Palestina

Einmaliges Projekt in Palästina Wellness, Kino - und Leitungswasser

Stand: 26.09.2015 14:21 Uhr

Es soll ein bislang einmaliges Projekt nördlich von Ramallah werden: Mitten im palästinensischen Alltag von Checkpoints, Armeepatrouillen und politischem Stillstand entsteht eine neue Stadt - mit Krankenhaus, Kino und Leitungswasser ohne Unterbrechung.

Von Christian Wagner, ARD-HörfunkstudioTel Aviv

Rawabi ist eine gigantische Baustelle. Seit sieben Jahren entsteht diese Stadt auf einem Hügel nördlich von Ramallah im Westjordanland. Lastwagen, Kräne, Dreck und Lärm werden so schnell nicht verschwinden.

Fadi Salameh ist sich trotzdem sicher: Jetzt nach Rawabi zu ziehen, das war eine gute Entscheidung: "Es gefällt uns sehr gut hier, jetzt nachdem wir eingezogen sind, alle Möbel da sind. Für uns ist es Stabilität."

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Eine palästinensische Traumstadt

Bilder aus Rawabi

Rawabi

Rawabi - im Westjordanland, nördlich von Ramallah...

Platz zum Spielen

Der ganzen Familie gefällt es gut in ihrer Wohnung im zweiten Stock. Inzwischen sind auch alle Möbel da und sie genießen die "Stabilität", wie Fadi sagt. Der junge Lehrer unterrichtet Geschichte und Religion. Mit seiner Frau Suher und den drei Kindern - die Große ist sechs, die Jüngste fünf Monate alt - gehören sie zu den ersten Familien in Rawabi überhaupt. "Für die Kinder ist es eine große Veränderung. Wir haben ja bisher in einem kleinen Dorf gewohnt, aber da war überhaupt kein Platz für kleine Kinder zum Spielen - alles sehr eng und auf der Straße immer Autos. Hier ist es viel besser, die Kinder haben zum ersten Mal Platz draußen", erzählt Fadi.

Für die Eltern spielt noch etwas ganz anderes eine Rolle: Sie seien Pioniere, sagen sie, in der ersten neugegründeten Stadt im palästinensischen Westjordanland, wenn auch in Sichtweite der jüdisch-israelischen Siedlung Ateret. Der Umzug nach Rawabi ist ein Abenteuer, für das das palästinensische Ehepaar einiges in Kauf nimmt. Kein Supermarkt, kein Arzt, kein Kindergarten - das alles kommt erst später.

Familienvater Fadi Salameh ist mit seiner Familie nach Rawabi gezogen und stolz auf seine neues Zuhause.
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Familienvater Fadi Salameh ist mit seiner Familie nach Rawabi gezogen und stolz auf seine neues Zuhause.

Stadt der kurzen Wege

Im Pickup-Truck macht Rania Abu-Amuni eine Rundfahrt durch die Geisterstadt. Die US-Palästinenserin arbeitet für den Investor, der Rawabi bauen lässt: "Viele Leute wollen in einer neuen, ruhigen Gegend wohnen, gerade mit Kindern. Die kommen und verlieben sich in diesen Ort, ich verstehe das gut", sagt sie.

Der Verkaufsprospekt verspricht unerhörte Dinge, mitten im palästinensischen Alltag von Checkpoints, Armeepatrouillen und politischem Stillstand: Nämlich eine Stadt der kurzen Wege, mit weniger Autoverkehr. Insgesamt acht Schulen sollen gebaut werden und ein Krankenhaus. Die Moschee ist schon im Bau, die griechisch-orthodoxe Gemeinde bekommt eine Kirche. Das Amphitheater aus hellem Stein ist schon fast fertig, 15.000 Zuschauer sollen hier mal zu Konzerten kommen.

Parkplatz, Wellness, Kino

Ein Parkplatz für 1200 Konzertbesucher, ein Fünf-Sterne-Hotel, Wellness-Einrichtungen und sieben Kinosäle, das alles verspricht Rania den Interessenten, die sie durch Rawabi fährt. Im bunten Prospekt steht aber auch, dass es Leitungswasser geben wird, ohne Unterbrechung. Keine Selbstverständlichkeit für die Palästinenser, und den Anschluss ans israelisch kontrollierte Wassernetz hat Rawabi auch erst nach zwei Jahren Streit mit der Militärverwaltung bekommen: "Wir verhandeln immer noch über die Zugangsstraße. Die liegt teilweise im C-Gebiet, das allein von Israel verwaltet wird. Die Straße ist viel zu schmal und muss ausgebaut werden, wenn hier 50.000 Menschen wohnen sollen. Auf die israelische Militär-Genehmigung warten wir immer noch", berichtet Abu-Amuni.

Das Geld wollen die Investoren selbst aufbringen, genauso wie für die Feuerwache und das Schwimmbad. Von der eigenen Politik, der palästinensischen Autonomiebehörde, können Unternehmer im Westjordanland kaum etwas erwarten. Nicht einmal für das Rathaus gibt es Geld aus Ramallah.

Stolz aufs neue Zuhause

Familienvater Fadi Salameh ist trotzdem stolz auf seine neues Zuhause: "Viele Leute haben gesagt, Rawabi wäre doch sehr abgelegen. Aber wenn sie uns besuchen, dann sind sie sehr beeindruckt. Von der Ausstattung der Wohnung und von unserem Ausblick über die Hügel. So etwas wie Rawabi gibt's hier in Palästina einfach noch nicht. Hoffentlich ziehen noch viele Leute hierher, damit wir neue Freunde finden."

Die werden für eine Wohnung schon deutlich mehr zahlen müssen als die umgerechnet 75.000 Euro für Fadis Wohnung. Bauland in den palästinensischen Autonomiegebieten ist knapp, die Preise steigen schnell. Rawabi ist ein gutes Investment, mitten im konfliktgeplagten Nahen Osten.

Das Projekt Rawabi
C. Wagner, ARD Tel Aviv
26.09.2015 13:01 Uhr

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