Gebäude von Appleby auf der Isle of Man | Bildquelle: NDR

Offshore-Kanzlei Appleby - Zentrum der "Paradise Papers"

Stand: 05.11.2017 18:59 Uhr

Die Anwaltskanzlei Appleby steht im Zentrum der "Paradise Papers". Dabei galt sie bislang als Vorzeige-Firma der Offshore-Industrie. Die Recherchen zeigen allerdings, dass auch sie in zahlreiche fragwürdige Geschäfte involviert ist.

Von Philipp Eckstein und Jan Lukas Strozyk, NDR

Als Appleby 2015 zur "Offshore-Kanzlei des Jahres" gewählt wurde, fiel das Urteil der Jury eindeutig aus: "Über alle Länder und Geschäftsfelder hinweg wird die Gesellschaft ständig gelobt", hieß es da. Die "Paradise Papers", die der "Süddeutschen Zeitung" zugespielt wurden und die von NDR, WDR, SZ und weiteren Medienpartnern des ICIJ ausgewertet wurden, werfen ein anderes Licht auf die Geschäfte von Appleby - und damit auch auf die der gesamten Branche. Rund die Hälfte der 13,4 Millionen Dokumente des Datenlecks stammen aus der Kanzlei und sie belegen, dass sich Appleby reihenweise mit zweifelhaften Kunden eingelassen und ihnen bei Steuertricks geholfen hat.

Da ist zum Beispiel ein Geschäftsmann aus Nigeria: Er stand im Verdacht, Gelder zu waschen und Steuern zu hinterziehen. Das war den Appleby-Mitarbeitern bekannt. Trotzdem eröffneten sie für den Mann Briefkastenfirmen auf Bermuda. So ein Kunde sei durchaus im Rahmen von Applebys "Risikoappetit", notierten sie 2015 in der internen Kundenkartei für problematische Kunden. Diese Kartei beinhaltet mehr als 200 Einträge, die der Kanzlei gefährlich werden könnten: potenzielle Kriminelle, Politiker und deren Angehörige.

Star der Offshore-Branche

Strand auf der Großen Cayman-Insel | Bildquelle: picture alliance / AP Photo
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Appleby hat Standorte unter anderem auf der Isle of Man, Bermuda und hier auf den Cayman Islands.

Appleby ist der Star einer Branche, zu deren Dienstleistungen die Gründung von Briefkastenfirmen, die Verwaltung und Verschleierung großer Vermögen und die Umsetzung komplizierter Steuersparmodelle gehören. Die Kanzlei ist mit ihren etwa 470 Mitarbeitern an zehn Standorten vertreten, die von Experten allesamt als Steueroase bezeichnet werden, darunter Bermuda, die Cayman Islands, Jersey und die Isle of Man. Dort aktiv zu sein, wo kleine Staaten um große Vermögen buhlen, ist ein Wettbewerbsvorteil, mit dem Appleby offen wirbt. Die Kanzlei bietet die Möglichkeit, für Klienten individuelle Pakete zu schnüren - unter maximaler Ausnutzung der örtlichen Steuer- und Transparenzgesetze.

"PanamaPapers" kein Einzelfall

Als die Offshore-Geschäfte nach den Enthüllungen der "PanamaPapers" im vergangenen Jahr in den Fokus rückten, betonten Vertreter der Branche, die Kanzlei Mossack Fonseca sei eine Ausnahme. Die "Paradise Papers" belegen jetzt allerdings: Obwohl der Branchenprimus Appleby in der Tat deutlich professioneller und weniger skrupellos agiert als Mossack Fonseca, finden sich auch bei Appleby zahlreiche für die Allgemeinheit schädliche Geschäftspraktiken.

Interne Kontrollen versagen

Bei Appleby sind sogenannte Compliance Manager dafür zuständig, bei problematischen Kunden abzuwägen, ob ein Geschäft angenommen werden sollte oder besser nicht. Zugleich versuchen sie bei firmeninternen Schulungen, die Mitarbeiter für das Thema zu sensibilisieren. Die Schattenfinanzplätze dieser Welt, an denen Appleby tätig ist, ziehen Menschen an, die Geld aus illegalen oder illegitimen Geschäften verstecken wollen. Für die Anwälte bedeutet das, genau hinzusehen und im Zweifelsfall ethische und juristische Bedenken vor Profitinteressen zu stellen - zumindest theoretisch.

