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Blasphemie-Regeln in Pakistan
Ein Gesetz spaltet die Religionen
Seit Wochen sorgt der Fall eines Mädchens in Pakistan für Aufruhr. Sie kam als Christin wegen Gotteslästerung ins Gefängnis. Inzwischen ist sie auf Kaution - ein Imam soll sie fälschlich beschuldigt haben. Gelöst ist der Fall noch nicht und das Blasphemie-Gesetz ein Quell für Ungerechtigkeit.
Von Sandra Petersmann, ARD-Hörfunkstudio Südasien
"Freiheit für Rimsha!", "Schluss mit dem Blasphemie-Gesetz!" Der Fall des Mädchens mobilisiert die kleine, christliche Minderheit Pakistans. Rimsha ist zwischen elf und 14 Jahre alt. Ärzte halten sie für zurückgeblieben und bescheinigen ihr die geistige Reife eines kleinen Kindes.
Ein Bischof Arshad Khokhar aus Karatschi sagt: "Rimshas Leid ist auch unser Leid. Das Mädchen ist ohne jeden Beweis ins Gefängnis gesteckt worden. Wir verlangen, dass das Gesetz gegen Gotteslästerung zurückgenommen wird, weil es gegen uns missbraucht wird. Rimsha sollte umgehend freigelassen werden."
Christliche Minderheit Pakistans fordert Abschaffung des Blasphemiegesetzes
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
07.09.2012 17:50 Uhr
Im Strafgesetz ist keine Kaution vorgesehen
Aber so weit ist es noch nicht. Vorerst besiegeln zwei Bürgen, die jeder rund 4200 Euro hinterlegen, eine Freilassung gegen Kaution. Das ist eine juristische Premiere, denn Blasphemie ist in der Islamischen Republik Pakistan ein so schweres Verbrechen, dass im Strafgesetzbuch keine Kaution vorgesehen ist.
Allerdings hat das Gericht auch angeordnet, dass Rimsha in Schutzhaft kommt, damit ihr niemand etwas antun kann. Der Fall des Mädchens dokumentiert deutlicher als jemals zuvor, wie leicht das pakistanische Blasphemie-Gesetz als Waffe ausgenutzt werden kann. Rimsha lebte mit ihrer Familie bis zu ihrer Festnahme in einem ärmlichen, religiös gemischten Viertel der pakistanischen Hauptstadt Islamabad.
Überraschende Wende
Nach Meinung ihrer muslimischen Nachbarn trug Rimsha Mitte August eine Tüte mit Müll raus, in der auch verbrannte Seiten des Koran versteckt waren. "Wenn die Christen hier so etwas wagen, dann zünden sie morgen unsere Häuser an. Dann brennen sie übermorgen unsere Moschee ab. Wir müssen sie daran hindern."
Der wütende Mob setzte die Festnahme des Mädchens durch. Ihre Eltern wurden aus Sicherheitsgründen in Schutzhaft genommen. Andere christliche Familien flohen aus der Nachbarschaft. Doch dann kam die erste Überraschung: Am vergangenen Sonntag verhaftete die Polizei den Imam aus Rimshas Nachbarschaft, weil er dem Mädchen die verbrannten Koranseiten untergeschoben haben soll.
Kurz darauf wurde Überraschung Nummer zwei bekannt: Der für seine Brandreden bekannte Vorsitzende des mächtigen Rates der islamischen Religionsgelehrten, Tahir Mehmood Ashrafi, spricht sich für das Mädchen aus. "Rimsha ist eine Tochter dieses Landes. Sie ist eine Tochter Pakistans. Wenn die Regierung das Mädchen nach seiner Freilassung nicht beschützen kann, werden wir sie beschützen."
Keine Aussicht auf Abschaffung des Blasphemie-Gesetzes
Falsche Zeugenaussagen und falsche Beweise sind Alltag in pakistanischen Blasphemiefällen. Das Gesetz gegen Gotteslästerung wird oft benutzt, um persönliche Feindschaften zu regeln. Christen und andere Minderheiten sind überproportional oft betroffen. Zwei Politiker, die es im vergangenen Jahr gewagt hatten, sich laut und deutlich gegen das Blasphemie-Gesetz auszusprechen, sind ermordet worden. Seither schweigt die Politik. Das endgültige Urteil der Justiz im Fall Rimsha steht noch aus. Es wird Signalcharakter haben – so oder so.
Stand: 07.09.2012 17:54 Uhr
