern. Das "Paris Protokoll" ist eine trimediale Produktion der freeeye.tv GmbH im Auftrag des NDR für tagesschau.de, tagesschau24 und die Radiowellen des NDR mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung, der Süddeutsche Zeitung und mit dem gemeinnützigen Recherchezentrum CORRECT!V.

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