Die Nordsee-Bohrinsel Elgin Rig  | Bildquelle: AFP

Abriss von Öl-Plattformen Das wird teuer

Stand: 28.02.2017 05:21 Uhr

Der Abriss von Öl- und Gasplattformen im britischen Teil der Nordsee wird teuer: Bis zu 120 Milliarden Euro wird er kosten. Bezahlen sollen das weitgehend die Steuerzahler. Durchgesetzt haben das offenbar Lobbyisten.

Von Jürgen Döschner, ARD-Energieexperte

Um einem Manager aus der Öl- und Erdgasbranche den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben, genügt ein einziges Wort: "Decommissioning" - zu Deutsch: "Stilllegung" oder "Außerbetriebnahme". Die besten Jahre des Nordsee-Öls sind vorbei, viele Quellen versiegen, werden unrentabel und der niedrige Ölpreis beschleunigt den Trend.

Gemäß internationalen Vereinbarungen müssen die Öl- und Gaskonzerne nicht mehr genutzte Quellen verschließen und die Förderanlagen samt Pipelines abbauen und sicher entsorgen. Vor allem bei den Offshore-Anlagen, also jenen auf dem offenen Meer, ist das eine gigantische Herausforderung - technisch, ökologisch und finanziell.

Stilllegung ist eine Mammutaufgabe

Allein im britischen Teil der Nordsee müssen 5000 Quellen versiegelt und 470 Plattformen entsorgt werden. Für die riesigen Stahlkonstruktionen werden Spezialschiffe gebaut und Häfen erweitert. Rund 10.000 Kilometer Pipelines müssen aus dem Meer geholt, an Land gebracht und von zum Teil stark radioaktiven Ablagerungen befreit werden.

Eine Mammutaufgabe. Der Öl-Konzern Shell hat allein für die Stilllegung des berühmten Brent-Erdölfeldes einen fast 400 Seiten starken Plan entwickelt, der trotz seines Umfangs noch viele offene Fragen enthält. So ist zum Beispiel noch unklar, ob nur die Plattformen, oder auch die gigantischen Bentonverankerungen und Stabilisierungstanks aus dem Meer geholt werden müssen.

Öl-Plattform in der Nordsee | Bildquelle: picture alliance / empics
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Die Kosten für den Abbau der Plattformen sollen zu großen Teilen die Steuerzahler tragen.

"Eine Zeitbombe"

Entsprechend weit gehen die Schätzungen über die Kosten des Rückbaus auseinander. Die Unternehmensberatung "Wood Mackenzie" spricht von rund 70 Milliarden Euro in den kommenden 40 Jahren, etwa die Hälfte davon müssten die Steuerzahler tragen. Die britische Gewerkschaft GMB hingegen schätzt die Gesamtkosten auf fast 120 Milliarden Euro und den Anteil aus der Staatskasse auf rund 90 Milliarden Euro.  

Fakt ist: Der Öl-Ausstieg wird teuer, vermutlich sogar noch teurer als der deutsche Atomausstieg. Ähnlich wie bei der Atomkraft variieren die Kosten für den Rückbau von Anlage zu Anlage. Und in den vergangenen Jahren wurden auch hier die Schätzungen stets durch die realen Kosten übertroffen. Die Branche spricht daher unumwunden von der "decommissioning time bomb".

Größte Lobby-Offensive in Geschichte Großbritanniens

Um diese "Stilllegungs-Zeitbombe" zu entschärfen, organisierten die Öl- und Gaskonzerne in den vergangenen Monaten eine der größten Lobby-Kampagnen in der Geschichte Großbritanniens. Die auf Lobbyismus spezialisierte britische Nichtregierungsorganisation "InfluenceMap" veröffentlicht dazu heute einen ausführlichen Bericht.

Demnach warben alle betroffenen Konzerne wie Shell, BP und Exxon sowie die entsprechenden Branchenverbände massiv für Steuererleichterungen und staatliche Hilfen beim Öl-Ausstieg. Unterstützt wurden sie von Consulting-Unternehmen wie Price Waterhouse Cooper, KPMG und Deloitte sowie verschiedenen PR-Agenturen.

Und sie zeigt Wirkung

Die Argumentation war stets die gleiche: Niedrige Ölpreise und sinkende Förderraten machten der Branche das Leben schwer, ohne Entlastung bei den Steuern würden die Unternehmen die gewaltigen Lasten des Rückbaus nicht tragen können. Bei mehr als 100 Gesprächen mit führenden Verantwortlichen des britischen Finanzministeriums trug die Öl- und Gaslobby in den vergangenen drei Jahren ihre Position immer wieder vor, so die Recherchen von "InfluenceMap".

Der Einsatz hat sich offenbar gelohnt: Die einst 50-prozentige Umsatzsteuer wurde erst gesenkt, dann ganz abgeschafft, andere Abgaben halbiert. Zugleich wurden den Öl-Konzernen in bislang 76 Vereinbarungen staatliche Hilfen für den Rückbau zugesagt. Erstmals in der Geschichte der britischen Ölförderung hat der britische Schatzmeister daher im vergangenen Jahr weniger Geld aus der Branche eingenommen, als an diese ausgezahlt wurde.

Und das, obwohl allein die großen Drei der Branche - BP, Shell und Total - im abgelaufenen Jahr einen Gewinn von rund zehn Milliarden Euro eingefahren haben.

Eigentlich gilt das Verursacherprinzip

Eigentlich gilt auch für die Folgekosten der Öl- und Gasförderung das Verursacherprinzip. Allerdings ist unverkennbar, dass die goldenen Zeiten der Branche zu Ende gehen. Und ähnlich wie beim Atomausstieg in Deutschland stellen sich die Briten die Frage, wie die Finanzierung des Öl-Ausstiegs gesichert werden kann. Da es keine Pflicht zur Bildung von Rücklagen gab, wäre eine völlige finanzielle Strangulierung der Konzerne kein Ausweg.

Neben staatlichen Hilfen gibt es auch die Forderung, die Umweltauflagen abzuschwächen, was bereits die Umweltschützer auf den Plan gerufen hat. Ein anderer Vorschlag greift auf, wie RWE und E.ON mit den Folgekosten der Atomkraft umgegangen sind: Die Öl- und Gaskonzerne sollten eine Art "Bad Bank" gründen und die Risiken des Ausstiegs aus dem Nordsee-Öl auslagern.

Deutschland hat das Problem erkannt

Obwohl es in Deutschland kaum eine nennenswerte Offshore-Förderung und nur eine vergleichsweise kleine Öl- und Gasproduktion überhaupt gibt, hat man auch hier das Problem des Ausstiegs erkannt. Um den Rückbau zu finanzieren, verlangt das Land Niedersachsen seit letztem Jahr von den betroffenen Konzernen Sicherheiten in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro. Ersatzweise können auch sogenannte "Patronatserklärungen" abgegeben werden, mit denen Konzerne auch für die Rückbau-Verpflichtungen ihrer Tochterunternehmen geradestehen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. Februar 2017 um 09:50 Uhr

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