Isle of Man | Bildquelle: NDR

"Paradise Papers" Wie die Isle of Man Reiche anlockt

Stand: 07.11.2017 02:46 Uhr

Durch die Paradise Papers gerät auch die kleine Insel Isle of Man massiv unter Druck. Einst ein Urlaubsparadies für britische Arbeiter, hat sich die Insel heute zum Steuerparadies für Wohlhabende und große Unternehmen entwickelt.

Von Philipp Eckstein, Jan Lukas Strozyk und Benedikt Strunz, NDR

Landschaft auf der Isle of Man | Bildquelle: NDR
galerie

Die Isle of Man ist eigenständig - untersteht aber der Britischen Krone.

Die Isle of Man ist eine sonderbare Insel. Sie gehört nicht zum Vereinigten Königreich und nicht zur Europäischen Union, hat eine eigene Währung und es gibt dort Schafe mit vier Hörnern. Früher war die Insel ein beliebtes Ziel bei Arbeitern aus Nordengland. Aber der Tourismus ist eingebrochen, die Briten zieht es längst nach Spanien oder in die Türkei.

Trotzdem geht es der Isle of Man gut. Heute sind es allerdings die Superreichen, die großen Firmen und die Zocker, die der Insel ein Einkommen bescheren, von dem andere Staaten nur träumen können. Die Isle of Man, ein kleines Eiland in der irischen See, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Steuer- und Finanzoase gemausert. Die "Paradise Papers" zeigen nun, wie den europäischen Staaten durch die Insel Jahr für Jahr Millionen an Steuereinnahmen entgehen. "Die Isle of Man ist offenbar das, was Luxemburg noch vor ein paar Jahren war", schrieb eine Kundin von Appleby in einer der internen E-Mails.

Der Flugzeug-Trick

Auf der Isle of Man leben zwar gerade einmal 83.000 Einwohner, dennoch hat sie einen großen Flugzeugsektor: Außer in Deutschland sind nirgendwo in Europa mehr Privatjets registriert. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Die Isle of Man gestattet es ausweislich der "Paradise Papers", dass wohlhabende Kunden ihre Jets über die Insel steuerfrei in die EU einführen. Das spart mehrere Millionen Euro pro Jet. Möglich wird das dank eines Abkommens mit dem EU-Mitglied Großbritannien. Die Unterlagen deuten darauf hin, dass der Schaden durch nicht gezahlte Steuern Hunderte Millionen betragen könnte. Zu denen, die diesen Service genutzt haben, gehören der Formel 1-Weltmeister Lewis Hamilton, aber auch der russische Oligarch Arkadij Rotenberg. Er wurde später auf eine Sanktionsliste der Europäischen Union gesetzt.

Teure Autos vor der The Private Jet Company auf der Isle of Man | Bildquelle: NDR
galerie

Am Flughafen der Isle of Man fühlen sich die Superreichen wohl.

Die Berater-Industrie um Appleby & Co ist eng mit der Verwaltung der Insel verquickt: Der Mann, der das Flugzeugregister für die Isle of Man entwickelt hat, arbeitet heute bei einem Appleby-Ableger. Zwischenzeitlich hatte er auch eine Zeit lang beide Posten inne - für die Politiker der Isle of Man kein Problem, einen Interessenkonflikt sahen sie nicht.

Profitverschiebung für Unternehmen

Auch für internationale Unternehmen ist die Isle of Man mittlerweile zu einem wichtigen Baustein geworden, wenn es darum geht, die heimische Steuer klein zu rechnen. Denn für ausländische Unternehmen beträgt der Steuersatz dort null Prozent. Das führte dazu, dass einige Sektoren, in den vergangenen Jahren massiv gewachsen sind.

So spielt die Isle of Man, neben Bermuda, eine zentrale Rolle in der internationalen Versicherungswirtschaft, insbesondere Eigenversicherungen nutzen die Insel als Standort. Eigenversicherungen, auch Captives genannt, werden in den USA von den Steuerbehörden auf der Liste des "dreckigen Dutzends" geführt, der zwölf aggressivsten und schädlichsten Steuertricks von Unternehmen. Dabei gründen Firmen eigene Versicherungen in Steuerparadiesen und können über die Prämien Gelder ins Ausland transferieren. Und auch millionenschwere Steuerhinterzieher wissen den diskreten Service der Insel offenbar zu schätzen, das zeigte im Frühjahr eine Recherche des kanadischen TV-Senders CBC Canada, einem Recherchepartner des NDR im ICIJ.  

"Wir sind keine Steueroase"

Howard Quayle | Bildquelle: Philipp Eckstein
galerie

Chief of Ministers Howard Quayle sagt, seine Insel sei keine Steueroase.

Die Regierung der Isle of Man will von diesen Vorwürfen nichts wissen. "Wir sind keine Steueroase", erklärte der Chiefminister der Isle of Man, Howard Quayle, in einem NDR-Interview. Einige Wochen vor der Veröffentlichung der "Paradise Papers" betonte er auf einer Pressekonferenz: "Die Isle of Man ist ein streng reguliertes Land mit einem ausgezeichneten Ruf für seinen Weltklasse-Service und die Einhaltung internationaler Standards in Sachen Steuern und Transparenz". Weiter führte er aus: "Die Besteuerung für den Flugzeugimport in die EU ist ein hoch technisches und komplexes Feld, in welchem die Isle of Man den gleichen Grundsätzen, den gleichen Gesetzen und Regeln folgt wie das Vereinigte Königreich."

Quayle erklärte weiter, dass die Regierung der Insel das britische Finanzministerium eingeladen habe, die Importpraxis für Geschäftsflugzeuge in die EU zu begutachten. Und er verwies darauf, dass das Flugzeugregister der Isle of Man im Jahr 2017 mit dem Preis "Best Global Aviation Registry" ausgezeichnet wurde. Der Wirtschaftsminister, Laurence Skelly, hatte den Preis als Auszeichnung für die "hohen regulatorischen Standards verbunden mit einem kundenfreundlichen Ansatz" gelobt.

Der Finanzminister der Isle of Man, Alfred Cannan, stellte klar: "Die Isle of Man ist kein Ort für diejenigen, die Steuern hinterziehen oder missbräuchlich vermeiden wollen." Mitglieder der Regierung betonten zudem, dass es die klassischen Probleme von Steueroasen, wie etwa Geldwäsche, auf der Isle of Man nicht gebe.

Dem widerspricht der aktuelle Polizei-Jahresbericht der Insel. Dort warnt der Polizeichef vor dem Arbeitsaufwand, den ihm der Bereich Finanz- und Wirtschaftskriminalität bereitet. "Ich könnte ohne Weiteres alle Kriminalbeamten an laufende Ermittlungen setzen und hätte immer noch nicht genug, um den Bedarf gerecht zu werden", heißt es in dem Bericht. Der Polizeichef nennt die Kriminalität im Finanzbereich eine "große strategische Herausforderung, die Auswirkungen auf den Ruf der Insel und ihren wirtschaftlichen Erfolg hat".

Glücksspiellizenzen für Online-Casinos

Regierungssitz auf der Isle of Man | Bildquelle: NDR
galerie

Etwa 84.000 Menschen werden vom Regierungssitz der Insel aus regiert.

Anfällig für Kriminalität und Geldwäsche ist nach Expertenmeinung auch der Bereich Online-Glücksspiel. In diesem Sektor verbucht die Insel enorme Zuwächse, das Wirtschaftsministerium schuf eine eigene Abteilung, um Kunden aus diesem Bereich anzulocken. Auch deutsche Firmen nutzen Lizenzen der Insel, um Glücksspielverbote in ihrem Heimatland zu umgehen. Für die Isle of Man ist der Glücksspielsektor längst zu einer tragenden Säule der Wirtschaft geworden: Rund 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entfallen auf Einnahmen aus diesem Bereich. Auch dazu heißt es von der Regierung: Alles sei bestens reguliert.

Druck der EU wächst

Für die Isle of Man kommen die Enthüllungen zur Unzeit. Zum einen ist unklar, welche Folgen der Brexit für die kleine Insel mit sich bringen wird, zum anderen erhöht die Europäische Union den Druck. Nach NDR-Informationen prüft die Wettbewerbskommission derzeit, inwiefern das Import-Modell für Flugzeuge gegen EU-Richtlinien verstößt. Außerdem gilt die Isle of Man als Kandidat für die EU-weite schwarze Liste von Steueroasen, an der die Mitgliedsstaaten aktuell arbeiten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 06. November 2017 um 22:15 Uhr.

Darstellung: