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Fließband-Fabrik für Briefkastenfirmen

Die "PanamaPapers"

"This is Mossack Fonseca" - "Hier ist Mossack Fonseca", sagt eine Mitarbeiterin in einem Telefonat. Sie erklärt einem Kunden, was ihre Firma macht, nämlich Briefkasten-Firmen in Offshore-Paradiesen weltweit erstellen. Der Mitschnitt dieses Gesprächs gehört zu dem riesigen Datenleck, das einen der Marktführer der Branche erschüttert: die panamaische Anwaltskanzlei "Mossack Fonseca".

Die sogenannten "PanamaPapers" wurden der "Süddeutschen Zeitung" von einem anonymen Informanten zugespielt. In den vergangenen Monaten haben Reporter von der SZ sowie von NDR, WDR und Medien aus aller Welt die Unterlagen ausgewertet: unter anderem Millionen von E-Mails, Gründungsdokumente, Aktienregister, Passkopien und sogar Mitschnitte von Telefonaten. Sie zeigen, wie skrupellos die Anwälte ihr Geschäft betrieben haben - und vor allem, mit wem sie sich eingelassen haben.

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Zweifelhafte Kundschaft

Zweifelhafte Kundschaft

Die "PanamaPapers" ermöglichen einen bislang einmaligen Blick in die Welt derer, die sich und ihr Vermögen hinter anonymen Briefkastenfirmen verstecken. "Mossack Fonseca" hat sie zu Tausenden mit Offshore-Gesellschaften versorgt, oft ohne viele Fragen zu stellen. In den Unterlagen finden sich die Namen von einem Dutzend amtierender Staatschefs und von mehr als 125 weiteren Politikern oder ihren engsten Angehörigen. Aber auch mit Drogenbossen, Betrügern, Waffenhändlern und anderen Kriminellen hat "Mossack Fonseca" Geschäfte gemacht. Dabei betont die Kanzlei, dass sie ihre Kunden sorgfältig überprüfen würden, bevor sie ein Mandat annähme.

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Rami Makhlouf

Einer der Kunden von "Mossack Fonseca" war Rami Makhlouf, ein Cousin von Syriens Machthaber Bashar al-Assad. Er gilt als der Geschäftsmann des Assad-Clans, soll derjenige gewesen sein, der die Position seiner Familie durch Korruption zu Geld gemacht hat. Bereits seit 2008 wird Makhlouf daher von den USA sanktioniert, ein Teil seiner Gelder wurde eingefroren. "Mossack Fonseca" machte dennoch mit ihm Geschäfte - mehr als 15 Jahre lang, bis 2011.

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Eine der Gesellschaften von Makhlouf namens "Drex Technoligies S.A." geriet 2010 in den Fokus der Finanzaufsicht der Britischen Jungferninseln, wo sie ihren Sitz hat. Als "Mossack Fonseca" daraufhin Informationen zu der Gesellschaft liefern sollte, begann ein internes Gerangel darum, ob Makhlouf als Kunde noch zu halten sei.

Eine E-Mail aus dem Februar 2011 zeigt, dass sich die Anwaltskanzlei zunächst zugunsten von Makhlouf entschied. "Solange das Hauptquartier der [Großbank] HSBC in England kein Problem mit dem Kunden hat, können wir ihn auch akzeptieren", schrieb damals Christoph Zollinger, einer der Partner bei "Mossack Fonseca". "Soweit ich das sehe, gibt es Anschuldigungen (Gerüchte), aber keine Fakten oder laufende Ermittlungen oder Anklagen gegen diese Person." Einige Monate später, im September 2011, änderte Zollinger offenbar seine Meinung. Das geht aus einer weiteren Mail hervor. "Mossack Fonseca" beendete daraufhin die Zusammenarbeit mit Makhlouf.

Zollinger bezeichnete seine damalige Einschätzung zugunsten von Makhlouf auf Anfrage als falsch, "was ich bedauere". Rami Makhlouf hat auf Fragen zu seinen Offshore-Gesellschaften nicht reagiert.

