Oktoberrevolution: Lichtinstallationen in St. Petersburg in Erinnerung an Oktoberrevolution | Bildquelle: AFP

100 Jahre Oktoberrevolution Ein Aufstand, der keiner mehr sein darf

Stand: 07.11.2017 09:21 Uhr

Vor genau 100 Jahren stürmten Russlands Bolschewiken den Zarenpalast. Die Oktoberrevolution brachte enormes Leid, sorgte aber auch für bedeutende Fortschritte über die Landesgrenzen hinaus. Weltweit wird daran erinnert - allein in Putins Russland tut man sich damit schwer.

Von Ina Ruck, WDR

Oktoberrevolution: | Bildquelle: AP
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Der letzte russische Zar mit seiner Familie

Fromme Osterwünsche schickte ein Kaufmann aus dem fernen Handelsposten Wladiwostok an die Familie in Petrograd, dem heutigen St. Petersburg. Er unterschrieb mit dem damals üblichen Gruß "Gott schütze den Zaren". Die Postkarte, fast ein Jahrhundert später auf einem Moskauer Flohmarkt gefunden, mag rechtzeitig angekommen sein: Sie trägt einen Stempel vom Januar 1918. Doch einen Zaren gab es da längst nicht mehr, und das Osterfest wurde in Petrograd wohl nur noch heimlich gefeiert. Denn die Oktoberrevolution von 1917 war auch Monate danach noch nicht in alle Winkel des riesigen Reichs gedrungen, es sollte sogar Jahre dauern, bis alle Provinzen in einem blutigen Bürgerkrieg unterworfen waren.

Das Experiment des ersten sozialistischen Staates

Die Ereignisse am 7. November (nach julianischem Kalender am 25. Oktober) waren keineswegs eine landesweite Erscheinung, und sie waren eher Revolte denn Revolution, zunächst begrenzt auf die Hauptstadt. An jenem Tag stürmten die sozialistischen Bolschewiken den Zarenpalast. Dort saß aber längst kein Zar mehr. Er hatte bereits nach einer ersten Revolution im Februar des Jahres abdanken müssen. Die Geschäfte führte seitdem eine provisorische Regierung. Die Bolschewiki fegten sie aus dem Amt. Das Experiment des ersten sozialistischen Staates begann.

Rote Garden in St. Petersburg im Oktober 1917 | Bildquelle: AP
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Rote Garden im Oktober 1917 in St. Petersburg vor dem Smolny-Institut, dem Hauptquartier Lenins

Oktoberrevolution: Lenin | Bildquelle: AP
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Wladimir Lenin im ersten Revolutionsjahr auf dem Roten Platz in Moskau

Millionen von Todesopfern

Es forderte Millionen von Todesopfern. Bürgerkrieg, Zwangskollektivierung der Landwirtschaft mit folgender Hungersnot, Stalins Terror gegen das eigene Volk - ein Leid gigantischen Ausmaßes, sagt Gabriele Woidelko, Russlandexpertin der Körber-Stiftung. Es gebe wohl keine sowjetische Familie, die von den Repressionen verschont geblieben sei.

Und dennoch habe die Revolution auch positive Auswirkungen gehabt - nicht nur, weil sie die Industrialisierung des rückständigen Landes angestoßen habe:

"Sie war der Versuch, eine gesellschaftliche Utopie zu verwirklichen. In Kunst, Literatur und Musik hat sie weit über Russland hinaus inspiriert. Und sie war ein soziales Experiment - mit breit angelegter Alphabetisierung, mit Stärkung von Frauenrechten. Deshalb hat sie bis heute trotz aller negativer Folgen immense zivilisatorische Bedeutung."

Zu Sowjetzeiten einer der höchsten Feiertage

Umso erstaunlicher, dass Russland sich so schwer tut mit dem Erinnern an die Oktoberrevolution. Zu Sowjetzeiten war der 7. November einer der höchsten Feiertage. Die ganze Welt blickte auf den Roten Platz, wo die Staats- und Parteiführung jährlich eine gewaltige Militärparade abnahm und man allein an der Sitzordnung auf der Ehrentribüne die innerparteilichen Machtverhältnisse ablesen konnte. Putin schaffte den 7. November als Feiertag ab. Und während weltweit zum hundertsten Jahrestag der Revolution Ausstellungen und Kongresse an das epochale Ereignis erinnern, scheint man sich im Kreml selbst um diesen besonderen Jahrestag am liebsten herumdrücken zu wollen.

Sturm auf das Winterpalais am 7. November 1917 (Szene aus dem Film "Oktober" aus dem Jahr 1928) | Bildquelle: dpa
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Sturm auf das Winterpalais am 7. November 1917 (Szene aus dem Film "Oktober" aus dem Jahr 1928)

"Nichts fürchtet der Kreml mehr als Revolutionen"

Den Russlandkenner Jens Siegert, der 16 Jahre lang das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Moskau leitete, wundert das nicht. Putin wolle die Erinnerung an die Revolution am liebsten verblassen lassen: "Nichts fürchtet der Kreml mehr als Revolutionen. Putin ist gegen jede Form von Unruhe und Wandel, was heute vor allem heißt, gegen jede Form von emanzipatorischer und demokratischer Veränderung. So etwas wird bekämpft - zu Hause und im Ausland."

Zudem passe die Revolution nicht ins Narrativ der seit tausend Jahren währenden Geschichte russischer Größe, in der das Land nach Kreml-Lesart stets auf der moralisch richtigen Seite gestanden hat. Die Wirren der Revolution und des Bürgerkriegs hätten da keinen Platz.

Widersprüche im nationalen Geschichtsbild

Womöglich will Russland auch deshalb nicht groß an das Jahr 1917 erinnern, weil dann die vielen Widersprüche im nationalen Geschichtsbild offenbar würden. Der letzte Zar wurde gerade erst heiliggesprochen - zeitgleich wird Stalin als großer Staatsmann rehabilitiert. Der zaristische Doppeladler ist wieder Staatssymbol, Putin hat auch die Sowjethymne wieder eingeführt. Und er nennt den Zusammenbruch der Sowjetunion die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Russische Geschichte als Supermarkt, aus dem man sich bedient

Der Kreml habe die russische Geschichte auf Siege und Heldentum reduziert, fasst es Gabriele Woidelko zusammen. Er nutze sie "wie einen Supermarkt, in dem man sich aus den Regalen die passenden Angebote heraussucht und miteinander kombiniert".

Immerhin thematisiert eine Fernsehserie neuerdings die Revolution. Russlandkenner Siegert hat die erste Folge gesehen: "Als wichtigsten Drahtzieher zeigt sie einen nach Deutschland ausgewanderten russischen Juden. Der hilft dabei, die berühmte Reise des Revolutionsführers Lenin im plombierten Eisenbahnwaggon aus dem Schweizer Exil quer durch Deutschland nach Petrograd zu organisieren. Indirekt soll das wohl zeigen: An der Revolution waren also die Deutschen schuld."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. November 2017 um 08:10 Uhr.

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