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Ex-Kammerdiener Gabriele im Porträt
Das Geheimnis des Raben im Vatikan
Vom Putzmann im Petersdom ist Paolo Gabriele zum Kammerdiener des Papstes aufgestiegen. Er galt als frommer Befehlsempfänger. Dass er der Verräter in der Vatileaks-Affäre war, der Rabe im Vatikan, erstaunte fast alle. War er ein Einzeltäter oder Teil eines Komplotts?
Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom
Es gibt nicht viele Bilder von Paolo Gabriele. So kursieren seit Wochen die immer selben Aufnahmen des päpstlichen Kammerdieners, die ihn als Beifahrer im Papamobil zeigen oder als Kellner am päpstlichen Mittagstisch. Immer im schwarzen Anzug, die schwarzen Haare streng nach hinten frisiert. Er hat im Hintergrund zu bleiben, er ist der Diener, er war der Diener.
"Er hatte Zutritt zum innersten Kreis", sagt Paul Badde, der seit Jahren für die "Welt" über den Vatikan berichtet. Gabriele sei an jeden Schreibtisch herangekommen. Er habe zum kleinsten, zum innersten Vertrauensraum des Papstes gehört. "Als eine sehr unscheinbare Person. Alle fielen ja aus allen Wolken, dass er es getan hat."
"Da drüben wohnt er", sagt Badde und zeigt aus dem Fenster seines Büros, das nur ein paar Meter von der Vatikanmauer entfernt ist. "Er", das ist der 46-jährige Paolo Gabriele. In seiner Wohnung auf der anderen Seite der Vatikanmauer fand die vatikanische Gendarmerie kistenweise Dokumente, dazu noch einen Spendenscheck, einen Goldbarren und ein wertvolles Buch aus dem 16. Jahrhundert - alles aus dem Besitz des Papstes.
Der Rabe im Vatikan: Paolo Gabriele
T. Kleinjung, ARD Rom
29.09.2012 01:45 Uhr
"Die Wahrheit bezeugen"
Gabriele wird festgenommen, gesteht und wartet nun auf sein Urteil. "Es geht darum, keine Angst zu haben, die Wahrheit zu bezeugen und dafür die Konsequenzen zu tragen", sagte Gabriele in einem Fernsehinterview mit dem Journalisten Gianluigi Nuzzi. Auf dessen Frage, ob er bereit sei, diese Konsequenzen zu tragen, antwortete der Kammerdiener: "Ja, ich fühle mich ruhig. Ich spüre einen großen Glauben in mir und dafür danke ich Gott. Und das versuche ich mit Beispielen zu bezeugen."
Dieses Gespräch wurde aufgezeichnet, lange bevor das Buch mit den von Gabriele heraus geschmuggelten Akten veröffentlicht wurde. In demselben Interview spricht Gabriele von etwa 20 Gleichgesinnten im Vatikan. Doch in den Verhören bestreitet er, dass es so ein Netzwerk von Verschwörern gibt. Sein Anwalt Carlo Fusco erklärt: "Wir können mit absoluter Sicherheit sagen, dass es keine Vernetzungen gibt. Es gibt kein Komplott im Vatikan oder außerhalb des Vatikans, mit dem Paolo zu tun hat."
Hatte Gabriele das Zeug zum Einzeltäter?
Eine seltsame Verteidigungsstrategie, macht sie doch Paolo Gabriele zum Einzeltäter, zu dem er laut Ermittlungsakten gar nicht das Zeug hatte. In der Anklageerhebung heißt es: "Zeugin M. stellte [...] in Bezug auf [Gabriele] fest: 'Er war eine rechtschaffene Person und ein guter Familienvater. Was die Arbeit beim Heiligen Vater betrifft, so machte er sie gewissenhaft und gut. Ich muss jedoch hinzufügen, dass er keinerlei Anstrengung machte, sie zu verbessern, keine Initiative ergriff, sondern dass er sich darauf beschränkte, das zu tun, was man ihm sagte.'"
Gabriele kam erst vor wenigen Jahren in den apostolischen Palast. Davor arbeitete er als Putzmann im Petersdom. Sein Vorgänger als Kammerdiener hielt ihn für ungeeignet, dieses Amt auszufüllen. Und auch Papstsekretär Georg Gänswein gab in den Ermittlungen zu Protokoll, dass man ihm manche Sachen mehrmals habe auftragen müssen.
Anwalt legt Mandat nieder
Ist das der große Verschwörer, der im Alleingang die Kirche retten will? Anwalt Fusco hat kurz vor Prozessbeginn sein Mandat ohne Angabe von Gründen niedergelegt. Vatikankorrespondent Badde findet: "Das klingt alles wenig plausibel." Gabriel sei fromm wie ein Kommunionkind gewesen "Er wusste, dass das kriminell ist, dass das verboten war. Aber es sieht so aus, als hätte es Kräfte gegeben, die ihm gesagt haben: Nein das ist nicht verboten. Du hilfst dem Papst, so irrsinnig das klingen mag."
Wenn der Prozess gegen Gabriele keine Farce werden soll, müssen die Richter versuchen herauszubekommen, wer denn diese "Kräfte" sind, die hinter dem päpstlichen Kammerdiener standen.
Stand: 29.09.2012 02:55 Uhr