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Die Präsidenten-Familie Aserbaidschans

Die Familie von Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev steht schon länger im Verdacht, Geld beiseite zu schaffen. Einige Monate, bevor er im Oktober 2003 das Amt übernahm, begannen seine engsten Vertrauten damit, ein Netz aus Briefkastenfirmen aufzuspannen. In dessen Mittelpunkt steht die "AtaHolding", ein laut aktuellem Jahresabschluss rund eine halbe Milliarde US-Dollar schweres Konglomerat mit Anteilen an Aserbaidschans Goldminen, Telefonfirmen, Banken, im Baugewerbe und im Bereich Öl und Gas. Die "PanamaPapers" deuten darauf hin, dass die Familie Aliyev gemeinsam mit dem Steuerminister des Landes, Fazil Mammadov, und mithilfe von "Mossack Fonseca" nach und nach die Kontrolle über die "AtaHolding" übernommen hat.

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In den Unterlagen findet sich unter anderem ein Diagramm, das darstellt, wie ab 2005 die beiden Töchter und der Sohn der Präsidentenfamilie zu indirekt Begünstigten der "AtaHolding" gemacht werden sollten. Auch der Sohn des Steuerministers hätte demnach von der Gesellschaft profitiert. Dabei gingen die von Aliyev angeheuerten Anwälte mit äußerster Diskretion vor, unter anderem indem sie die Kinder der Familie mit Tarnnamen beschrieben.

Aus den Unterlagen geht klar hervor, dass die Firmen entsprechend des in dem Diagramm vorgesehenen Konstrukts eröffnet worden sind. Nachweisen, dass darüber auch Geld geflossen ist, lässt sich indes nicht. Aliyev, Mammadov und die anderen Beteiligten beantworteten Fragen dazu nicht.

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Waffenhändler

Er ist nur einer von vielen mutmaßlichen Waffenhändlern, die offenbar die anonymen Offshore-Gesellschaften von "Mossack Fonseca" für ihre Geschäfte genutzt haben: Frédéric Lafont, ehemaliger Fremdenlegionär, heute privater Sicherheitsdienstleister in der Elfenbeinküste. Die UNO wirft ihm vor, systematisch Embargos umgangen und Waffen ins Land geschmuggelt zu haben. Die Unterlagen belegen, dass Lafont Eigentümer einer Gesellschaft namens "Operations et Services Limited" ist, verwaltet von "Mossack Fonseca". Die Firma ist heute noch aktiv, ihr Geschäftszweck geht aus den Unterlagen nicht hervor.

Ein weiterer Waffenhändler, der die Dienste von "Mossack Fonseca" genutzt hat, ist der Brite John Knight. Der Guardian schrieb 2008, er sei "einer von Großbritanniens erfahrensten Waffenschiebern". Er wurde 2007 zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, weil er ein Waffengeschäft mit dem Iran eingefädelt hatte. Knight wickelte seine Geschäfte über eine Firma auf den Britischen Jungferninseln ab, verwaltet von "Mossack Fonseca". Weder Knight noch Lafont haben auf Fragen geantwortet.

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John Bredenkamp

In einem UN-Report von 2002 wird John Bredenkamp als "erfahren im Aufsetzen geheimer Firmen und im Brechen von Sanktionen" beschrieben. Die "PanamaPapers" zeigen, dass er damals bereits fünf Jahre lang Kunde von "Mossack Fonseca" war. Bredenkamp gilt als enger Vertrauter des simbabwischen Präsidenten Robert Mugabe und soll Waffen für die Demokratische Republik Kongo beschafft haben. Im Zusammenhang mit den Waffendeals veröffentlichte die UNO den Namen der von "Mossack Fonseca" verwalteten Bredenkamp-Firma "Tremalt Limited". Es dauerte sieben Jahre, bis dieser Zusammenhang innerhalb der Anwaltskanzlei auffiel. 2009 beendete "Mossack Fonseca" die Geschäftsbeziehungen mit Bredenkamp. John Bredenkamp hat auf Fragen zu seinen Offshore-Geschäften nicht geantwortet.

