Sonne eines Merkur-Casinos | Bildquelle: picture alliance / David-Wolfgan

Geschäfte mit Online-Casinos Der Offshore-Automatenkönig

Stand: 06.11.2017 16:07 Uhr

Der Online-Glücksspielmarkt ist eine Wild-West-Branche: Renditegierige Unternehmer treffen auf Zocker, Gesetze zeigen wenig Wirkung. Der deutsche Automatenkönig Gauselmann mischt mit, wie die "Paradise Papers" belegen.

Von Philipp Eckstein und Jan Lukas Strozyk, NDR

Paul Gauselmann ist eine Institution im deutschen Zockermarkt. 60 Jahre alt ist sein Familienunternehmen in diesem Jahr geworden, das er einst mit dem Verkauf von Musikboxen in der Garage startete. Heute setzt die Gauselmann-Gruppe 1,7 Milliarden Euro im Jahr um, vor allem mit Geldspielautomaten.

Paul Gauselmann | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Das Unternehmen von Paul Gauselmann feiert in diesem Jahr 60-jähriges Jubiläum.

Die Feier zum 60. Geburtstag war gigantisch: 12.000 Menschen sollen ins beschauliche Espelkamp in Westfalen gekommen sein. Es gab ein Riesenrad, Fußballer Lukas Podolski sprach ein Grußwort und der ehemalige Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen Garrelt Duin (SPD) lobte den Unternehmer in der Festrede als "Teil der Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik".

Verbundenheit zur Heimat und Qualität "Made in Germany", das sind Werte, die Gauselmann gern für sich in Anspruch nimmt. Die "Paradise Papers" zeigen, dass der Unternehmer sein Geld indes auch in der Steueroase Isle of Man verdient - mit Internet-Spielen um Geld. Die Dokumente sind Teil eines Datensatzes, der der "Süddeutschen Zeitung" zugespielt wurde und den sie unter anderem mit NDR und WDR teilte.

Immer mehr Online-Casinos und digitale Spielhallen siedeln sich auf der kleinen Insel in der irischen See an. Das Glücksspielgeschäft macht mittlerweile rund 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Inselstaates aus. Auch dank der Hilfe von Kanzleien wie Appleby.

Das Geschäft mit dem Glück

Für Appleby sind Online-Casinos ein herausragender Geschäftszweig auf der Isle of Man. Mithilfe von Hochglanz-Broschüren bewerben die Anwälte ihre Dienste als "One-Stop-Shop", wie man in der Branche sagt. Also als alleiniger Ansprechpartner, der sich um alle Belange kümmert. Appleby besorgt auf Wunsch eine Offshore-Firma, die Scheindirektoren dafür, kümmert sich um eine Glücksspiellizenz auf der Isle of Man und bereitet die Geschäftsbedingungen und Verträge vor. Mit so einem Paket ausgestattet kann jeder ein Online-Casino starten. Die Seiten sind auch aus Deutschland zu erreichen, wo Online-Casinos illegal sind.

Was dann noch fehlt, sind die Spiele. Hier hilft die Gauselmann-Gruppe. Im Jahr 2010 gründete eine Gauselmann-Tochter einen Ableger auf der Isle of Man namens Edict Egaiming IoM Limited. Appleby kümmerte sich damals um das Vertragswerk, das zeigen die Unterlagen der "Paradise Papers". Die Firma ist Gauselmanns Einstieg in die illegalen Online-Casinos. Edict Egaming lizenzierte fortan die bekannten Merkur-Spiele mit der strahlenden Sonne für den Einsatz in Online-Casinos auf der ganzen Welt und programmiert auf Kundenwunsch komplette Plattformen für deren Betrieb.

Illegale Online-Casinos

Im Internet finden sich zahlreiche Online-Casinos, die sich sichtbar an deutsche Kunden richten. Sie schalten zum Teil sogar Fernsehwerbung in Deutschland - mit Sportlern und Prominenten. Und fast überall kann man Geld auf die berühmten Merkur-Spiele von Gauselmann setzen. Der Automatenkönig betreibt diese nicht-lizenzierten Seiten aber nicht selbst, sondern er vertreibt nur seine Spiele an diese Anbieter, gegen eine Gebühr. So verdient er daran mit, ohne sich unmittelbar des Verdachts illegaler Glücksspiele auszusetzen.

Diese Online-Spiele gelten unter Experten als hochriskant für suchtanfällige Spieler. Michael Adams, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Hamburg, hat jahrelang zu illegalem Glücksspiel geforscht. "Wenn Sie in das Casino gehen, gibt es eine Fülle von Schutzvorkehrungen und es wird geprüft, ob Sie gesperrt sind. Online haben Sie das Casino bei sich im Hause. Sie haben es Tag und Nacht", sagte Adams im Gespräch mit dem NDR. "Sie müssen keinen Schritt gehen, keiner kontrolliert, was Sie da machen, wie lange Sie spielen und ob Sie die Kontrolle verloren haben. Keiner kontrolliert, ob Sie betrunken sind. Sie verspielen oben in Ihrer Dachstube Ihr ganzes Lebensvermögen und das Ihrer Familie dazu", sagte Adams weiter.

Gauselmann-Anwalt trifft Appleby

Offenbar möchte die Gauselmann-Gruppe nicht direkt mit den Online-Geschäften in Verbindung gebracht werden. Die Umstände, unter denen Gauselmann auf der Isle of Man Geschäfte macht, sind zumindest intransparent. Im Juli 2012 traf sich der Justiziar von Gauselmann ausweislich der "Paradise Papers" mit Appleby. Er wollte klären, inwiefern man die Besitzverhältnisse der Gauselmann-Firma auf der Isle of Man mit Hilfe der Kanzlei verändern könne, heißt es in einer E-Mail. Kurz darauf wechselte die Firma den Eigentümer. Neuer Besitzer ist seitdem eine Strohfirma namens Bruncaster Limited, eine Gesellschaft, die schon in den "PanamaPapers" eine Rolle spielte und die im Zusammenhang mit zahlreichen Briefkastenfirmen als Schein-Gesellschafter auftaucht.

Online Casino Stake7 auf dem Computer | Bildquelle: NDR
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Gauselmann bestätigt, stake7.com als Komplett-Casino an den heutigen Betreiber verkauft zu haben.

Sie hält die Anteile im Auftrag der Gauselmann-Gruppe. Nach außen ist das aber für niemanden zu erkennen. Zudem wechselte der Name der Firma, sie heißt heute Alliance Gaming Solutions. Ein Sprecher der Gruppe räumte das auf Nachfrage ein. Man habe die Firma erst verkaufen wollen, habe es sich dann aber anders überlegt. Die Umstrukturierung soll demnach eine Vorbereitung des Verkaufs gewesen sein. Rund ein Jahr später verschwanden auch die Namen der Gauselmann-Manager aus dem Handelsregister, die bis dahin die Firma geleitet hatten. Sie wurden durch Scheindirektoren ersetzt. Warum man eine Firma vor einem möglichen Verkauf an einen Schein-Gesellschafter überträgt, erklärte der Sprecher nicht.

Gauselmann verkauft Komplett-Casino

In Espelkamp ist man bemüht, maximale Distanz zwischen das Unternehmen und die illegalen Online-Casinos zu bringen. Auf Anfrage sagte ein Sprecher: "Die Gauselmann-Gruppe arbeitet nicht mit Unternehmen zusammen, die offenkundig deutsche Gesetze brechen." Das deutsche Glücksspielrecht sei auf Internet-Anbieter nicht anwendbar, so argumentiert der Sprecher. Dem widersprechen indes Juristen, mit denen Reporter von NDR und "SZ" gesprochen haben.

Wie weit Gauselmann in den illegalen Casino-Markt involviert ist, zeigt eine Geschäftsanbahnung aus dem Jahr 2011. Damals wandte sich ausweislich der "Paradise Papers" ein Gauselmann-Manager an Appleby und fragte, ob man eine Briefkastenfirma auf den Britischen Jungferninseln einrichten könne. Ein Geschäftspartner wolle damit ins Online-Casino-Geschäft einsteigen. Appleby wimmelte ab: Die Jungferninseln seien nicht der richtige Ort, man solle es mit der Isle of Man probieren. Ein paar Monate später wurde die Stake 7 Gaming IoM Ltd. registriert, heute firmiert die Gesellschaft unter Top Gaming Europe Ltd.

Einziger Gesellschafter ist ebenfalls eine Strohfirma. Auch sie ist einschlägig aus den "PanamaPapers" bekannt. Top Gaming Europe betreibt die Webseite Stake7.com; ein großes deutsches Online-Casino, das sich mit seinem Angebot an Merkur-Spielen rühmt. Chef ist ein deutscher Unternehmer namens Thomas Wolfgang T. Der äußert sich auf Anfrage nicht. Ein Sprecher von Gauselmann sagt, es handle sich dabei um einen zeitlichen Zufall - einen inhaltlichen Zusammenhang gebe es nicht. Gauselmann bestätigt, dass man Stake7.com als Komplett-Casino gebaut und dann verkauft habe. Gegen eine Lizenzgebühr versorge man das Casino mit Merkur-Spielen. Davon abgesehen habe man mit dem Online-Casino nichts zu tun.

Wahre Eigentümer verschleiert

Allerdings weisen Dokumente darauf hin, dass Stake7.com nicht T.'s Idee war, sondern die der Gauselmann-Leute: Bis Anfang 2013 gehörte die Webseite der Gauselmann-Tochter auf der Isle of Man. Erst, nachdem der Gauselmann-Manager sich an Appleby wandte und um Starthilfe für den Geschäftspartner bat, wurde die Webseite an T.'s Offshore-Gesellschaft übertragen. Wer letzten Endes heute der wahre Eigentümer ist, das lässt sich wegen der Zwischengeschalteten Strohfirma nicht nachvollziehen. An der angeblichen Geschäftsadresse von Stake7.com auf der Isle of Man ist die Firma gänzlich unbekannt. Eine Empfangsmitarbeiterin schickte die Reporter vom NDR fort: Sie habe weder Stake7.com noch Top Gaming Europe Ltd. je gehört.

T. und die Top Gaming Europe Ltd. antworteten auf Fragen nicht. Die Gauselmann-Gruppe sagte, was die Webseite Stake7.com in Deutschland anbiete, dafür sei sie nicht zuständig. Man liefere die Spiele lediglich aus, was danach geschehe, sei Sache des Anbieters.

Der Automatenkönig Gauselmann
Philipp Eckstein, NDR
06.11.2017 17:06 Uhr

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