In der Praxis gelingt das jedoch regelmäßig nicht. Der leitende Compliance Manager von Appleby stellte bereits 2011 in einer internen Präsentation konsterniert fest: "Es ist wirklich erstaunlich, was für einen Mist wir [als Kunden] angenommen haben." Auch Jahre nach diesen harschen Worten finden sich in den "Paradise Papers" zahlreiche Beispiele, in denen Anwälte von Appleby die nötige Sorgfaltspflicht ignorieren und sich auch aktiv über Warnungen ihrer Compliance Manager hinwegsetzen.

Gelder aus dubiosen Quellen

So belegen die "Paradise Papers" beispielsweise, dass Appleby Personen und Firmen als Kunden führte, die auf Sanktionslisten gelistet wurden. Ebenso wie mit einem Geschäftsmann, dessen Firma offenbar in den Handel mit sogenannten Blutdiamanten aus Afrika involviert war. 2013 fiel der Kanzlei intern angeblich zum ersten Mal auf, dass ein Mann seit fast 30 Jahren ihr Kunde ist, dessen Firma im Verdacht stand, als Strohfirma für den ehemaligen irakischen Diktator Saddam Hussein gedient zu haben. Der Bruder des Mannes hatte das irakische Atomwaffenprogramm geleitet. 

Ärger mit Behörden

Selbst die eigentlich wohlwollenden Behörden in den Steueroasen fällen in internen Berichten mehrfach kritische Urteile. So warf etwa die Finanzbehörde auf Bermuda Appleby wiederholt vor, nicht genug für die Geldwäschebekämpfung und gegen mögliche Terrorismusfinanzierung zu unternehmen. Im Jahr 2015 verhängte sie deshalb sogar eine Geldstrafe, die allerdings in beiderseitigem Einverständnis geheim gehalten wird. Die "Paradise Papers" deuten darauf hin, dass Appleby eine halbe Million US-Dollar zahlte.

Gebäuder von Appleby auf der Isle of Man | Bildquelle: NDR
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Am Standort auf der Isle of Man arbeiten Appleby und Estera im selben Gebäude.

Zu den Kunden der Kanzlei zählen auch zahlreiche international tätige Großkonzerne, wie Rohstoffunternehmen oder Versicherungen. Ihnen hilft die Kanzlei bei der Umsetzung komplizierter Steuersparmodelle - ersonnen nicht selten von weltweit führenden Unternehmensberatungen. Auch Sportstars, Milliardäre und Politiker vertrauen auf die Dienste von Appleby. Vieles, was die Firma für ihre Kunden tut, ist legal. Zahlreiche Geschäfte haben allerdings nur ein Ziel: Die Steuerlast der wohlhabenden Kunden zu drücken. Im Ergebnis führt das zu immensen Einbußen in den Staatskassen rund um den Globus.

Firma sieht kein Fehlverhalten

Konfrontiert mit den Vorwürfen, erklärte die Kanzlei Appleby, dass sie bei vielen angefragten Fällen weder ein öffentliches noch ein journalistisches Interesse nachvollziehen könne. Eines Fehlverhaltens sei sich die Kanzlei bei vielen der geschilderten Fälle nicht bewusst. Mehrere Gesprächsangebote lehnte die Kanzlei ab und verwies darauf, dass viele ihrer früheren Kunden heute von Estera betreut würden. Unter diesem Namen agiert seit April 2016 eine Firma, die einen Teil des Appleby-Geschäfts aufgekauft hat und von ehemaligen Anteilseignern von Appleby geleitet wird. Die beiden Firmen arbeiten auch heute noch eng zusammen.

Eine Sprecherin von Estera antwortete auf Anfrage von NDR, WDR und SZ, dass sie auf Fragen, die sich auf die Zeit vor der Firmengründung beziehen, nichts sagen könnte und generell: dass sich Estera an alle Regeln halte.  

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