Interview

Interview: Pakistan

Tötung von Bin Laden Fatale Abhängigkeit vom pakistanischen Militär

Stand: 03.05.2011 17:59 Uhr

Osama Bin Laden konnte sich nicht ohne das Wissen pakistanischer Militärs mitten in Pakistan aufhalten. Das sagt der Experte Wagner im tagesschau.de-Interview. Die USA könnten wenig dagegen tun: Der Schutz der Atomwaffen in Pakistan sei wichtiger. Doch die Unterstützung der Taliban räche sich auch in Pakistan.

tagesschau.de: Herr Wagner, halten Sie es für glaubhaft, dass Osama Bin Laden in einer Garnisonsstadt bei Islamabad gefunden wurde und die pakistanische Regierung nichts von seinem Aufenthaltsort gewusst hat?

Christian Wagner: Ich denke, Osama Bin Laden konnte sich nicht ohne Wissen und Unterstützung von Teilen des pakistanischen Militärs und der Geheimdienste dort aufhalten. Die Zivilregierung selber muss es aber nicht unbedingt gewusst haben. Sie hat in außen- und sicherheitspolitischen Fragen relativ wenig Handlungsspielraum, soweit dies Afghanistan und das Verhältnis zu Indien bestrifft. Diese Politik legt hauptsächlich das Militär fest.

tagesschau.de: Sie gehen also davon aus, dass die Militärführung Bin Laden unterstützte?

Wagner: Es ist die Frage, ob es die Militärführung oder Teile innerhalb der Sicherheitskräfte waren. Die Tatsache, dass Bin Laden dort war, bestätigt womöglich, dass ein Riss durch die Sicherheitskräfte geht. Es gibt Gruppen, die die afghanischen Taliban in den Stammesgebieten dulden, die von dort aus ihre Operationen in Afghanistan durchführen. Pakistan hat ja in den 90er Jahren die Taliban unterstützt, an deren Seite auch bin Laden stand. Zum anderen aber kämpft das Militär in den Stammesgebieten gegen die pakistanische Talibangruppen. Das ist eine Grauzone, bei der nicht immer ganz klar ist, wer auf welcher Seite steht.

alt Christian Wagner

Zur Person

Christian Wagner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Er forscht über die Außen- und Sicherheitspolitik Südasiens. Pakistan gehört zu seinen Schwerpunkten.

tagesschau.de: War es möglich, dass die USA den Einsatz gegen Osama Bin Laden komplett ohne das Wissen Pakistans durchführen konnte?

Wagner: Die USA haben zwar in Pakistan eng mit dem Geheimdienst bei der Verhaftung von Terrorverdächtigen zusammengearbeitet, haben aber auch wiederholt die Unterstützung der pakistanischen Sicherheitskräfte für afghanische Talibangruppen kritisiert. Bei einer Zusammenarbeit mit pakistanischen Stellen wäre deshalb zu befürchten gewesen, dass Informationen im Vorfeld durchsickern, die den Erfolg der Aktion gefährdet hätten.

tagesschau.de: Was bedeutet dies für das Ansehen der pakistanische Regierung?

Wagner: Es ist ein starker Ansehensverlust für die pakistanische Regierung. Sie hatte jahrelang Behauptungen zurückgewiesen, Osama Bin Laden halte sich in Pakistan auf. Die liberalen Kräfte in der Regierung müssten nun ein Interesse daran haben herauszubekommen, inwieweit Teile der Sicherheitskräfte involviert waren.

Die USA können wenig ausrichten

tagesschau.de: Ist die pakistanische Regierung stark genug, um jetzt gegen diese Teile der Sicherheitskräfte vorzugehen?

Wagner: Das wird sicherlich nicht passieren. Aber vielleicht findet diese Auseinandersetzung innerhalb der Sicherheitskräfte statt. Vielleicht hilft das auch den moderaten Kräften innerhalb der Armee und des Geheimdienstes, sich von solchen militanten Gruppen loszusagen.

tagesschau.de: Haben die USA denn Möglichkeiten, auf das pakistanische Militär Einfluss zu nehmen?

Wagner: Nur begrenzt, weil sie auf die Zusammenarbeit mit Pakistan angewiesen sind. Der Nachschub für die NATO in Afghanistan verläuft über Pakistan. Die USA haben in den vergangenen Jahren auch stark mit dem Militär und den Sicherheitsdiensten zusammengearbeitet, um die Sicherheit der pakistanischen Nuklearwaffen zu gewährleisten. Das ist ein langfristiges strategisches Interesse der USA. Das macht natürlich die Auseinandersetzung in der Frage des Antiterrorkampfes schwierig. Die Terrorismus-Bekämpfung ist für die USA eine wichtige Angelegenheit, aber strategisch von nicht so großer Bedeutung wie die Sicherung der Nuklearwaffen.

Karte: Pakistan
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Karte: Pakistan

Unterstützung der Taliban rächt sich

tagesschau.de: Ist die Strategie Pakistans gescheitert, den Taliban Unterschlupf zu gewähren und über diese Einfluss in Afghanistan zu sicherzustellen?

Wagner: Diese Strategie ist sicherlich in großen Teilen gescheitert. Von den afghanischen Taliban haben sich in den vergangenen Jahren pakistanische Taliban abgespalten, die gegen den pakistanischen Staat und das Militär vorgehen. Es gab ja auch Anschläge auf das Hauptquartier des Militärs. Das Problem scheint zu sein, dass es weiterhin Sympathisanten der Taliban und ihrer Ideen in den Streitkräften gibt.

tagesschau.de: Haben die USA Möglichkeiten, den Verbindungen zwischen Pakistan und den afghanischen Taliban den Boden zu entziehen?

Wagner: Man sucht in Afghanistan eine politische Lösung. Die Taliban selber werden ja inzwischen auch von den USA nicht mehr als Terroristen bezeichnet. Pakistan will eine stärkere Vertretung der paschtunischen Taliban-Gruppen an einer Regierung in Afghanistan. Man erhofft sich durch diese Mitsprache an der nächsten Regierung in Kabul, den wachsenden Einfluss Indiens in Afghanistan zu begrenzen.

tagesschau.de: Sie erwähnen den Einfluss Indiens in Afghanistan. Es gibt ja zwischen Indien und Pakistan auch den Konflikt um Kaschmir. Wie kann sich der Westen denn da positionieren, um nicht beide Länder als Verbündete zu verlieren?

Wagner: Man wird langfristig darauf hinarbeiten müssen, beide Konflikte unabhängig voneinander zu behandeln. Der ehemalige pakistanische Präsident Muscharaf hat ja durch eine Zusammenarbeit mit Indien erfreuliche Fortschritte im Kaschmir-Konflikt erzielt. Die Nachfolger-Regierung führte die Gespräche erfreulicherweise weiter. Auf dieser Ebene wird der Konflikt vermutlich zu verhandeln sein. Afghanistan braucht eine umfassendere Lösung. Ich vertrete nicht die Ansicht, dass beide Konflikte miteinander verbunden werden sollten. Man konnte den Kaschmir-Konflikt 60 Jahre lang nicht lösen. Wie man mit der Verknüpfung des Konfliktes mit Afghanistan die Situation in Afghanistan befrieden will, ist nicht nachvollziehbar.

Das Interview führte Silvia Stöber, tagesschau.de

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