Papst Benedikt XVI. | Bildquelle: dapd

Spekulationen im Vatikan Papst-Rücktritt wirklich nur wegen der Gesundheit?

Stand: 14.02.2013 16:23 Uhr

Niemand geringeres als der Papst selbst hat die "Spaltung innerhalb des kirchlichen Korps" kritisiert. Das dürfte die Spekulationen anheizen, ob es außer seiner Gesundheit noch andere Gründe für seine Rücktrittsankündigung gibt. Zum Beispiel das vielfältige Chaos im Vatikan.

Von Stefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio Rom

Eine Aussage von Papst Benedikt XVI. deutet an, dass es im Vatikan bei weitem nicht so heilig zugeht, wie die Gläubigen vielleicht hoffen. Zum ersten Mal brachte er bei der Aschermittwochsmesse im Petersdom Kritik an den Zuständen in der römischen Kurie an - und zwar für seine Verhältnisse überaus deutlich: "Dieses Gebet lässt uns über das Zeugnis von Glauben und christlichem Leben nachdenken und über das Ansehen der Kirche und wie dieses manchmal besudelt wird. Ich denke da insbesondere an die Schläge gegen die Einheit der Kirche und die Spaltung innerhalb des kirchlichen Korps."

Diese päpstliche Worte dürften Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker sein, die verbreiten, der Papst sei gar nicht aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten - dahinter stecke viel Größeres.

Papst äußert Krtik an römischer Kurie
S. Troendle, ARD Rom
14.02.2013 15:43 Uhr

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"Vieles lief und läuft nicht gut"

Das glaubt der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper zwar nicht, aber auch er äußerte sich im Interview mit dem ARD-Hörfunk in Rom - für vatikanische Gepflogenheiten - überaus deutlich: "In der Kurie ist vieles nicht gut gelaufen und läuft nicht gut. Es wird sicherlich eine Aufgabe des neuen Papstes sein, hier in der Kurie die Zügel in die Hand zu nehmen und auch in mancher Hinsicht etwas Ordnung zu schaffen." Er sei mit vielen Dingen nicht zufrieden gewesen, sagt Kasper weiter - aber er würde nicht wie manche andere sagen, dass das der Grund für den Papst-Rücktritt war.

Vieles ist nicht gut gelaufen: Gemeint sind der "Vatileaks"-Skandal und das Auftreten des wichtigsten Mannes nach Benedikt, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, der als vollkommen überfordert gilt. Der Papst sei ein brillanter Theologe heißt es, aber kein Organisator, der die Zügel in die Hand nehme, kein Kirchenpolitiker und Vatikandiplomat.

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Papstwahl am 19.4.2005

19. April 2005: Die 115 Kardinäle im Konklave haben Joseph Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt. Er gibt sich den Namen Benedikt XVI. Vom Balkon des Petersdoms begrüßt er die Menschen auf dem Petersplatz. | Bildquelle: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Reform der Kurie fiel fatalerweise aus

Vielleicht war auch der größte Fehler Benedikts in seiner Amtszeit, dass er die Kurie nicht reformierte und an die Erfordernisse der Zeit anpasste. Bedeutende Pannen - Stichwort: Williamson - hätten so vermieden werden können. Ohne Kontrolle von oben konnte stattdessen jeder im Vatikan sein eigenes Süppchen kochen, was sicher auch zum Entstehen des "Vatileaks"-Skandals beitrug.

Erster Höhepunkt im Februar 2012 war der Titel der Zeitung "Il Fatto Quottidiano": Der war ein Pamphlet zugespielt worden, und sie schrieb, es gebe eine Verschwörung gegen den Papst, dieser werde innerhalb von zwölf Monaten sterben. "Il Fatto"-Autor Marco Lillo: "In dem Dokument spricht man von Mordkomplott. Das ist natürlich eine logische Schlussfolgerung von denjenigen, die in China mit dem Erzbischof von Palermo, Kardinal Romeo, gesprochen haben." Dieser habe dies angeblich gehört.

Bemerkenswerte Aussage schon vor einem Jahr

Wirklich bemerkenswert ist die Aussage von Alt-Bischof Luigi Berttazzi, einem der Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils. Er sagte vor genau einem Jahr in der italienischen RAI dazu: An einem gewissen Punkt werde der Papst sehr ermüdet sein und zurücktreten. Um auf diesen Schock vorzubereiten - nichts anderes sei es ja, wenn ein Papst zurücktrete - fange man an, die Legende von einem Komplott zu verbreiten, sagte Berttazzi damals: "Ich glaube, dass Ratzinger an Rücktritt denkt. Die haben es bestritten, aber ein alter Kardinal hat gesagt: 'Wenn der Vatikan etwas bestreitet, dann stimmt es.'"

Diese Aussage bekommt jetzt eine ganz andere Bedeutung. Vor allem passt sie zu dem, was die Wochenzeitschrift "Panorama" schreibt: Der Papst habe seine Rücktrittsentscheidung getroffen, nachdem ihm im Dezember der zweite Untersuchungsbericht einer Kardinalskommision zum "Vatileaks"-Skandal übergeben worden sei. Durch diesen habe er ein Bild von der Kurie erhalten, dass er sich nie habe vorstellen können.

Einfach keine Lust mehr?

Die meisten Insider im Vatikan denken zwar, dass gesundheitliche Gründe beim Papstrücktritt eine Rolle gespielt haben. Sie räumen aber ein, dass "Vatileaks" und andere Vorkommnisse für den Papst sicher sehr belastend und kräftezehrend waren. Dass der Papst einfach keine Lust mehr hat und seine Führungsschwäche eingestehen muss, könnte man sich menschlich zumindest vorstellen. Dass er zum Rücktritt genötigt wurde, aber nicht.

Es gibt übrigens noch einen anderen Punkt, der den Anhängern von Verschwörungstheorien bisher gar nicht auffiel. Der Papst wird den Vatikan am 28. Februar um 17.00 Uhr per Hubschrauber verlassen. Dan Brown lässt grüßen.

Dieser Beitrag lief am 14. Februar 2013 um 12:40 Uhr im Deutschlandfunk.

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