Seitenueberschrift
Nach Taliban-Anschlag auf 14-Jährige
Beten für Malala - Pakistan zeigt ein anderes Gesicht
Drei Tage nach dem Anschlag auf eine 14-Jährige, die die Taliban in Pakistan kritisiert, hat die Polizei mehrere Tatverdächtige verhaftet. Ministerpräsident Ashraf besuchte das Mädchen auf der Intensivstation und im Land gingen zahlreiche Menschen gegen die religiösen Fanatiker auf die Straße. .
Von Kai Küstner, ARD-Hörfunkstudio Neu-Delhi
"Malala - wir sind bei Dir." Dutzende Mädchen - sie dürften ungefähr so alt sein wie die 14-jährige Malala selbst - marschieren demonstrierend durch die Straßen Nord-West-Pakistans. Andernorts werden Kerzen entzündet. Ein ganzes Land bangt. Es singt und betet für einen Teenager.
"Für uns ist Malala ein Symbol, ein Symbol für Frieden, Bildung und Fortschritt, deshalb beten wir für dieses Symbol", erklärte ein Mann aus Peshawar. "Die Taliban fürchten sich sogar vor einem jungen Mädchen", rief höhnisch eine Menschenmenge in Karachi.
Gebete für 14-jährige Malala
K. Küstner, ARD Neu-Delhi
13.10.2012 05:32 Uhr
Zuletzt beherrschten eher die Islamisten Pakistans Straße
In Pakistan hatten in den vergangenen Monaten eher die Islamisten die Straße beherrscht. Und weitgehend auch die politische Debatte. Doch in den letzten Tagen waren sie ungewöhnlich still geworden. Liberalere Kräfte bekommen die Chance, verlorenen Raum wieder zurückzuerobern, weil sich die Taliban diesmal ein minderjähriges Mädchen, eine wehrlose Schülerin vorgenommen hatten - allerdings eine, die landes- und weltweit für ihren Mut bekannt geworden war.
"Wir müssen gegen diese Gesinnung kämpfen. Wenn die sich durchsetzt, was kann dann alles passieren? Malala ist wie meine eigene Tochter, sie ist eine Tochter Pakistans", rief Premierminister Raja Pervez Ashraf den Parlamentariern zu.
Strategie der Taliban findet immer weniger Rückhalt
Pakistan ist zwar ganz sicher auch Heimstätte religiöser Fanatiker. Doch die Strategie der Taliban, mit Anschlägen und Morden auch die Zivilbevölkerung zu terrorisieren, findet bei den Menschen immer weniger Rückhalt.
Mit einem Militärhubschrauber war die angeschossene Malala Yousafzai am Dienstag aus dem berüchtigten Swat-Tal ausgeflogen worden. Ein Angreifer hatte kurz zuvor auf die 14-jährige Schülerin gefeuert, als sie sich gerade auf dem Nachhauseweg befand. "Wir waren im Schulbus, den haben die Angreifer gestoppt und gefragt: Wer von Euch ist Malala? Wir haben es denen gesagt. Und dann haben sie sofort angefangen zu schießen. Auch ich wurde verletzt", erzählte Malalas Mitschülerin Shazia.
Wird die Schülerin gesund, wollen die Taliban erneut zuschlagen
Die Taliban bekannten sich sogleich zu der Tat: Das Mädchen habe die Extremisten kritisiert und sei weltlich gesinnt gewesen, erklärte ein Sprecher. Sollte die Schülerin wieder gesund werden, würden sie erneut zuschlagen, ließen die Taliban das Land im Lauf der Woche wissen.
Malala hatte in der Tat schon früh begonnen, sich für das Recht der Mädchen auf Bildung einzusetzen. Und: Sie hatte schon als Elfjährige den Mut besessen, unter falschem Namen in einem Blog die Lage im Swat-Tal zu schildern: Alle Mädchen hätten ihre Bücher unter ihren Schals versteckt und so getan, als gingen sie nicht zur Schule, berichtete sie damals.
Im Swat-Tal hatten die Taliban im Jahr 2009 zeitweise die Kontrolle übernommen und den Unterricht verboten, bevor die Armee dann das Gebiet zurückeroberte. Der Versuch, eine wehrlose 14-Jährige umzubringen, scheint sich nun komplett gegen die Extremisten zu wenden - die Taliban haben mit ihrem Mordversuch so viele Pakistanis gegen sich aufgebracht wie selten zuvor.
Stand: 12.10.2012 22:14 Uhr
