Offshore-Leaks

"Internationales Konsortium Investigativer Journalisten" Bei den Quellen von "Offshore-Leaks"

Stand: 06.04.2013 05:48 Uhr

Die Recherchen von "Offshore-Leaks" basieren auf einem Datensatz, der einer kleinen, aber schlagkräftigen Truppe vor einem Jahr zugespielt wurde: Das "Internationale Konsortium Investigativer Journalisten" hat Journalisten aus 46 Staaten zusammengebracht - und mit ihnen die Daten ausgewertet.

Von Martin Ganslmeier, NDR-Hörfunkstudio Washington

Wer in diesen Tagen versucht, das "International Consortium of Investigative Journalists" (Internationales Konsortium Investigativer Journalisten) telefonisch zu erreichen, könnte Pech haben. Denn schon einige Male gab es Probleme wegen Überlastung der Telefonleitungen. Oder niemand hebt ab, weil die fünf Mitarbeiter der kleinen Organisation immer noch in die "Offshore"-Daten vertieft sind.

Erst als ich persönlich vor dem Bürogebäude in der Washingtoner Innenstadt stehe, habe ich Glück, dass William Buzenberg gerade zur Tür reinkommt. "Die Telefone klingeln unaufhörlich und unsere Webseite ist schon zweimal zusammengebrochen - so viele Anfragen und Klicks hatten wir noch nie", sagt er.

In den Washingtoner Büroräumen des "International Consortium of Investigative Journalists" | Bildquelle: Martin Ganslmeier, NDR
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Die Washingtoner Büroräume des "International Consortium of Investigative Journalists": Auf der Tafel steht, wo die "Offshore-Berichte" schon Schlagzeilen gemacht haben.

Herberge für investigativen Journalismus

Buzenberg ist so eine Art Herbergsvater für die investigativen Journalisten. Die Daten-Rechercheure in Sachen Steueroasen brachte er in einigen Büroräumen seines "Zentrums für öffentlichen Anstand" unter. Buzenberg, selbst Radiojournalist, ist Direktor der unabhängigen und nicht-kommerziellen Organisation, die investigativen Qualitätsjournalismus befördern will.

Er holte den Journalisten Gerard Ryle nach Washington. Und Ryle wurden die "Offshore"-Daten zugespielt - der größte Coup in der 15-jährigen Geschichte der Washingtoner Organisation. "Künftig werden wir bestimmt noch mehr Infos zugespielt bekommen. Wir haben jetzt einen Namen."

Buzenberg klopft an Ryles Bürotür. Ryle knüpfte die Kontakte zu 86 investigativen Journalisten aus 46 Ländern - eine nie dagewesene grenzüberschreitende Recherche für ein globales Problem. Doch Ryle ist gerade im Last-Minute-Stress, denn die "Washington Post" will in Kürze die amerikanischen Steuerflüchtlinge veröffentlichen.

Zwischen Bergen von Unterlagen, den Laptop im Blick, löffelt Ryle hastig sein Lunch. "Im Moment ertrinken wir. Wir werden überschwemmt mit Anfragen und neuen Storys." Buzenberg musste ein PR-Unternehmen beauftragen, um die Anfrageflut zu bewältigen.

Screenshot der Homepage von "International Consortium of Investigative Journalists"
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Screenshot der Homepage von "International Consortium of Investigative Journalists"

Kein verlängerter Arm der Justiz

Nicht nur Journalisten und interessierte Bürger rufen an. Auch die US-Steuerbehörde bekundete Interesse an den "Offshore"-Daten. Buzenberg lehnte ab - schließlich seien sie eine Journalisten-Organisation und nicht der verlängerte Arm der Justiz. Und übrigens auch nicht WikiLeaks: Unterlagen und Daten ungeprüft ins Netz stellen, kommt für ihn nicht in Frage: "Wir machen Journalismus. Bevor wir Personen veröffentlichen, werden sie um Stellungnahme gebeten. Wir checken erst alle Fakten und arbeiten sehr vorsichtig."

Kein Wunder, dass sich die fünf Mitarbeiter noch längere Zeit mit Steueroasen beschäftigen. Der Datensatz war 160 Mal umfangreicher als die WikiLeaks-Akten zur amerikanischen Regierungskorrespondenz. "Wir sind noch lange nicht fertig. Wir werten weiter Daten aus. Diese Arbeit wird bis Ende des Jahres dauern."

Zum Abschied bedankt sich Buzenberg für die internationale Zusammenarbeit, in Deutschland vor allem mit dem Norddeutschen Rundfunk und der "Süddeutschen Zeitung". Ein Mammut-Projekt wie die Offshore-Daten hätte die spendenfinanzierte kleine Organisation in Washington alleine nie bewältigen können.

Dieser Beitrag lief am 06. April 2013 um 09:08 Uhr auf NDR Info.

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