Soldaten unter dem Eiffelturm | Bildquelle: AFP

Paris nach den Anschlägen Trotz und Trauer

Stand: 20.11.2015 08:56 Uhr

Eine Woche nach der Attentatsserie ringt Paris um seinen Alltag. Überall in der Stadt spürt man die Trauer, aber auch den tiefen Wunsch, das gewohnte Leben gegen den Terror und die Angst zu schützen. Immer noch wirkt die Stadt bedächtig - aber auch nervös.

Von Angela Ulrich, ARD-Hörfunkstudio Paris

Kino-Besitzerin Elise hängt ein Schild an der Eingangstür auf. Darauf ein rotes Dreieck - Vigipirate, das Zeichen für die höchste Terrorwarnstufe in Paris. Hinter ihr, auf den Champs-Elysees, rasen immer wieder Polizei- oder Feuerwehrwagen vorbei. Drinnen tasten Wachleute die Kinogäste ab, sie schauen in jede Tasche. "Wir haben Wächter in den Kinosälen", berichtet Elise. "Alles wird kontrolliert, damit die Zuschauer in Sicherheit sind."

Trotzdem kommen deutlich weniger Gäste ins Gaumont-Kino an den Champs-Elysees. Viele bleiben lieber zuhause bei der Familie, sagt Elise, und sie kann das nachvollziehen. Sie selbst sei noch ganz zerschlagen angesichts der Ereignisse. "Mir wird oft kalt. Das ist keine Wut, eher Trauer und Schock." Wie junge Leute anderen jungen Leuten so etwas zufügen können - diese "Barbarei" verstehe sie nicht.

Soldaten auf dem Weihnachtsmarkt auf der Champs-Elysees | Bildquelle: AFP
galerie

Der Weihnachtsmarkt auf der Champs-Elysees - kein unbeschwertes Vergnügen mehr wie in vergangenen Jahren.

Der Wunsch nach Normalität

Cyril und Alexandra sind gerade aus dem Kino gekommen. Sie halten sich an den Händen. Die junge Frau hat immer noch Angst auf der Straße, auch in der Bahn. "Das bleibt einem im Kopf. Klar muss das Leben weitergehen, aber das ist gar nicht so einfach." Natürlich bleiben die Bilder, sagt sie, aber: "Ich kann jetzt auch nicht paranoid werden. Wenn etwas passiert, dann ist es so. Ich will normal weiterleben."

Paris eine Woche nach den Attentaten. Die Stadt schwankt zwischen Trauer und Trotz. Der Weihnachtsmarkt nebenan hat gerade erst, mit Verspätung, die Buden aufgemacht. Lichterketten wehen wie verloren im Wind. Nur wenige Besucher verirren sich in die Glitzerwelt. Der Zuckerwatte-Mann steht vor einem leeren Bottich. Er hat noch nichts verkauft, es ist überhaupt nichts los. Aber er weiß: Es ist "einfach keine Stimmung, um auf den Weihnachtsmarkt zu gehen".

Eine Woche nach den Anschlägen
tagesschau 12:00 Uhr, 20.11.2015, Isabel Schayani, ARD Paris

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Patriotische Aufwallungen

Auch das Kettenkarussel steht still, genau wie der Autoscooter. Im einem der kleinen Weihnachtspavillons steht Kunsthandwerker David, er schnitzt Hampelmänner aus Holz. Mit dem Messer zeigt er auf die Figuren, die er blau-weiß-rot bemalt hat, in den französischen Nationalfarben. Allein in den vergangenen zwei Tagen hat er davon 50 Stück verkauft. Sie sollten eigentlich für eine Woche reichen, erzählt er. "Aber die Leute werden patriotischer!"

Schwer bewaffnete Soldaten laufen in diesem Moment vorüber. David zuckt kurz zusammen. Ist aber sicherer, meint er dann und nickt, wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Paris hat aufgerüstet in Sachen Sicherheit. Polizei und Militär patroullieren in der Metro, an Bahnhöfen, auf vielen Plätzen.

Polizisten patrouillieren in einem Einkaufszentrum in Paris | Bildquelle: AFP
galerie

Welche Plätze sind noch sicher? Diese Frage stellt sich derzeit überall in Paris.

Kerzen gegen das Vergessen

Ein paar Kilometer weiter im Osten von Paris ist sie noch greifbarer, diese Stimmung in der Stadt, ruhiger, fast bedächtig und nervös zugleich. Vor dem Bataclan flackern weiter unzählige Kerzen im Nachtlicht. Im Konzertsaal am Boulevard Voltaire waren die meisten Menschen gestorben, 89. Maria aus den USA bückt sich und zündet Kerzen an, die erloschen sind.

Seit den Attentaten macht sie das jeden Abend, entzündet die Flammen wieder, die durch Wind und Regen ausgegangen sind - damit man sich an die Menschen erinnert und "damit es weitergeht". Die Kerzen und die Blumen, sie haben etwas sehr Heilsames, hat Maria erfahren, das habe sie nicht erwartet.

Ludovic wohnt um die Ecke und legt eine weiße Rose ab. Im Bataclan ist er jeden Samstag tanzen gegangen, aber ob er wieder hingeht? Das wisse er noch nicht, sagt er. An diesem Abend aber wolle er wieder raus mit Freunden, einen Beaujolais nouveau trinken. "Das ist französisch, heilig fast", sagt Ludovic, "aber es ist alles nicht einfach".

Bistro in Paris wirbt für Beaujolais nouveau | Bildquelle: AP
galerie

Der Genuss von Beuajolais nouveau - in diesen Tagen für viele Franzosen mehr als nur ein Ritual.

Rituale helfen

Extra aus der Banlieue sind Cedric und Karim zum Bataclan gekommen. Karim ist Moslem und will zeigen: Der Islam hat nichts zu tun mit diesen Extremisten. Am Platz der Republik habe er einen Mann getroffen, berichtet er, der ein Schild getragen habe. Darauf stand: "Ich bin Moslem aber kein Terrorist." Viele hätten ihn umarmt und Solidarität gezeigt, egal welchen Glauben sie hatten. Karim findet: "Das sind Werte die wir Franzosen zeigen müssen: dass wir geeint sind. Nur so können wir die Terroristen besiegen!"

Paris zwischen Trauer und Trotz
A. Ulrich, ARD Paris
20.11.2015 07:32 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Darstellung: