Papst-Besuch auf Lesbos

Kleine große Geste

Stand: 16.04.2016 23:41 Uhr

Der Papst hat ein Beispiel gegeben, wie jeder mit zutiefst christlichen Werten in der Flüchtlingskrise helfen kann. Wahrscheinlich werden einige nun über "Gutmenschentum" schimpfen, doch vielleicht fehlt in der Flüchtlingskrise eben auch einfach Mitmenschlichkeit.

Ein Kommentar von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom, aus Mytilini, Lesbos

Vermutlich wird es jetzt wieder die geben, die das, was der Papst tut, schrecklich banal finden. Oder weltfremd. Was bringen schon die eindringlichen Worte, was bringt es, an die Menschlichkeit zu appellieren - angesichts einer Flüchtlingskrise biblischen Ausmaßes? Was nützt es, wenn ein Papst ein paar gestrandeten Migranten die Hände schüttelt, sich ein paar zufällige Geschichten anhört, die tröstet, die vor ihm in Tränen ausbrechen, und die darauf hoffen, dass Franziskus irgendetwas für sie tun kann?

Kann er nämlich nicht.

Daran können auch die drei muslimischen Familien aus Syrien nichts ändern, die jetzt aus den tausenden Flüchtlingen in Lesbos ausgewählt wurden, um mit dem Papst nach Rom zu fliegen. Ein Tropfen auf den heißen Stein ist das - und fast möchte man, wenn man vom Papst redet, das böse Wort vom "Gutmenschen" aussprechen.

"Dieser Papst ist ein Mann der Tat", das hat ein Kardinal aus Rom vor ein paar Tagen gesagt. Auch das klingt schrecklich banal, fast wie ein Werbeslogan. Aber genau das macht den Unterschied: Wo andere abstrakte Appelle in die Welt schicken, wo diffuse Ängste und Sorgen die Debatte über die Migrationskrise, die längst schon eine Krise Europas ist, bestimmen, geht Papst Franziskus einfach dahin, wo die Probleme sind. Er versucht, bei den Menschen mit ihren Problemen zu sein.

Der Versuch von Franziskus, die Geschichten dieser Menschen im Elend zu hören, sie zu trösten, ihnen Mut zu machen, mag wenig bringen. Aber damit setzt der Papst ein Zeichen.

Ein zutiefst christlicher Ansatz

Könnte es nicht jeder von uns genauso machen? Und müsste das uns Normalsterblichen nicht viel leichter fallen als einem Papst? Man braucht dafür nur etwas Zeit, Offenheit - wir müssen unsere abstrakten Berührungsängste über Bord werfen. Wer auch nur einen Flüchtling rettet, bei ihm ist, der rettet die ganze Welt. Das ist ein zutiefst christlicher Ansatz. Sogar ein abendländischer Ansatz, wenn man so will. Aber das ist schon wieder viel zu groß gedacht.

Die Lösung der Migrationskrise wird gerne sehr weit weg gesehen und als Herkulesaufgabe. Dazu müsste man Kriege beenden und Waffenverkäufe stoppen, die Wirtschaft in Entwicklungsländern in Gang bringen und die Folgen des Klimawandels abmildern.

Klar, das alles muss passieren. Aber wie wäre es, wenn die Lösung der Migrationskrise zunächst einmal in etwas Mitmenschlichkeit liegt? In Respekt, in Menschenwürde? Und in einem echten Versuch zu helfen, den Menschen in Not nahe zu sein, jeder wie er kann?

Schimpfen Sie mich meinetwegen jetzt auch einen "Gutmenschen". Aber das ist das Beispiel, das Papst Franziskus gibt. Ganz konkret.