Marine Le Pen  | Bildquelle: AFP

Wahl in Frankreich Wie stehen Le Pens Chancen?

Stand: 22.04.2017 03:12 Uhr

Wenn am Sonntag in Frankreich die erste Runde der Präsidentschaftswahlen stattfindet, wird es Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National Umfragen zufolge wohl in die Stichwahl im Mai schaffen. Gewinnen wird sie die vermutlich nicht - aber es gibt einige Unwägbarkeiten.

Von Maiken Nielsen für tagesschau.de

Das Café im Pariser Viertel Marais ist ein Magnet zur Mittagszeit. Hier gibt es erstaunlich viele attraktive Frauen, Chia-Samen-Salate, aufgeklappte Laptops - und an diesem Tag ein aufgeheiztes Gespräch. "Natürlich wird Marine gewinnen", sagt eine etwa dreißigjährige Französin und nippt an ihrem grünen Smoothie. "Ich wünsche es ihr!"

Damit steht sie nicht allein: Marine Le Pen, die Frontfrau des rechtsextremen Front National, ist in der bürgerlichen, gebildeten Mitte der Gesellschaft angekommen. Dafür hat die 48-jährige Parteivorsitzende hart gearbeitet, dafür hat sie sogar ihren Vater, den rechtsextremen Hardliner Jean-Marie le Pen, aus der Partei geworfen. Bei der Europawahl 2014 wurde der Front National erstmals in der Parteigeschichte zur stärksten Kraft in Frankreich.

Angst vor Terror spielt Le Pen in die Hände

Seitdem scheint Marine Le Pen nicht mehr aufzuhalten zu sein. Die Terrorgefahr seit den Pariser Anschlägen vom 13. November 2015, die Festnahme zweier Männer aus dem islamistischen Umfeld in Marseille am Dienstag vergangener Woche und nun das Attentat auf der Avenue des Champs-Elysées, bei dem ein Polizist getötet wurde - das alles spielt der Rechtspopulistin in die Hände.

Le Pens Anhänger sind schon lange nicht mehr nur die Abgehängten der Gesellschaft, die auf der Suche nach einfachen Antworten sind. Sie halten es für sicher, dass ihre Favoritin nach der Stichwahl am 7. Mai in den Elysée-Palast zieht. "Der Front National hat es unter Marine Le Pen geschafft, sich aus der rechtsextremen Schmuddelecke zu befreien", sagt die Politologin und Frankreich-Expertin Ronja Kempin. "Außerdem hat sie es sehr gut verstanden, das Gefühl vieler Bürger zu bedienen, die Grande Nation Frankreich mit ihrem bedeutenden kulturellen Erbe werde von Brüssel kaputtgemacht."

Französische Polizisten in Marseille | Bildquelle: AFP
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Französische Polizisten in Marseille: Die Angst der Franzosen vor dem Terror spielt Le Pen in die Hände

Macron ist für viele Franzosen schwer einzuordnen

23 Prozent im ersten Wahlgang - so viel wird der Front National laut aktueller Umfragen am kommenden Sonntag wohl einfahren. Damit ist es wahrscheinlich, dass Le Pen in die Stichwahl am 7. Mai einzieht. Roland Cayrol, Leiter des Zentrums für politische Forschung Cevipof, geht, wie viele andere Beobachter, davon aus, dass sich die Franzosen bei der Stichwahl zwischen Emmanuel Macron und Marine Le Pen entscheiden müssen.

Aktuellen Umfragen zufolge wird Macron die Wahl mit 64 Prozent der Stimmen gegen Le Pen klar gewinnen. Allerdings bleiben einige Unwägbarkeiten: Denn der junge Polit-Shootingstar ist für viele Franzosen schwer einzuordnen. Ist der ehemalige Wirtschaftsminister im Kabinett des sozialistischen Präsidenten François Hollande ein Sozialliberaler? Oder ist er mit seiner Vergangenheit als Investmentbanker eher konservativ und wirtschaftsliberal? In seinen Auftritten legt er sich nicht eindeutig fest.

Knapper würde das Rennen, sollte der konservative Kandidat Francois Fillon gemeinsam mit Marine Le Pen in die Stichwahl einziehen. Zwar lägen seine Werte Umfragen zufolge ebenfalls vor denen der Rechtspopulistin. Aber der Abstand zwischen Fillon und Le Pen ist nicht so groß wie zwischen Macron und Le Pen. Aktuellen Umfragen zufolge liegt Fillon mit 59 Prozent vorn.

