Sharmeen Obaid Chinoy Foto: SOC Films/dpa) | Bildquelle: dpa

Oscar-Preisträgerin aus Pakistan Mit Filmen das Unrecht brechen

Stand: 08.03.2016 02:33 Uhr

Ihre Leidenschaft sind Dokumentarfilme: Sie will das wahre Leben zeigen und ihr Land Pakistan verändern. Für ihre Filmarbeit gewann Sharmeen Obaid Chinoy gerade ihren zweiten Oscar - und bricht in ihrer Heimat das Schweigen über Unrecht an Frauen.

Von Sandra Petersmann, ARD-Studio Neu Delhi

Der Vater und der Onkel schlagen Saba zusammen. Anschließend schießen sie der 19-Jährigen ins Gesicht. Dann stopfen sie Saba in einen Sack und werfen sie in einen Fluss. Saba ist die Hauptdarstellerin des Dokumentarfilms "Das Mädchen im Fluss - der Preis des Vergebens", mit dem Sharmeen Obaid Chinoy ihren zweiten Oscar gewonnen hat.

"In diesem Film geht es um Ehrenmorde, ein Tabuthema in Pakistan. Es wird nicht auf nationaler Ebene diskutiert. Ich habe schon deshalb gewonnen, weil mein Film eine nationale Debatte angestoßen hat", sagt sie.

Unmittelbar vor der Oscar-Verleihung in Hollywood am 28. Februar lud Pakistans Premierminister Nawaz Sharif sie persönlich zur Filmvorführung ein und kündigte anschließend an, dass er das Gesetz verschärfen will, damit Ehrenmörder nicht länger straffrei davonkommen.

"Meine Damen und Herren, ich möchte einmal mehr die herausragende Arbeit von Sharmeen Obaid-Chinoy hervorheben. Ihre Kunst wirkt weltweit und ist eine Inspiration für alle Frauen. Sie stellt ihre Arbeit in den Dienst der Menschheit und des sozialen Wandels", sagte der Premier.

Pakistans Premier Nawaz Sharif | Bildquelle: AFP
galerie

Premier Nawaz Sharif warb für den Film von Sharmeen Obaid Chinoy.

1000 Ehrenmorde jedes Jahr

Er wird es schwer haben, ein Ehrenmord-Gesetz durchzusetzen. Pakistan ist ein konservativ-religiöses Land, in dem die meisten Frauen noch immer vom Besitz des Vaters in den Besitz des Ehemannes übergehen. Nach Angaben der pakistanischen Menschenrechtskommission gibt es pro Jahr rund 1000 Ehrenmorde. Mindestens, sagt Sharmeen Obaid-Chinoy. Viele Ehrenmorde bleiben unentdeckt, weil alle schweigen.

"Für mich wäre es der größte Erfolg meines Films, wenn sich der Premierminister wirklich an die Spitze stellt und alle Verantwortlichen zusammenbringt. Es könnte ein Geschenk für die Frauen in seiner eigenen Familie sein, indem er sicher stellt, dass keine pakistanische Frau im Namen der Familienehre ermordet wird. Und wenn doch, müssen die Mörder ins Gefängnis, um andere abzuschrecken", sagt Obaid-Chinoy.

Keine Strafen, kein Unrechtsbewusstsein

Saba, die junge Frau aus dem Sack im Fluss, überlebte den Mordversuch ihres Vaters und ihres Onkels. Sharmeen Obaid Chinoy spürte die Schwerverletzte im Krankenhaus auf und überzeugte sie davon, ihre Geschichte zu erzählen. Saba hatte sich ohne das Einverständnis der Männer ihrer Familie verliebt und geheiratet. Sie sollte sterben, um die "Familienehre" wiederherzustellen. Nach der Tat hielten Sabas Mutter und ihre Geschwister zum Vater.

"Wenn du mit den Menschen in pakistanischen Dörfern und Städten sprichst, dann findest du dort Leute, für die ein Ehrenmord kein Verbrechen ist. Weil niemand verurteilt wird. Saba, ihre Schwiegereltern und ihr Mann wurden von allen anderen ausgegrenzt und wie Aussätzige behandelt. Saba wurde gezwungen, ihrem Vater und ihrem Onkel zu vergeben. Die Lücken in unserem Gesetzen erlauben das."

Sharmeen Obaid-Chinoy | Bildquelle: REUTERS
galerie

Im Februar gewann Sharmeen Obaid-Chinoy den Oscar für den besten Dokumentarfilm.

Die Mauer des Schweigens brechen

Das bislang geltende Gesetz enthält eine Klausel, nachdem das Opfer dem Täter verzeihen kann. Weil Ehrenmorde in der Regel in der Familie stattfinden, wird fast allen Tätern vergeben. Der Staat kann die Mörder danach nicht mehr bestrafen.

Sharmeen Obaid Chinoys Film hat die Mauer des Schweigens in Pakistan aufgebrochen, nicht zum ersten Mal. Auch ihr erster Oscar-gekrönter Dokumentarfilm "Saving Face" führte zu einer Gesetzesverschärfung.

Er lässt die verätzten, entstellten Opfer von Säureattacken zu Wort kommen. Frauen, die rohe männliche Gewalt zu spüren bekommen haben und die aus Scham oft zu Hause verstreckt werden, wenn sie überleben, während viele Täter ungeschoren davonkommen. Die 37-jährige Künstlerin und Mutter will den Frauen in der pakistanischen Männerwelt Gehör verschaffen.

"Die allergrößte Auszeichnung für mich ist eine Mutter, die mit ihrer Tochter zu mir kommt und sagt: Bitte reden Sie mit meiner Tochter, sie schaut zu Ihnen auf. Für mich kann es keinen größeren Erfolg geben, als ein Vorbild für junge Frauen zu sein, die mit mir kämpfen wollen, die auch Filme machen wollen."

Darstellung: