Polioimpfung in der pakistanischen Metropole Karatschi | Bildquelle: REUTERS

Polio-Virus in Pakistan Kampf gegen Barrieren im Kopf

Stand: 28.10.2016 00:26 Uhr

In Deutschland ist die Kinderlähmung Polio längst ausgerottet. Doch in Pakistan gestaltet sich der Kampf gegen das Virus schwierig - vor allem aus Ungewissheit und religiösem Starrsinn. Letzterer kann Impfhelfer manchmal sogar das Leben kosten.

Von Sandra Petersmann, ARD-Studio Neu-Delhi

Impfhelferin Farina klopft an das Eingangstor eines ummauerten Hauses in einem zugemüllten Vorort von Karachi. Die Nachbarschaft in der südpakistanischen Hafenmetropole ist von stinkenden, grünschimmernden Abwasserrinnsalen durchzogen. Die offenen Dreckskanäle sind ein perfekter Brutplatz für das Polio-Virus.

Eine Frau öffnet das Tor, aber nur einen winzigen Spalt breit. Farina fragt nach den zwei kleinen Mädchen, die hier wohnen sollen. "Welche Mädchen?", fragt die Frau und schließt das Tor, um es nicht wieder zu öffnen. Farinas Impfversuch ist gescheitert.  

Religion steht Impfungen im Weg

Es braucht auch in Pakistan nur ein paar Tropfen in den Mund, um Kinder vor dem gefährlichen Polio-Virus zu schützen, das sie lähmen und im schlimmsten Fall auch töten kann. Doch viele Menschen in Pakistan sind Gegner der Schluckimpfung. Die meisten aus Unwissenheit, Angst und falsch verstandener Religiosität.

"Warum lässt du dein Kind nicht impfen?", fragt ein Impfhelfer auf Krücken einen Vater. "Weil das keine religiöse Pflicht ist", antwortet der Mann. Er werde seine Kinder niemals impfen lassen, fügt er wütend hinzu. Selbst die Tatsache, dass der Impfhelfer auf Krücken selbst an Kinderlähmung leidet und beide Beine an das Virus verloren hat, kann den Vater nicht überzeugen.

Ein pakistanisches Mädchen erhält eine Polio-Schluckimpfung.
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Für die Impfhelfer kann ihr Einsatz für die Gesundheit zum lebensgefährlichen Risiko werden.

Radikale Islamisten und auch konservative Mullahs verbreiten, dass die Schluckimpfung ein westliches Programm sei, um Muslime zu sterilisieren und ihre Kinder krank zu machen. Sie behaupten auch, dass Impfhelfer westliche Spione seien, die den Auftrag hätten, das muslimische Pakistan zu schwächen. Extremistische Gruppen wie die pakistanischen Taliban haben seit 2012 etwa 80 Impfhelfer und Sicherheitskräfte, die die staatlichen Gesundheitsmitarbeiter während ihrer Impfkampagnen beschützen sollten, ermordet.

Deutlicher Rückgang an neuen Ansteckungen

Der Sohn von Tasleem Khalil gehört zu den Mordopfern. Er war Impfhelfer, verdiente für seinen Einsatz während einer dreitägigen Impfkampagne etwa vier Euro am Tag. "Sie schicken junge Leute wie meinen Sohn für ein Taschengeld los, um Kinder zu impfen. Ich bin nicht gegen die Polio-Impfung. Aber wenn sie die Leute einfach erschießen, was bringt das alles dann?", fragt Tasleem.  

In diesem Jahr haben sich bisher 15 Kinder neu mit Polio infiziert. 2015 waren es 54, im Jahr zuvor 306 Kinder. Ist der Rückgang der Neuinfektionen ein Erfolg?

"Es wäre ein Traum, die Kinderlähmung auch bei uns auszurotten", sagt Dr. Mirza Ali Azhar von der Ärztekammer. Doch er bleibt vorsichtig und ergänzt: "Es reicht nicht, die Kinder nur zu impfen. Wir müssen Zeit, Geld und Energie investieren, um den Leuten klarzumachen, dass die Schluckimpfung nicht gegen ihre Religion verstößt."

Kaum Mittel für Medizin und Bildung

Der terrorgeplagte, pakistanische Staat investiert den größten Teil seines Haushalts in das Militär - umgerechnet rund 7,4 Milliarden Euro. Der Bereich Gesundheit spielt mit etwa 250 Millionen Euro nur eine Nebenrolle. In die schulische Bildung fließen im aktuellen Haushalt umgerechnet rund 650 Millionen Euro.

Doch viele Eltern vertrauen Koranschulen und ihren Mullahs mehr als dem Staat. In besonders entlegenen oder auch umkämpften Gebieten entlang der pakistanisch-afghanischen Grenze ist die Madrasa oft die einzige Möglichkeit, Kinder in die Schule zu schicken. Die Koranschulen füllen eine Lücke, die der Staat nicht schließt. In Pakistan gibt es rund 26.000 registrierte Koranschulen. Hinzu kommen mehrere Tausend, die nicht registriert sind, schätzen Experten.  

Pakistan - der Kampf gegen Polio
S. Petersmann, ARD Neu-Delhi
27.10.2016 21:06 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 28. Oktober 2016 um 07:50 Uhr

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