Barack Obama | Bildquelle: dpa

Arabische Sicht auf Obama-Jahre Eine vernichtende Bilanz

Stand: 04.11.2016 01:30 Uhr

Aus Sicht der sunnitisch-arabischen Staaten waren die Obama-Jahre ein Desaster. Seine Politik der Nicht-Einmischung habe den schiitischen Iran stark gemacht, so der Vorwurf. In Dubai und anderen Golf-Emiraten hoffen sie jetzt auf Hillary Clinton.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

In der Lobby eines Büro-Hochhauses in Dubai redet Riad Kahwaji Klartext: "Die Herrscher am Golf - zumindest die, mit denen ich spreche - zählen die Tage, bis US-Präsident Barack Obama weg ist. Aus ihrer Sicht war er ein Desaster. Nie zuvor sind die Golf-Staaten als US-Verbündete so sehr ins Hintertreffen geraten wie unter Obama."

USA - unter Obama auf dem Rückzug

Kahwaji leitet "Inegma", eine Denkfabrik in Dubai. Was Kahwaji feststellt, ist unter den sunnitisch geprägten Eliten nicht nur am Golf, sondern in der gesamten arabischen Welt Konsens: Unter Obama haben sich die USA von allen Brennpunkten im Nahen Osten zurückgezogen. Die Folge: Iran, mehrheitlich schiitisch und regionaler Rivale sunnitisch-arabischer Staaten, füllte das entstandene Machtvakuum und hat nun Oberwasser.

"Irans Politik in der Region darf nicht ignoriert werden", warnt Kahwaji. "Es kann nicht sein, dass man Iran alles im Nahen Osten durchgehen lässt - in der Hoffnung, dass sich das Land dann an das Atomabkommen hält. Aber genau das hat Obama getan. Er hat alles vermieden, was Iran vielleicht als Provokation sehen könnte und als Anlass, dieses Abkommen aufzukündigen."

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Bloß nicht den Iran provozieren? Obamas Politik kommt in den Golfstaaten schlecht an.

Der Iran füllte das Machtvakuum

Obamas Nahostpolitik ist eine direkte Folge des dramatischen Scheiterns der USA im Irak. Nach dem Sturz von Saddam Hussein 2003 entstand dort keine blühende Demokratie, sondern das Land versank im Bürgerkrieg - und gebar schließlich den IS, eine beispiellos barbarische Terrororganisation. Die Amerikaner verloren jeden Appetit am Nahen Osten, und Obama überließ die Araber weitgehend sich selbst. Was folgte, ist für Kahwaji unerträglich: "Wir hörten, wie sich iranische Funktionäre damit brüsteten, dass sie jetzt vier arabische Hauptstädte kontrollieren: Bagdad, Damaskus, Beirut und Sanaa. Das ist so, als wenn die Russen die Kontrolle über Lissabon oder Madrid bekommen, mitten im Herzen von Europa - und dann wird von den Europäern erwartet, dass sie das einfach geschehen lassen."

Krieg "von hinten führen"? Wie soll das gehen?

Obama sei völlig naiv gewesen, meint Kahwaji. Seine Gegner hätten die Schwäche sofort gerochen und ausgenutzt, nicht zuletzt Russland. Kahwaji zitiert einen angeblichen Ausspruch des Präsidenten, wonach die USA "von hinten führen" wollten; eine Wendung, die 2011 auftauchte, als es um Libyen ging. "Diese Politik, 'von hinten zu führen', war ein Fehlschlag! Von hinten zu führen - das ist ja schon ein Widerspruch in sich! Wer führt von hinten? Welche großen Führer der Geschichte haben von hinten geführt? Das gab's noch nie. Also, die USA müssen sich wieder engagieren, und sie müssen wieder von vorne führen!"

Lieber ein Republikaner, aber nicht Trump

Sollten die Umfragen und Prognosen richtig liegen, dann wird das Weiße Haus in der Hand der Demokraten bleiben - eigentlich nicht die Wunschpartner der arabischen Herrscher, so Kahwaji: "Sie hätten sich eine republikanische Administration gewünscht, denn die Republikaner sind eher Falken, vor allem gegenüber dem Iran. Aber man ist doch sehr enttäuscht darüber, wie sich die Dinge bei den Republikanern dann entwickelt haben und dass Trump ihr Kandidat wurde."

Denn Donald Trump nimmt im Nahen Osten niemand ernst. Ganz anders Hillary Clinton, die als Außenministerin unzählige Male in der Region war, sagt Abdelkhaleq Abdulla, Politologe an der Universität der Vereinigten Arabischen Emirate in Dubai: "Wir kennen sie sehr gut, wir haben gut mit ihr gearbeitet, sie ist sehr zugänglich und vernünftig, und sie kennt den Nahen Osten."

Souvenirs von Donald Trump und Hillary Clinton am Flughafen von Philadelphia im US-Staat Pennsylvania | Bildquelle: AFP
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Trump oder Clinton? Die sunnitisch geprägten Golfstaaten setzen auf Clinton.

Hoffen auf Clinton - und eine härtere Gangart

Abdulla wünscht sich, dass sich eine Präsidentin Clinton bereits am ersten Tag im Oval Office der Region widmet. "Die Leute erwarten, dass sie etwas härter auftritt, nicht nur gegenüber dem Iran, sondern auch gegenüber Russland, wenn es um Syrien und Bashar al Assad geht. Wir wissen, warum Obama in Syrien nicht gehandelt hat - er wollte nicht an einem Krieg beteiligt sein und sah sich als Mann des Friedens, Stichwort: Nobelpreis. Aber diese Untätigkeit war ein Desaster. Wir rechnen damit, dass dann eine härtere Gangart von Clinton die Gewinne, die Russland in Syrien machen konnte, größtenteils wieder zunichte machen wird."

Die Golf-Staaten stehen nach Aussage des Analysten Riad Kahwaji bereit, den Aufständischen in Syrien die Waffen zu liefern, die Obama ihnen bisher vorenthielt, zum Beispiel schultergestützte Flugabwehrraketen. Dazu erwarte man ein grünes Licht von Präsidentin Clinton. "In Sachen Syrien muss sofort gehandelt werden", meint Kahwaji. Bisher habe es so ausgesehen, dass die USA überall auf dem Rückzug seien. Aber jetzt brauche es eine klare Botschaft, dass die Tage einer schwachen, zögernden US-Administration vorbei seien. Jetzt brauche es das Signal, dass die USA wieder da seien und nicht mehr auf dem Rückzug.

Obama-Bilanz aus arabischer Sicht
C. Kühntopp, ARD Kairo
03.11.2016 23:15 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. November 2016 um 13:40 Uhr

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