Der französische konservative Präsidentschaftskandidat Francois Fillon | Bildquelle: AP
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Kämpft mit einem handfesten Skandal: Der konservative Kandidat Francois Fillon

Emmanuel Macron | Bildquelle: AFP
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Auf ihm ruhen die Hoffnungen der Franzosen: Polit-Shootingstar Emmanuel Macron hat beste Chancen, Frankreichs neuer Präsident zu werden.

Justizaffäre scheint Le Pen nicht zu schaden

Beschädigt wird Fillon durch handfeste Polit-Skandale und Ermittlungen gegen seine Person: Die Justiz wirft ihm die Scheinbeschäftigung seiner Frau auf Staatskosten vor. Zwar ermitteln die Staatsanwälte auch gegen Le Pen - im März war ihre Immunität als EU-Parlamentarierin erstmals aufgehoben worden. Wegen einer Scheinbeschäftigungsaffäre will die Justiz das nun auch für einen zweiten Fall. Doch anders als Fillon scheint das Le Pen nicht zu schaden. "Das liegt daran, dass sich die meisten Anhänger von Le Pen in sozialen Netzwerken informieren und nicht über die traditionellen Medien", erklärt der Politologe Thomas Guénolé. Le Pen präsentiere sich bei Auftritten und in den sozialen Medien erfolgreich als Opfer des Establishment.

Das kleinere Übel...

Bei der diesjährigen Präsidentschaftswahl gibt es viele Faktoren, die das Ergebnis beeinflussen dürften. Aber auf ein bestimmtes Muster war bislang Verlass: Im ersten Wahlgang tendieren die Franzosen dazu, eine Partei aus Protest zu wählen. Im zweiten Wahlgang, bei der Stichwahl, wird dann das kleinere Übel gewählt. So geschehen zum Beispiel bei der Präsidentschaftswahl 2002, als der Konservative Jacques Chirac gegen Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl zog. Selbst die Sozialisten gaben Chirac damals ihre Stimme - und der Konservative gewann. Serge Galam, Leiter des Forschungszentrums CNRS, spricht in diesem Zusammenhang von einem "Glasdach". Auf einen Erfolg im ersten Wahlgang folgt zumeist eine Niederlage im zweiten.

Marine Le Pen | Bildquelle: AP
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Marine Le Pen verfügt über treue Stammwähler. Das verschafft ihr bei der Wahl einen Vorteil

Niedrige Wahlbeteiligung gut für Le Pen

Die große Unbekannte bei der französischen Präsidentschaftswahl ist die Wahlbeteiligung. Umfrage-Institute gehen von 20 bis 36 Prozent Nichtwählern aus. Und je niedriger die Wahlbeteiligung, desto besser ist das für Le Pen, denn der Wählerstamm des Front National gilt als solide. "90 Prozent aller Le Pen-Anhänger werden wählen gehen", schätzt Galam. Und rechnet weiter: "Wenn nur 30 Prozent derjenigen, die gesagt haben, sie würden eine andere Partei als den Front National wählen, sich am 7. Mai von den Wahllokalen fernhalten, dann reicht es schon für einen Wahlsieg des Front National." Wie wahrscheinlich dieses Szenario ist, ist unklar, aber: Galam gilt als zuverlässiger Berechner von Abstimmungsergebnissen. So sagte er auch den Brexit und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten voraus.

Auf Stimmenfang im rechten Lager

Die Gefahr durch den Terrorismus bestimmt dieser Tage die Debatte in Frankreich. Und so wundert es nicht, dass seit dem Anschlag am Donnerstag auf den Champs-Elysée Fillon und Le Pen gleichermaßen auf Stimmenfang im rechten Lager gehen. Während eines Fernsehauftritts am Donnerstag verstieg sich Le Pen sogar zu der Behauptung, dass es unter ihrer Präsidentschaft kein Attentat im November 2015 gegeben hätte. Und Fillon erklärte am Freitag, er werde den Ausnahmezustand und die Grenzkontrollen beibehalten und für die Sicherheit der Franzosen kämpfen.

Premierminister Bernard Cazeneuve warf beiden Kandidaten vor, sie instrumentalisierten das Attentat für ihren Wahlkampf. Im Netz appellierten viele Bürger Frankreichs an den Zusammenhalt in der Gesellschaft und an die traditionellen Werte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Wahl in Frankreich bleibt spannend bis zum Schluss.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. April 2017 um 12:20 Uhr

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