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Syrische Oppositionelle in Berlin
"Da fliegen die Fetzen"
In Syrien tobt der Bürgerkrieg, in Berlin versuchen derweil Oppositionelle Pläne für einen möglichen Neuanfang in ihrem Heimatland zu schmieden. Eine komplexe Aufgabe, die durch die unterschiedlichen Interessen der Oppositionellen weiter erschwert wird.
Von Jens Borchers, HR, ARD Berlin
Syrische Oppositionelle aus aller Herren Länder treffen sich in Berlin. Nur warum eigentlich in Berlin, warum in Deutschland? "Wir wollten einen unauffälligen Ort. Wir wollten auch Leute direkt aus Syrien einbeziehen und Berlin erschien uns dafür ungefährlich", sagt Amr al Azm.
Er gehört seit vielen Jahren zu den Gegnern des Assad-Regimes. Obwohl der syrische Geheimdienst auch in Berlin sein Unwesen treibt - die deutsche Hauptstadt schien den syrischen Oppositionellen dann doch immer noch ungefährlicher als Paris oder London zu sein.
Ex-Generäle, Muslimbrüder, Nationalisten
Al Azm lebt in den USA, lehrt dort Archäologie und versucht, in der zersplitterten syrischen Opposition strategische Gemeinsamkeiten zu entwickeln. Deshalb treffen sich 45 Regime-Gegner in Berlin - mehrfach, unauffällig und mit Zeit sowie Raum für Diskussionen. Sie treffen sich bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), einem Institut, das auch die Bundesregierung berät.
Syrische Opposition arbeitet in Berlin
J. Borchers, ARD Berlin
20.08.2012 15:24 Uhr
Muriel Asseburg arbeitet dort. Sie hat die Treffen der Syrer begleitet. Zum Teil seien bei den Diskussionen "wirklich die Fetzen geflogen", berichtet sie, "weil wir sehr unterschiedliche Leute dabei hatten". Experten, Ex-Generäle, Muslimbrüder, Nationalisten - sie alle einigen sich auf strategische Prioritäten für die Zeit nach Assad. Was für eine Justiz soll der Übergangsphase zur Demokratie entstehen? Was muss wirtschaftlich passieren, nach all den verheerenden Zerstörungen in Syrien? Und wie soll der Sicherheitsapparat aussehen?
"Noch keine schlüssigen Antworten"
Al Azm sagt über das 70-seitige Abschlussdokument bisher nur so viel: Es ist ein Instrumentenkasten. Das Dokument befasse sich mit der Schlüsselfrage: "Was kommt nach Assads Sturz?" Viele Oppositionsgruppen in Syrien hätten darauf noch keine schlüssige Antwort, sagt Al Azm. "Das Dokument könnte ihnen helfen, ihre eigenen Antworten zu formulieren.“
Eine arabische Übersetzung wird gemacht, damit das Ergebnispapier auch in Syrien zirkulieren kann, auch dort bekannt wird, nicht als fertiges Konzept, sondern eben als Instrumentenkasten für die Zeit nach Assad. Und das Dokument soll auch die internationale Gemeinschaft überzeugen. Davon nämlich, dass die syrische Opposition sehr wohl eine glaubwürdige Alternative zu Assad sein kann.
Details über das mühsam erstrittene Papier gibt es aber erst, wenn es Ende August in Berlin von den Syrern präsentiert wird. Bis dahin kann ziemlich viel passieren. Al Azm ist vorsichtig. Tag für Tag erlebt er, welchen Blutzoll die Syrer für den Tyrannen-Sturz zahlen müssen. Tag für Tag zeigt sich, dass immer radikalere Gruppierungen in diesen Kampf eingreifen: Islamistische Extremisten, Al-Kaida-Kämpfer.
"Wenn es ein solches Machtvakuum gibt, dann funktioniert das wie ein Schwamm. Es saugt Elemente, Organisationen und Ideologien auf, die eigentlich kaum jemand haben will. Bei unseren Treffen waren darüber sogar die Vertreter der Muslim-Bruderschaft besorgt." Al Azm wagt keine Prognosen über den Umsturz. Wann er kommt, wer als stärkste Kraft daraus hervorgehen wird - Al Azm sagt nur: "Wenn der Regimewechsel kommt, dann werden wir sehr viel Hilfe brauchen - auch aus Deutschland."
Stand: 21.08.2012 02:44 Uhr
