Papst Franziskus im Petersdom. | Bildquelle: AFP

Papst feiert Messe mit Häftlingen "Gefängnismauern gibt es in vielen Köpfen"

Stand: 06.11.2016 15:07 Uhr

Papst Franziskus macht vieles anders, als die Päpste vor ihm. Einen Gottesdienst mit mehr als 1000 Häftlingen und ehemaligen Gefangenen hat es bislang noch nicht gegeben. Ein Bericht von dieser besonderen Messe zum Ende des Jahres der Barmherzigkeit.

Von Nikolaus Nützel, ARD-Korrespondent Rom

Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit geht seinem Ende entgegen - und Papst Franziskus stellt noch einmal Menschen in den Mittelpunkt, die am Rand der Gesellschaft stehen. Bei der Messe im Petersdom waren nicht nur rund 3000 Angehörige von Strafgefangenen, Gefängnis-Seelsorger und Wachleute eingeladen, sondern auch rund 1000 Häftlinge.

Franziskus hat zwar wie etliche seiner Vorgänger immer wieder Haftanstalten besucht. Dass er jetzt aber auch Gefangene bei sich empfängt, sei etwas Besonderes, sagt Bruder Helmut Rakowski vom Päpstlichen Rat für die Neuevangelisierung: "Dass jetzt Gefangene in den Petersdom kommen, und zwar so große Zahlen, das ist einmalig, das ist neu."

Gefangene aus zwölf Ländern

Der Großteil der Gefangenen und Angehörigen, die an der Papstmesse teilnahmen, kommt aus Italien. Aber auch aus weiteren elf Ländern sind Gläubige angereist. Besonders weit unterwegs war eine dreißigköpfige Gruppe aus Spanien. Florián aus Madrid ist wegen Drogenhandels zu knapp sechs Jahren Haft verurteilt. Der Spanier sagt von sich, er sei gläubiger Katholik. Allerdings kommt er nicht unbedingt zerknirscht zur Papstmesse. Er er sieht sie vielmehr als Gelegenheit, als vollwertiger Mensch akzeptiert zu werden: "Tatsache ist, dass wir wie der Abschaum der Gesellschaft behandelt werden. Wir sind nichts und niemand. Wir sind im Gefängnis, weil wir die Rechtfertigung der Regierung sind." So könne die Regierung sagen, sie reinige sich von alldem, von dem man sagt, es sei schlecht.

Papst Franziskus im Petersdom steht vor einer Frau. | Bildquelle: AFP
galerie

Die Gefangenen hatten eine Sondererlaubnis zur Teilnahme an der Messe.

Auch der Papst wendet sich in seiner Predigt vor rund 1000 Gefangenen im Petersdom dagegen, Häftlinge an den Rand der Gesellschaft zu stellen. "Gefängnismauern gibt es auch in vielen Köpfen," sagt er: "Wenn man in den eigenen Vorurteilen eingesperrt bleibt, oder wenn man Sklave der Götzenbilder eines falschen Wohlstandes ist, wenn man in ideologischen Rastern verharrt oder wenn man die Marktgesetze, die die Menschen erdrücken, zum höchsten Wert erhebt, dann tut man nichts anderes als in den engen Mauern einer Gefängniszelle zu bleiben, die der Individualismus und die Selbstgenügsamkeit bilden, die einen von der Wahrheit abschneiden, die Freiheit schafft."

"Der Glaube hilft denen, die im Gefängnis sitzen"

Das Ziel der katholischen Kirche unter Papst Franziskus sei es, Haftstrafen nicht als Rache zu sehen, sondern als Möglichkeit zur Umkehr, ergänzt Bruder Helmut Rakowski vom Päpstlichen Rat für die Neuevangelisierung. Und ein Ziel sei es, auch Menschen innerhalb wie außerhalb der Kirche zum Nachdenken darüber zu bringen, was das Wort Resozialisierung eigentlich bedeutet: "Wer gibt eine Wohnung an einen ehemaligen Strafgefangenen? Einen Arbeitsplatz an eine ehemalige Strafgefangene? Das sind sicher Fragen, die auch mit dem Papst hier noch einmal in den Mittelpunkt gestellt werden."

Viele Menschen mit Regenschirmen stehen auf dem Platz vor dem Petersdom. | Bildquelle: dpa
galerie

1000 Häftlinge und ehemalige Strafgefangenen kamen mit 2000 Angehörigen und Gefängnismitarbeitern auf den Petersplatz.

Der ehemalige Drogenhändler Florián aus Madrid wird nach einigen Tagen Freigang, die er erhalten hat, um nach Rom zu pilgern, am Montag ins Gefängnis zurückkehren. Beim Papst eingeladen gewesen zu sein, sei etwas wirklich Besonderes gewesen, sagt er: "Von dem, was er auch bei verschiedenen anderen Gelegenheiten zu dem gesagt hat, was in der Gesellschaft geschieht, danach hat er nachgedacht und er ist zu dem Ergebnis gekommen, dass man in die Gesellschaft gehen muss, so wie sie ist."

Die 800 Euro, die Floriáns Pilgerreise nach Rom gekostet hat, sind von der katholischen Gemeinde der Stadt Getafe aufgebracht worden, wo er im Gefängnis sitzt. Alfonso, der die spanische Gruppe als Betreuer begleitet, hält das für gut angelegtes Geld: Der Glaube hilft denen, die im Gefängnis sitzen. Vorausgesetzt, sie wollen diese Hilfe annehmen. Der Glaube wird nicht aufgezwungen. Es ist ein Geschenk, das Gott denjenigen macht, die es annehmen möchten." Und der Wert dieses Geschenks werde noch besser spürbar, wenn auch Gefangene die Möglichkeit haben, im Jahr der Barmherzigkeit in den Petersdom zu pilgern, glaubt der Betreuer.

Erste große Papstmesse mit tausend Gefangenen
N. Nützel, BR
06.11.2016 14:31 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete WDR5 am 06. November 2016 ab 18:30 Uhr im "Echo des Tages".

Darstellung: