Demonstrationen in palästinensischen Städten | Bildquelle: REUTERS

Palästinenser in Haft Hungern als Protest

Stand: 17.04.2017 18:28 Uhr

Es ist ein Akt des Widerstands: Mehr als Tausend palästinensische Häftlinge sind in den Hungerstreik getreten. Damit fordern sie bessere Haftbedingungen. Solidarität bekamen sie von Tausenden Demonstranten in palästinensischen Städten.

Eva Lell, ARD-Studio Tel Aviv

In mehreren Städten im israelisch besetzten Westjordanland gingen die Menschen auf die Straße - aus Solidarität mit den rund 6300 Palästinensern, die nach Angaben der Gefangenenorganisation Addameer in israelischen Gefängnissen in Haft sitzen.

Am Rande einer Kundgebung in Bethlehem kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der israelischen Armee. Einige palästinensische Demonstranten zündeten Autoreifen an und warfen Steine, die Armee setzte Tränengas ein.

"Wir Palästinenser wollen Freiheit"

Wie viele Gefangene heute in den Hungerstreik getreten sind, darüber gibt es unterschiedliche Zahlen. Offizielle israelische Stellen sprechen von 1100, Gefangenenorganisationen und palästinensische Medien von mehr als 1600. Khader Adnan war selbst in Israel inhaftiert. Am Rande einer Demonstration erklärt er die Gründe für einen Hungerstreik: "Wenn Häftlinge in den Hungerstreik gehen, empfinden sie das als Freiheit." Adnan beschreibt es als einen Akt des Widerstands gegen die Besatzung. "Wir können den Kampf gegen die Besatzung gewinnen, mit leeren Mägen und einer Botschaft an die internationale Gemeinschaft und die freien Menschen in der Welt. Die Botschaft lautet: Wir Palästinenser wollen Freiheit."

Konkret fordern die Streikenden ein Ende der sogenannten Administrativhaft, mit der Verdächtige ohne Prozess festgehalten werden können. Es geht aber auch um bessere Haftbedingungen wie ein großzügigeres Besuchsrecht.

Feldlazarett im Gefängnis

Eine Sprecherin der israelischen Gefängnisbehörde teilte mit, die Häftlinge im Hungerstreik würden in separate Zellenblöcke gebracht. Der Minister für öffentliche Sicherheit, Gilad Erdan, ließ mitteilen, er habe bereits dafür gesorgt, dass Spezialeinheiten in den betreffenden Gefängnissen stationiert werden.

Außerdem habe er angeordnet, vor einem der Gefängnisse ein Feldlazarett zu errichten. Sollten die Streikenden medizinisch versorgt werden müssen, sollte das nach dem Willen des Ministers nicht in einem zivilen Krankenhaus stattfinden. Der Minister wie auch israelische Beobachter sehen die Aktion als einen Teil eines innerpalästinensischen Konflikts.

Zu dem zeitlich unbefristeten Hungerstreik hat einer der führenden Köpfe der Fatah aufgerufen: Marwan Barghouti. Der 57-Jährige sitzt selbst in einem israelischen Gefängnis eine mehrfach lebenslange Haftstrafe ab. Ein israelisches Gericht hatte ihn im Jahr 2004 wegen seiner Rolle in der Zweiten Intifada verurteilt.

In einem Gastbeitrag in der "New York Times" erklärt Barghouti die Gründe für den Hungerstreik: Es sei die friedlichste Art des Widerstandes, da ein Hungerstreik nur den Teilnehmenden und deren Familien Schmerz zufüge. Israel, das schreibt Barghouti, ziele darauf, mit seinem so wörtlich unmenschlichen System der "kolonialen und militärischen Besatzung die Seelen der Gefangenen und ihres Volkes zu brechen."

Plakate mit dem Konterfei Barghoutis | Bildquelle: AFP
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Das Konterfei von Marwan Barghouti - er ist einer der führenden Köpfe der Fatah.

Folgt eine neue Welle der Gewalt?

Barghouti ist laut Meinungsumfragen einer der beliebtesten Politiker unter den Palästinensern. Er gilt als möglicher Nachfolger von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas. Barghoutis Frau Fadwa betonte heute, die Demonstrationen in den Städten im Westjordanland sollen den Inhaftierten Mut machen: "Israel sagt jedem Gefangenen, dass er ganz alleine ist. Es will den Gefangenen sagen, dass seine Leute sich nicht um seinen Fall kümmern. Unsere Botschaft ist klar, wenn die Menschen auf der Straße protestieren. Wir unterstützen dieses humanitäre Anliegen und wir werden gewinnen."

Sollte der Hungerstreik andauern, könnte er die Spannungen zwischen Israel und den Palästinensern verschärfen. Beobachter befürchten, dass es in diesem Fall zu einer neuen Welle der Gewalt im von Israel besetzten Westjordanland kommen könnte.

Massenhungerstreik palästinensischer Häftlinge
E. Lell, ARD Tel Aviv
17.04.2017 17:21 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. April 2017 um 15:10 Uhr.

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