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Drogenhändler

Rafael Caro Quintero galt lange als einer der meistgesuchten Drogenbosse Mexikos. 1985 wurde er verhaftet und zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt. Zuvor hatte er eine Immobilie in eine Briefkastenfirma überschrieben. Im Jahr 2013 wurde Quintero entlassen, kurz darauf aber wieder auf die Fahndungslisten gesetzt - seitdem wird er gesucht. Die "PanamaPapers" zeigen, dass "Mossack Fonseca" die Quintero-Gesellschaft noch heute führt.

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Den Chefs der Kanzlei war offensichtlich bewusst, dass sie Geschäfte mit einem Kriminellen machten. Jürgen Mossack schrieb in einer E-Mail über seinen Kunden Quintero: "Pablo Escobar ist im Vergleich zu ihm ein Baby - ich möchte nicht zu denen gehören, bei denen Quintero vorbeikommt, wenn er aus dem Knast heraus ist".

In den "PanamaPapers" finden sich weitere Spuren zu international tätigen Drogenhändlern. Der Spanier Arturo del Tiempo Marqués wurde 2010 verhaftet, als er 1200 Kilogramm Kokain schmuggeln wollte. Zwei Jahre zuvor hatte "Mossack Fonseca" ihm eine Gesellschaft eröffnet, seiner Frau gleich drei; bei zweien davon war Tiempo Marqués als Vertreter eingetragen, auch noch Jahre nach seiner Verhaftung.

Auch mit Marllory Chacón Rossell aus Guatemala hat "Mossack Fonseca" Geschäfte gemacht. Laut US-Drogenbehörde galt sie bis zu ihrer Verurteilung im Jahr 2014 als eine der größten Drogenhändlerinnen in Mittelamerika. Nachdem Rossell im Jahr 2012 auf die Liste der in den USA gesuchten Drogenhändler gesetzt wurde, führte "Mossack Fonseca" ihre Firma zunächst unter dem Namen einer Vertrauten weiter. 

Weder Rafael Quintero noch Arturo del Tiempo Marques oder Marllory Rossell waren für eine Stellungnahme zu erreichen.

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Firmen für verurteilten Kriminellen

Im Winter 2003/2004 reiste der US-Geschäftsmann Andrew M. in die russische Stadt Sankt Petersburg. Dort zwang er drei Waisenmädchen im Alter von 13 und 14 Jahren dazu, Sex mit ihm zu haben. 2008 wurde M. zu einer achtjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. In der Gerichtsverhandlung ging es auch um einen Kinder-Prostitutions-Ring, in den M. angeblich investiert haben soll. In diesem Zusammenhang wurde der Name einer seiner Firmen erwähnt. Dieser Name findet sich - wie auch weitere solcher Gesellschaften von ihm - in den "PanamaPapers". Die Vergewaltigungen sollen laut Anklageschrift als eine Art "Rekrutierung" für den Kinder-Prostitutions-Ring gedient haben. M. gestand die Vergewaltigungen, bestritt aber eine Beteiligung an der Prostitutions-Vermittlung vor Gericht.

Die Unterlagen offenbaren, dass "Mossack Fonseca" mehr als ein Jahrzehnt lang Geschäfte mit Andrew M. gemacht hat, ohne, dass die Anwaltskanzlei die Identität und die Angaben von ihrem Kunden je ordentlich geprüft hätte. M. ist mittlerweile aus der Haft entlassen. Auf Anfrage erklärte er, dass es sich um eine Verschwörung handle, die sich gegen seine Person richte. Die "Mossack Fonseca"-Firma, deren Name im Zusammenhang mit dem Kinder-Prostitutions-Ring vor Gericht genannt worden ist, ist laut Handelsregisterauszügen noch aktiv. Ob über die Firma Geschäfte in diesem Zusammenhang abgewickelt worden sind, lässt sich in den Unterlagen nicht eindeutig nachvollziehen.

Zweifelhafte Kundschaft

Ein Branchen-Insider berichtet

Für viele zwielichtige Kunden scheinen Offshore-Firmen attraktiv zu sein. Ein ehemaliger Mitarbeiter aus der Branche schildert in einem Interview mit NDR, WDR und SZ, wie das Milliardengeschäft mit Briefkastenfirmen funktioniert. Meist gehe es bei Briefkastenfirmen um Steuerhinterziehung, sagt er. Aber auch der Mafia und Anlagebetrügern sowie Drogen-, Waffen- und Menschenhändlern könnten Briefkastenfirmen von Nutzen sein. Da der Insider unerkannt bleiben will, wurde seine Stimme nachgesprochen.

