Papst Franziskus auf dem Weg zu einer Generalaudienz in Rom | Bildquelle: AP

Papst trifft Missbrauchsopfer Endlich empathisch

Stand: 03.05.2018 09:24 Uhr

Jahrelang hatte die katholische Kirche die Missbrauchsfälle in Chile nicht aufgearbeitet. Nun kam Papst Franziskus mit Opfern zusammen. Das Treffen zeigt: Die Aufarbeitung hat erst begonnen.

Von Lisa Weiß, ARD-Studio Rom

Es waren offene und respektvolle Gespräche mit Papst Franziskus; er habe sich aufmerksam und empathisch gezeigt, sagten die drei Männer aus Chile. Eine Woche waren sie Gäste des Papstes: Als Minderjährige hatte der Priester Fernando Karadima sie sexuell missbraucht.

Diese Taten waren jahrelang nicht richtig aufgearbeitet worden. Der Vorwurf der Missbrauchsopfer: Chiles Bischöfe hätten den Täter gedeckt. Allen voran Bischof Juan Barros, der auch bei Missbrauchstaten dabei gewesen sein soll.

Der Papst irrte

Bei seiner Chilereise im Januar hatte Papst Franziskus noch gesagt, er glaube, dass Barros unschuldig sei. Es sei ein Fall, den er "genau anschauen" und untersuchen habe lassen. Aber, so der Papst, "trotz aller Arbeit, gibt es in Wirklichkeit keine Beweise".

Doch schließlich schickte der Papst einen Sonderermittler nach Chile. Der hörte Zeugen an und sammelte Material. In einem Brief an die chilenischen Bischöfe schrieb Franziskus dann erstmals von schwerwiegenden Fehlern bei der Beurteilung von Missbrauchsfällen in Chile. Nun also die Einladung der drei Missbrauchsopfer.

Die chilenischen Missbrauchsopfer Hamilton, Cruz und Murillo nach einem Treffen mit dem Papst. | Bildquelle: ANGELO CARCONI/EPA-EFE/REX/Shutt
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Endlich vom Papst angehört: Missbrauchsopfer Hamilton, Cruz und Murillo

Bitte um Vergebung

Rund drei Stunden habe jeder von ihnen einzeln mit dem Papst gesprochen, sagte Juan Carlos Cruz. Der Papst habe sie um Vergebung gebeten und eingestanden, dass auch er Teil des Problems gewesen war. "Meine Schlussfolgerung ist, dass der Papst in Wirklichkeit schlecht informiert war", sagte Cruz anschließend. Gelogen habe Franziskus nicht, die Unterlagen, die Indizien, die sie dem Vatikan geschickt haben, seien wohl nie bei ihm angekommen.

James Hamilton, ebenfalls Missbrauchsopfer, äußerte sich zu diesem Thema eher diplomatisch. "Wahrscheinlich werden wir nie die Wahrheit über diese Situation wissen", erklärte er. Aber er glaube, dass der Papst "jetzt wirklich gut informiert" sei. Für ihn sei jetzt "der Moment gekommen, nach vorne zu schauen und zu warten. Jeder verdient eine zweite Chance."

"Der Glaube ist nicht mehr glaubwürdig"

Franziskus habe sie gebeten, ihm in den nächsten Tagen Ideen und Vorschläge zu schicken, wie man Missbrauch in der katholischen Kirche bekämpfen könne. Er selbst habe dem Papst gesagt, dass die Kirche gerade der größten Krise gegenüberstehe, die man sich vorstellen kann - einer inneren Krise. "Die Bedrohung kommt nicht von außen, niemand bringt Priester um. Wenn etwas umgebracht wird, dann ist es der Glaube. Der Glaube ist nicht mehr glaubwürdig."

Bischof Barros ist immer noch im Amt. Und auch wenn die drei Männer betonten, dass es nicht ihre Aufgabe sei, die nötigen Veränderungen herbeizuführen - dass sie der Meinung sind, der Papst solle den Bischof zur Verantwortung ziehen, wurde deutlich.

Auch einer der engeren Mitarbeiter des Papstes ist nach Aussage der drei Missbrauchsopfer in den Skandal tief verwickelt: Kardinal Francisco Javier Errázuriz. Er soll wiederum Bischof Barros gedeckt haben.

Der chilenische Bischof Juan Barros | Bildquelle: AFP
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Nach wie vor im Amt: Bischof Barros

Ein langer, erschöpfender Weg

Als eine weltweite Epidemie bezeichnen die Überlebenden die Missbrauchsfälle. José Andrés Murillo spricht von einem langen und erschöpfenden Weg, und dass er kein Gefühl des Triumphs empfinde. "Ich muss es aussprechen: Ich bin müde, das hier ist kein Moment der Fröhlichkeit, der Wiedergutmachung. Auch weil ich ständig mit Kindern arbeite, die Opfer sexuellen Missbrauchs sind."

Er und die beiden anderen Missbrauchsopfer sehen sich als Vertreter Tausender Menschen, die sexuellen Missbrauch durch Kirchenvertreter erlitten haben, die erleben mussten, wie die Taten verschleiert wurden. Die aushalten müssen, dass die Verantwortlichen nicht mehr bestraft werden können, weil all das längst verjährt ist. Sie hoffen, dass der Papst seinen Worten Taten folgen lässt. Denn sonst, sagen sie, war der lange Weg, war das Treffen mit Franziskus umsonst.

Missbrauchsüberlebende ziehen Bilanz nach ihrem Treffen mit Papst Franziskus
Lisa Weiß, ARD Rom
03.05.2018 08:25 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. April 2018 um 12:37 Uhr.

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