Francine Cinege

Weltspiegel-Reportage "Sie hatten keine Menschlichkeit"

Stand: 29.04.2018 09:32 Uhr

Im Ost-Kongo kämpfen mehr als 100 Rebellengruppen um wertvolle Bodenschätze. Systematisch vergewaltigen sie Frauen, um die Gesellschaft zu zerstören. Hunderttausende erleiden unermessliches Leid und benötigen Hilfe.

Von Sabine Bohland, ARD-Studio Nairobi

"Das Schlimmste war", sagt Francine Cinege, "dass sie uns wie Tiere behandelt haben. Sie haben uns nicht als Menschen betrachtet. Wie Vieh haben sie uns geschlagen und geschändet." Die 38-jährige spricht resolut, klar und selbstbewusst. Wer nicht weiß, welches Schicksal sie durchlitten hat, käme nicht auf die Idee, dass sie Opfer monatelanger Massenvergewaltigungen im Ostkongo geworden ist.

Francine Cinege trifft sich alle paar Wochen mit Thérèse Mema Mapenzi. In der Stadt Bukavu hat die Traumatherapeutin ihr kleines "Maison de Conseil", ein "Haus der Beratung". Die Geschichten, die sie hier hört, übersteigen alles Erträgliche. Thérèse ist die Zeugin einer kriegsversehrten Gesellschaft, in der vor allem Frauen leiden.

Hunderttausende Frauen wurden Opfer

Thérèse Mema Mapenzi
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"Oft fehlen mir die Worte" - Therapeutin Thérèse Mema Mapenzi

"Manchmal fühle ich mich machtlos, wenn ich den Frauen zuhöre. Oft fehlen mir die Worte, um mein Mitgefühl zu zeigen. Ich höre dann einfach zu und schaue sie an", sagt die Therapeutin. Was sie bitter macht neben all dem Leid, ist die Tatsache, dass sich in all den Jahren nichts an der Situation geändert hat, obwohl die Geschichten bekannt sind.

"Ich habe das Gefühl, dass die Welt uns leiden sehen möchte", sagt sie. "Die Leute reden so viel über Kriege in anderen Ländern, aber wenn es um die Demokratische Republik Kongo geht, dann heißt es oft: 'nicht schon wieder Kongo!'."

Die Bäuerin Francine Cinege ist mit ihrem Schicksal nicht alleine. Schätzungen von Hilfsorganisationen und den Vereinten Nationen zufolge sind hunderttausende Frauen in den vergangenen zwei Jahrzehnten vergewaltigt, verletzt und erniedrigt worden.

Anhaltendes Leid für die Menschen im kriegsversehrten Kongo
Weltspiegel, 27.04.2018, Sabine Bohland, ARD Nairobi

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Erbitterter Krieg um Bodenschätze

Seit 1996 tobt im Osten der Demokratischen Republik Kongo ein unerbittlicher Krieg. Es geht um Rohstoffe: Diamanten, Gold, Coltan. Bodenschätze, mit denen weltweit viel Geld verdient wird. Mehr als hundert verschiedene Rebellengruppen bekämpfen sich gegenseitig, kämpfen gegen Regierungstruppen und ringen um die Minen, die es hinter praktisch jedem Hügel im Ostkongo gibt.

Vergewaltigungen sind dabei systematisch zur Kriegswaffe geworden. "In den sechs Monaten, in denen die Rebellen uns in ihrer Gewalt hatten, mussten wir für sie kochen und schwere Säcke tragen" berichtet Francine Cinege. "Wir wussten nicht, was in den Säcken war, sie haben immer alles eingewickelt. Durch den ganzen Wald mussten wir die Sachen schleppen, bis zu einer Lichtung. Dort warteten immer kleine Flugzeuge und haben die Säcke abtransportiert." So schildern es Francine Cinege und zahlreiche andere Frauen, die bei Thérèse Mema Mapenzi in Therapie sind.

Vermutlich handelt es sich bei dem Inhalt der Säcke um Bodenschätze. Wer genau in den illegalen Handel mit den "Konfliktmineralien" verwickelt ist, bleibt undurchsichtig.

Leid geht nach der Flucht weiter

Francine Cinege erzählt, die Männer, die sie gefangen hielten, hätten sich in Kinyarwanda unterhalten, die Sprache, die in Ruanda gesprochen wird. "Immer, wenn wir von so einer Tour zurückkamen, haben sie uns öffentlich vergewaltigt", sagt sie. "Sie hatten keine Menschlichkeit in sich. Ich musste die ganze Zeit an meinen Mann und meine Kinder denken, die mich sicher schon vergessen hatten."

Francine Cinege
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Nach ihrer Flucht war Francine Cinege bei ihrer Familie nicht willkommen.

Eines Tages gelang es Francine Cinege zu fliehen, als sie zum Waschen an den Fluss ging und ausnahmsweise unbeobachtet war. Zu Hause wartete der nächste Schicksalsschlag auf sie. Ihr Mann wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Zu groß war die ‚Schande‘, die sie durch die Vergewaltigungen über ihn und die Familie gebracht habe.

"Die Menschen sollen stumm gemacht werden"

Auch bei diesem Problem, das praktisch alle Frauen erleben, die solch ein Martyrium durchlitten haben, versucht Thérèse Mema Mapenzi zu vermitteln. Nicht immer gelingt ihr das. "Viele Familien sind durch die sexuelle Gewalt zerstört worden. Die Vergewaltigungen werden systematisch eingesetzt, um auch die Ehemänner der Frauen zu erniedrigen, um die Harmonie in den Familien kaputt zu machen", sagt sie. "Die Menschen sollen stumm gemacht werden. Da steckt Methode dahinter. Auf diese Weise wird eine ganze Gesellschaft zerstört", erklärt die Therapeutin.

Hinzu kommen Kinder, die nach den Vergewaltigungen zur Welt kommen. Im Osten der Demokratischen Republik Kongo wächst eine durch Krieg und Gewalt zerstörte Generation heran, die kaum Hilfe bekommt. Mapenzi wird von der Diözese Bukavu unterstützt, der Erzbischof persönlich hat sie gebeten, die Frauen stark und unabhängig zu machen. Das tut sie unermüdlich.

Francine Cinege und anderen Frauen konnte sie bereits helfen. Viele von ihnen sind nun in Frauengruppen organisiert. Sie bauen zusammen Getreide und Gemüse an, halten Tiere, haben einen gemeinsamen Spartopf und unterstützen einander seelisch. "Ich spreche inzwischen offen über das, was mir passiert ist", sagt Francine Cinege fast ein wenig trotzig, "es kann ja sein, dass es andere Frauen, die etwas Ähnliches erlebt haben, tröstet und ermutigt. Es kann einen ja auch stark machen, so etwas Schreckliches zu überstehen. Aber jedes Mal, wenn ich darüber spreche, schmerzt es wieder."

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 29.4.2018 um 19.20 Uhr.

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