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In der Nacht hält US-Präsident Obama seine jährliche Rede zur Lage der Nation. Hört man sich in Washington auf der Straße um, scheint es dieser Nation gerade nicht wirklich gut zu gehen. Von der "Yes, we can"-Euphorie ist nichts mehr zu spüren.
Von Silke Hasselmann, MDR-Hörfunkkorrespondentin Washington
[Bildunterschrift: Obama während seiner Rede an die Nation im Jahr 2010. Seitdem hat sich die Stimmung im Land gewandelt. ]
Der 18-jährige Colin und seine Klassenkameraden aus Dayton in Ohio sind während ihres Politikkurses in die Hauptstadt gefahren. Auf dem Capitol Hill in Washington erfahren sie aus erster Hand, wie ihre Bundesregierung funktioniert. Im November dürfen sie zum ersten Mal Kongressabgeordnete und den Präsidenten wählen. Colins Eltern hätten 2008 begeistert für Barack Obama gestimmt. Sie wollen es nicht wieder tun. Und er? "Gemessen an all seinen Versprechungen ist es natürlich schwer, sie zu halten. Ich bin sicher, dass er sein Bestes versucht. Aber das Land bewegt sich nicht unbedingt in die richtige Richtung."
So wie Colin glauben viele konservative wie liberale Amerikaner, dass "dieses Wahljahr ein Wendepunkt für die amerikanische Nation" sein werde. Diese Dringlichkeit hat mit der wirtschaftlichen und der kulturell-psychologischen Lage der Nation zu tun. Wohlhabende fühlen sich gegängelt, während Obamas Gegner ätzen, er sei ein "Food Stamps President" - ein Präsident der Lebensmittelmarken statt der Gehaltsschecks. Die offizielle Arbeitslosenrate liegt bei 8,5 Prozent. Die Dunkelziffer ist vermutlich doppelt so hoch. Studieren ist erheblich teurer als vor vier Jahren und beängstigend verlässlich wächst Amerikas Schuldenberg.
Dass Präsident Obama mehrfach versucht hat, dem Schuldenproblem mit einer Mischung aus weniger Ausgaben und mehr Steuern beizukommen, zählt jedoch für diese beiden Rentnerinnen aus Iowa nicht. "Obama hat das Land ruiniert - finanziell und moralisch", sagt die eine. Die andere findet "dieses ständige Sich-Entschuldigen bei anderen Staaten" unerträglich. "Außerdem verlieren wir durch den ständig wachsenden Einfluss der Regierung immer mehr persönliche Freiheiten."
[Bildunterschrift: Wolken über dem Weißen Haus - ein Bild, das zur Stimmung vieler US-Bürger passt. ]
Das Schlimmste sei, dass Obama "keine Zweifel daran lässt, dass wir unsere Schulden nicht zurückzahlen werden. Unter Obama gibt es nur eine Richtung: mehr ausgeben - widerlich", findet die Seniorin. Es sei nicht mehr das Amerika, wie sie es kannten, sagen die Damen übereinstimmend. "Sehr beängstigend. Man muss kein Raketeningenieur sein, um zu verstehen, dass Obama nicht pro-amerikanisch tickt."
Dabei gibt es auch gute Nachrichten: Ökonomen schätzen das US-Rezessionsrisiko für 2012 mit 22 Prozent als relativ gering ein. Selbst ein schlechter Ausgang der europäischen Finanzkrise werde das eigene Wirtschaftswachstum höchstens um 0,25 Przent bremsen. Die Zentralbank FED wird vorerst weiter niedrige Zinsen bieten - bedauerlich für Sparer, aber gut für Kreditnehmer. Und der Irak-Krieg, der ist nun wirklich vorbei.
Ted Rodd aus Illinois ist - wie er selbst sagt - ein "parteipolitisch Unabhängiger mit leichtem Hang zu den Demokraten", der bei einem guten Kandidaten diesmal lieber republikanisch wählen würde. Er ist in vielen Bereichen von Obamas Amtszeit enttäuscht. Dennoch spricht aus Teds Worten kein Hass gegen die Person Obama, wie man ihn im südlichen und mittleren Westen oft ungeschminkt zu hören bekommt. "Er ist ein guter Anführer, er hat oft das Richtige versucht. Im Gegensatz zu Bush hat er Osama bin Laden gekriegt. Überhaupt: es kann nicht schlimmer sein als unter Bush."
Auch die beiden größten Schuldenbatzen würden aus der Bush-Zeit stammen: "Die Kriege in Afghanistan und Irak waren nämlich genauso kreditfinanziert wie Bushs Medikamenten-Verschreibungsgesetz für Ältere, von dem auch ich profitiere." Doch allein dafür müsse die Regierung jährlich Abermilliarden Dollar neuer Schulden aufnehmen, und niemand traue sich an die staatlichen Wohltaten für die Rentner, die sich das Land nicht leisten könne.
Schließlich das Monstrum namens "Obamacare". "Verrückt", sagt Ted: "Vor vier Jahren sprachen alle darüber, wie man das kaputte Gesundheitssystem reparieren müsste." Nach Obamas Wahl jedoch sorgte ein beispiellos brutaler politischer Kampf für ein juristisch angreifbares Stückwerk, für einen "so wenig spürbaren Ertrag für die Menschen und dauerhaft vergiftete Köpfe". Er wisse auch nicht, wie man es hin bekommt, dass der Präsident und der Kongress wieder vernünftig zusammenarbeiten. "Meine Kinder haben schon gesagt: Wir brauchen wohl eine Revolution. So funktioniert es jedenfalls nicht."
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