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In Österreich sind heute 6,3 Millionen Bürger aufgerufen, über ein neues Parlament abzustimmen. Erstmals sind junge Wähler ab 16 Jahren zum Urnengang zugelassen. Nach nur 18 Monaten war die Große Koalition aus Sozialdemokraten (SPÖ) und der konservativen Volkspartei (ÖVP) geplatzt. Von dieser Niederlage hofft die rechtspopulistische Freiheitliche Partei (FPÖ) nun zu profitieren und rechnet mit bis zu 20 Prozent der Stimmen. In Umfragen liegt die SPÖ knapp vor der ÖVP - dank des einflussreichen Massenblatts "Kronen-Zeitung".
Von Andrea Mühlberger, ARD-Hörfunkstudio Wien
[Bildunterschrift: Die "Kronen-Zeitung" hat weltweit mit die größte Reichweite - und in Österreichs Politik viel Einfluss. ]
"Benennen wir das Land doch in 'Republik Krone' um!'", fordert das kritische österreichische Wochenblatt "Falter" - angesichts der momentanen Machtverhältnisse in der Alpenrepublik. Obwohl Österreich schon lange keine Monarchie mehr ist, gibt die "Krone" noch immer den Ton an - genauer gesagt: das Massenblatt "Kronen-Zeitung" und sein einflussreicher Verleger Hans Dichand.
Als "ungekrönter Monarch" mit Papierkrone wird der öffentlichkeitsscheue 87-Jährige wegen seines Medienimperiums gerne beschrieben. Sein Boulevardblatt ist seit Jahrzehnten so beliebt, dass selbst die größten Kritiker ihren Hut ziehen. Wie "Falter"-Herausgeber Armin Thurnher: "Auf diesen Erfolg kann man nur neidisch sein, das ist die reichweitenstärkste Tageszeitung der Welt, sie hat relativ gesehen eine doppelt so hohe Reichweite wie die "Bild"-Zeitung, nämlich fast 44 Prozent."
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Die Kampagnen der "Krone" erreichen fast jeden zweiten Österreicher, bis zu drei Millionen Leser täglich. Keine Frage, Dichand habe immer ein Wörtchen mitzureden, meint Armin Thurnher: "Die Macht der Krone gründet darauf, dass der Herausgeber relativ konsequent ganz opportunistisch das wiedergibt, was er als Volksmeinung herauszuspüren glaubt."
[Bildunterschrift: Gute Beziehungen zum Boulevard: die SPÖ-Granden Gusenbauer (l.) Faymann ]
In diesem Wahlkampf ist es vor allem die EU-Skepsis der Österreicher. Einen militanten Anti-EU-Kurs steuert die "Kronen-Zeitung" schon lange. Im Juni genügte ein offener Brief der SPÖ-Führungsspitze in dem Massenblatt, um die Große Koalition endgültig zu torpedieren. Via Krone verkündete das sozialdemokratische Führungs-Duo Werner Faymann/Alfred Gusenbauer einen Kurswechsel in der EU-Politik, den die Konservativen nicht mittragen wollten.
Für Faymanns "Kniefall vor dem Boulevard" zeigt sich die "Krone" im Wahlkampf dankbar - mit Lobeshymnen und beinahe zärtlichen Kommentaren. Sogar die eigene Partei witzelt schon über Faymanns fast väterliches Verhältnis zum "Krone"-Herausgeber. Andere Spitzenkandidaten, wie Heide Schmidt vom Liberalen Forum, finden diese uneingeschränkte Unterstützung weniger lustig: "Die Kronen-Zeitung tut das, was sie ganz offen ausspricht: Sie straft Politiker ab, die ihr nicht zu Gesichte stehen. Und sie belobigt die, die sich mit ihr verbünden. Und das ist nicht Sache einer Zeitung."
Was sicher nicht Sache einer seriösen Zeitung ist: Die "Krone" druckte das Lob für den "tollen Auftritt Werner Faymanns" in einem Fernsehduell schon ab, bevor die verbale Schlacht vor laufenden Kameras überhaupt stattgefunden hatte. Doch nicht nur in der "Kronen-Zeitung" ist Faymann der neue Shooting-Star.
Auch zu anderen Medien hat der SPÖ-Spitzenkandidat ausgezeichnete Kontakte - was er selbst eher beiläufig kommentiert: "Ich fühl' mich im Großen und Ganzen von niemandem schlecht behandelt. Das ich manche Kommentare anders schreiben würde, das ist in der Medienfreiheit so. Da kann man nicht darüber raunzen."
[Bildunterschrift: In medialen Schatten: Vizekanzler Molterer auf der Abschlusskundgebung seiner konservativen ÖVP. ]
Das wäre auch ziemlich undankbar von ihm: Durch seine Dauerauftritte in der "Kronen-Zeitung" steigen Faymanns Sympathiewerte ständig. In der Kanzlerfrage liegt der smarte, aber auch aalglatte SPÖ-Kandidat weit vor dem immer grimmiger dreinblickenden ÖVP-Spitzenmann Wilhelm Molterer.
Hannes Missethon von der konservativen Volkspartei, meint zu den Umfragewerten trocken: "Wenn der Herr Dichand Kanzler werden will, dann soll er antreten. Dann soll er keinen Strohmann vorschicken, sondern selbst kandidieren." Und den Wählern empfiehlt der ÖVP-Generalsekretär "neben der Krone eine zweite und weitere Zeitungen zu lesen, um sich ein breiteres Bild zu machen".
Doch auch wenn Werner Faymann dieser Tage im Sturm die Herzen vieler Krone-Leser erobert. Nicht jede Kampagne des Boulevardblatts war von Erfolg gekrönt. Vielleicht steht Ende September in der Alpenrepublik ja eine Art Palast-Revolution an.
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