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Ausland
Ost-Kongo: Mehr als 300.000 Menschen auf der Flucht
Vergessener Bürgerkrieg im Ost-Kongo

Ohne Arbeit, ohne Besitz, ohne Hoffnung

Ein halbes Jahr nach einer Militäroperation für den Frieden sind im Ost-Kongo mehr als 300.000 Menschen auf der Flucht. Die Situation ist schlimmer denn je. Dennoch sei die internationale Aufmerksamkeit gleich Null, kritisieren Mitarbeiter von Hilfsorganisationen.

Von Marc Engelhardt, ARD-Hörfunkstudio Nairobi

Flüchtlinge im Kongo (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Flüchtlinge im Kongo (Archivbild). ]
Später Vormittag in Mugunga, einem Vertriebenenlager zwischen Goma und Masisi im Osten des Kongo. Die Sonne sticht vom Himmel, die Wolken ballen sich bereits zusammen. Am Nachmittag wird es wieder regnen. Dann verwandelt sich das labyrinthartige Lager in eine Schlammwüste. Das betrifft nicht nur die Pfade, sondern auch das Innere der kläglichen Hütten. Nach den wochenlangen Regengüssen hängen die Plastikplanen schon in Fetzen. Doch Hilfe kommt hier nur selten an. 5000 Menschen leben in Mugunga, ohne Arbeit, ohne Besitz, ohne Hoffnung. Die haben sie aufgegeben, seit eine Militäroffensive vor einem halben Jahr nicht den versprochenen Frieden gebracht hat, sondern neue Gewalt und neues Chaos.

Menschen fliehen aus Angst vor Racheattacken

"Die Menschen fliehen inzwischen nicht mehr vor den Kämpfen", sagt Marcel Stoessel von der Hilfsorganisation Oxfam. Sie fliehen vor den Menschenrechtsverletzungen, die von allen Seiten begangen werden. Schreckliche Dinge würden geschehen. "Mädchen und Frauen werden brutal vergewaltigt, Häuser werden abgefackelt, ganze Dörfer geplündert. Jeder steht unter Generalverdacht", erzählt Stoessel. Ständig gebe es sogenannte Racheattacken gegen die Zivilbevölkerung. Deshalb würden die Menschen fliehen und solche Angst haben.

300.000 Menschen allein in der Nord-Kivu-Provinz haben ihre Dörfer seit Januar verlassen und sind auf der Flucht. Vor einem Jahr, als Rebellen und Armee offen miteinander Krieg führten, waren es noch 100.000 weniger. Ujembe Luneno ist einer der Vertriebenen. Er ist geflohen, als Rebellen sein Dorf überfielen - mehr als sechzig Menschen fielen dem Massaker zum Opfer. Es seien Rebellen der FDLR gewesen, Hutu-Extremisten der ,Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruanda', die das Dorf überfallen haben.

Luneno erinnert sich: "Sie kamen aus dem Busch und brüllten: wir töten euch alle, weil ihr uns für die Regierung bespitzelt, damit wir nach Ruanda ausgeliefert werden. Wir haben euch mit Soldaten im Wald gesehen, als ihr uns gesucht habt, also werden wir Euch alle umbringen. Kinder, Väter, Soldaten!"

Audio: Bürgerkrieg im Ost-Kongo

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AudioMarc Engelhardt, ARD-Hörfunkstudio Nairobi
 16.06.2009 12:13 | 3'19
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Brutale Rebellen und Milizen

Brutal sind sie alle: die Rebellen und Milizen, die den Osten des Kongo schon seit gut zwei Jahrzehnten unsicher machen, die Banditen, die das Chaos zur eigenen Bereicherung nutzen, und nicht zuletzt die Soldaten der kongolesischen Armee, denen viele das Gros der Gewalttaten anlasten. "Die Regierung wird immer schwächer", weiß Luneno, "und die Armee ist Opfer und Täter zugleich. Unsere Soldaten beschützen uns nicht, sie rauben uns aus und tun uns Gewalt an, weil die Regierung sie nicht bezahlt." Den Soldaten bleibe nichts anderes übrig. "Wenn sie drei Monate lang kein Geld bekommen, dann sind sie bereit und fühlen sich gezwungen, zu stehlen", meint Luneno.

Laurent Nkunda (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Seine Kämpfer morden, foltern und vergewaltigen: Rebellenführer Nkunda. (Archivbild) ]
Gut ein halbes Jahr nach der Operation ,Kimia', in deren Rahmen immerhin Rebellenführer Laurent Nkunda gefangen genommen wurde, geht es den Menschen in Nord-Kivu schlechter als zuvor. Von Goma kommend gilt kaum mehr eine Straße als sicher.

Und doch, bemängelt Marcel Stoessel von Oxfam, sei die internationale Aufmerksamkeit gleich Null. Stoessel sagt: "Es ist ein Skandal, dass die Welt wegguckt. Wenn die Militäroperation wie geplant fortgesetzt wird, dann wird es in Süd-Kivu mindestens genauso schlimm werden, davon gehen wir aus." Die Menschen müssten realisieren, dass die Krise im Ost-Kongo noch lange nicht gelöst sei.

Stand: 16.06.2009 13:09 Uhr
 

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