Systematischer Rechtsbruch

Systematischer Rechtsbruch

Offensichtlich nehmen es viele Kunden von "Mossack Fonseca" mit Gesetzen nicht so genau. Aber wie verhält sich die Anwaltskanzlei selbst? "Mossack Fonseca" betonte auf Anfragen von Reportern, dass man in fast 40 Jahren Geschäftstätigkeit niemals wegen krimineller Machenschaften verurteilt worden sei - weil man sich stets an das Gesetz halte. Die "PanamaPapers" nähren jedoch Zweifel an dieser Darstellung.

Ein Beispiel: Im August 2012 wurde Malchus Irvin Boncamper in den USA zu acht Jahren Haft verurteilt, weil er gefälschte Versicherungspolicen verkauft und die Gewinne gewaschen hatte. Im Mai 2013 stellte "Mossack Fonseca" fest, dass Boncamper als einer ihrer Scheindirektoren über mehreren Gesellschaften vorstand. Scheindirektoren sind Strohmänner, die eingesetzt werden, um die wahren Eigentümer einer Firma zu verschleieren. "Mossack Fonseca" fälschte daraufhin Papiere, um zu beweisen, dass Boncamper schon lange vor seiner Verurteilung nicht mehr für die Kanzlei gearbeitet hatte. Einen seiner Rücktritte als Direktor datierten sie zehn Jahre zurück, von 2013 auf 2003. "Mossack Fonseca" erklärte auf Anfrage, dass das Zurückdatieren von Unterlagen in der Branche üblich und nicht verwerflich sei.

Systematischer Rechtsbruch

"Nominee Beneficial Owner" - Scheinberechtigte

Es gibt jedoch nicht nur Scheindirektoren, sondern sogar Scheineigentümer, die "Nominee Beneficial Owner". Der "Beneficial Owner" ist der wirtschaftlich berechtigte Besitzer einer Firma. Laut internationalem Recht muss dessen Namen immer gegenüber Banken angegeben werden, um etwa Geldwäsche zu unterbinden. Was aber, wenn man eine Briefkastenfirma sogar gegenüber der eigenen Bank verschleiern will? "Mossack Fonseca" bot laut den Unterlagen einen Service für solche Fälle: den "Nominee Beneficial Owner".

Für eine Gebühr von 10.000 US-Dollar im Jahr suchte "Mossack Fonseca" eine real existierende Person, die vorgab, der Besitzer einer Firma zu sein - auch gegenüber einer Bank. Das ist vielerorts strafbar. Denn Geldwäsche-Kontrollen sind bei so einer Konstruktion im Grunde nicht mehr möglich. In der Schweiz beispielsweise drohen bis zu fünf Jahre Gefängnis. "Mossack Fonseca" bestreitet, diese Dienste angeboten zu haben.

Systematischer Rechtsbruch

Zerstören von Beweisen

2014 verdächtigten US-Ermittler den Nevada-Ableger von "Mossack Fonseca", in den illegalen Transfer von Geldern aus Argentinien verwickelt gewesen zu sein. E-Mails dokumentieren, wie "Mossack Fonseca" daraufhin versucht hat, Spuren zu verwischen. Eine Mitarbeiterin in Nevada wurde angewiesen, ihr Handy zu wechseln, damit Ermittler keinen Zugriff auf ihr dienstliches Adressbuch bekommen, falls es beschlagnahmt werden sollte. Ihre Zugänge zu den internen Datenbanken wurden gelöscht und ein IT-Mitarbeiter von "Mossack Fonseca" kündigte an, sich per Fernzugang in die Computer in dem Büro in Nevada zu schalten, um weitere Spuren zu verwischen. Außerdem wurden offenbar Beweismittel vor Ort zerstört. "Mossack Fonseca" bestreitet die Vorwürfe auf Anfrage.

Weitere Informationen

Credits

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Autoren: Christian Baars, Jan Lukas Strozyk

Redaktion: Julia Stein

Foto von Frédéric Lafont: Stefan Meisel (cc-by-2.0)

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