Papst Franziskus zu Besuch in einer Kirche der Waldenser in Turin. | Bildquelle: REUTERS

Historische Schuld der katholischen Kirche Papst bittet Waldenser um Vergebung

Stand: 22.06.2015 14:48 Uhr

Im Mittelalter wurden die Waldenser von der katholischen Kirche als Ketzer verfolgt. Nun hat Papst Franziskus sie um Verzeihung gebeten. Es war der erste Papstbesuch in einer Kirche der wichtigsten evangelischen Gemeinschaft Italiens.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom

Mehr als 800 Jahre wurden die Waldenser als Häretiker, als Ketzer, von der katholischen Kirche verunglimpft und verfolgt. Der Besuch von Papst Franziskus bei den Waldensern in Turin hat vor diesem Hintergrund historische Bedeutung, sagt der Sprecher, der sogenannte Moderator der evangelischen Waldenserkirche, Pastor Eugenio Bernardini: "Indem sie in diesen Tempel eingetreten sind, haben sie eine historische Schwelle überschritten. Eine Mauer, die vor 800 Jahren errichtet wurde, als unsere Bewegung der Häresie beschuldigt und von der römischen Kirche exkommuniziert wurde."

Die Kirche der Waldenser entstand vor 800 Jahren in Frankreich. Ihr Gründer Petrus Valdes forderte ein Leben in radikaler Armut. Die kirchliche Hierarchie lehnte er genauso ab wie das Monopol des Klerus auf die Bibelauslegung. 300 Jahre vor Martin Luther kämpften die Waldenser gegen die Heiligenverehrung und den Ablasshandel. Sie sprachen sich gegen den Kriegsdienst aus und gegen die Todesstrafe. Die Folge war erbitterte Verfolgung durch die kirchliche und die weltliche Obrigkeit. Ziel war die physische Vernichtung dieser Bewegung.

Rückzug in entlegene Alpentäler

Es ist ein besonders dunkles Kapitel in der Kirchengeschichte, für das Papst Franziskus in Turin um Verzeihung bat. "Für die katholische Kirche bitte ich euch um Vergebung für all jene unchristlichen, ja unmenschlichen Handlungen und Einstellungen, die wir in der Geschichte gegen euch gerichtet haben. Im Namen Christi, vergebt uns!"

Papst Franziskus zu Besuch in einer Kirche der Waldenser in Turin. | Bildquelle: REUTERS
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Papst Franziskus zu Besuch in einer Kirche der Waldenser in Turin.

Vor der Inquisition zogen sich die Waldenser in die entlegensten Alpentäler zurück. Übrig blieb eine kleine Kirche. Es gibt weltweit etwa 100.000 Waldenser. Die meisten von ihnen leben in Italien.

Eine kleine, aber sehr lebendige Gemeinde, die von vielen in Italien als erfrischendes Kontrastprogramm zur etablierten römisch-katholischen Kirche gesehen wird. Bei der Kirchensteuer haben die Italiener die freie Wahl, und die Waldenserkirche zählt deutlich mehr Steuerzuwendungen als Mitglieder.

Nur eine "kirchliche Gemeinschaft"

Die Beziehungen zu den katholischen Gemeinden normalisierten sich in den vergangenen Jahren, und dennoch fühlen sich die italienischen Protestanten von der übermächtigen römisch-katholischen Kirche nicht ernst genommen. In offiziellen Stellungnahmen werden sie wie Lutheraner nicht als Kirche sondern als "kirchliche Gemeinschaft" bezeichnet.

Waldenser Pastor Bernardini sprach den Papst direkt darauf an: "Wir haben nie begriffen, was dieser Ausdruck bedeutet. Eine halbe Kirche? Ein Kirche, die keine Kirche ist? Wir glauben, das muss überwunden werden. Ein schöner Anlass wäre das Jahr 2017, wenn wir an 500 Jahre Reformation erinnern."

Franziskus sprach in Turin ganz selbstverständlich von der Kirche der Waldenser. Sein Besuch und seine Vergebungsbitte sind starke ökumenische Signale. "Einheit als Frucht des Heiligen Geistes bedeutet nicht Uniformität. Geschwister verbindet der gleich Ursprung, das heißt aber nicht, dass sie gleich sind."

Zum Abschluss seines Besuchs in Turin pflegte der Papst tatsächlich Familienbeziehungen. In diesem Fall im wahrsten Sinn des Wortes: Die Familie Bergoglio ist im Jahr 1929 nach Argentinien ausgewandert. Franziskus nahm den Besuch im Piemont zum Anlass, Mitglieder seiner weitverzweigten Familie zu treffen.

Papst Franziskus bittet Waldenser um Vergebung
T. Kleinjung, ARD Rom
22.06.2015 14:19 Uhr

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