Merkel und Obama: Kann die Kanzlerin mit dem Präsidenten?

Verhältnis zwischen Merkel und Obama

Freundlich? Sachlich? Heiter?

Die deutsche Kanzlerin und der US-Präsident könnten gegensätzlicher nicht sein: Sie ist Physikerin, er war einst Bürgerrechtler. Sie kommt aus Ostdeutschland, er aus dem wilden Chicago. Sie ist keine brillante Rhetorikerin, er ein Meister der politischen Rede. Doch wie verstehen sich denn nun Merkel und Obama?

Jens Borchers, HR, ARD-Hauptstadtstudio

"Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Barack", so sprach Kanzlerin Angela Merkel den amerikanischen Präsidenten an, als er ihr die größte Ehre zuteilwerden ließ, die die USA zu vergeben haben: Die Freiheitsmedaille, die "medal of freedom". Merkel klang bei diesem Staatsbankett in Washington im Juni 2011 fast ein bisschen schüchtern. Förmlich war sie auf jeden Fall. Steif beendete sie auch ihre Rede: "Danke für die Ehrung!" Stille. Obama musste zum Beifall auffordern.

Angela Merkel und Barack Obama bei der Verleihung der "medal of freedom" in Washington. (Bildquelle: picture alliance / dpa)
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US-Präsident Obama verleiht Bundeskanzlerin Merkel die "medal of freedom".

Obama selbst klang dagegen leicht und lässig bei dieser Ehrung. Merkel sei immer so nett zu ihm gewesen, wenn er in Deutschland zu Besuch war, sagte Obama: "Ich denke an meine Zeit als Präsidentschaftskandidat, als ich diese kleine Wahlkampfveranstaltung in Berlin-Tiergarten hatte. Deshalb haben wir gedacht, wir revanchieren uns mit einem kleinen Dinner bei uns im Rosengarten."

Diese "kleine Wahlkampfveranstaltung" wollte die Bundeskanzlerin damals 2008 auf keinen Fall vor der Kulisse des Brandenburger Tors haben. Kandidat Obama musste deshalb zur Siegessäule ausweichen. Seitdem heißt es immer wieder: Die können nicht miteinander.

"Tiefgehende und auch analytische Diskussion"

Als Obama dann aber vor vier Jahren als Präsident erstmals nach Deutschland kam, nach Dresden, da wollte er diese Gerüchte gleich zurechtrücken:  "Die Wahrheit ist, die Beziehungen nicht nur zwischen unseren Ländern, sondern auch zwischen unseren Regierungen sind hervorragend."

Rätselraten über das Verhältnis von Merkel und Obama
J. Borchers, ARD Berlin
18.06.2013 15:11 Uhr

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Alles andere seien wilde Spekulationen, wandte sich Obama direkt an die Journalisten und feixte: "Hört auf mit den Spekulationen - alle!" Angela Merkel stand daneben und wollte dann auch loben: "Es macht wirklich Spaß mit dem amerikanischen Präsidenten zusammenzuarbeiten, weil uns eine sehr tiefgehende und auch analytische Diskussion sehr häufig zu den gleichen Beurteilungen führt."

Genervt von Merkels Kurs in der Eurokrise

Die gleichen Beurteilungen, naja: Merkel nimmt nun mal deutsche, Obama amerikanische Interessen wahr. Da gibt's Differenzen, da kracht's auch mal. Obama war genervt von Merkels Kurs in der Eurokrise. Er wollte, dass die Kanzlerin mit vielen Milliarden die Wirtschaft ankurbelt. Merkel blockte.

Angela Merkel und Barack Obama auf dem G20-Gipfel in Cannes im November 2011 (Bildquelle: dpa)
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Freundlich? Sachlich? Heiter? Wie ist das Verhältnis zwischen Merkel und Obama?

Jetzt kam heraus, dass der US-Präsident offenbar offensiv weltweit Internet-Daten ausspähen lässt, natürlich immer im Namen der Terrorismus-Bekämpfung.  Merkel will das beim Besuch Obamas wahrscheinlich ansprechen. Aber solche Meinungsunterschiede schaden offenbar nicht.

Barack Obama sagt über die Kanzlerin: "Es gibt kaum eine globale Angelegenheit, in der wir uns nicht miteinander abstimmen. Ich schätze Angelas pragmatische Herangehensweise an komplexe Themen, ihre Intelligenz, ihre Offenheit. Ich traue ihr! Und wie sie selbst gesagt hat: Es macht Spaß, zusammenzuarbeiten."

Merkel und Obama sind beides keine Ideologen

Spaß war wohl nicht immer dabei. Aber mittlerweile wissen die Regierenden auf beiden Seiten des Atlantiks zu schätzen, dass der jeweilige Partner berechenbar ist. Merkel und Obama teilen auch einiges. Beide beharren auf gründlicher Analyse, bevor Entscheidungen fallen. Beide sind keine Ideologen.

Deshalb scheint es glaubwürdig, wenn die eine politische Pragmatikerin über den anderen Polit-Pragmatiker sagt:  "Sie sind ein Mann mit starken Überzeugungen. Sie berühren mit ihrer Leidenschaft und ihren Visionen für eine gute Zukunft viele Menschen, auch in Deutschland."

Obama berührt mit seinem Besuch auch Merkels politisches Wohlgefühl: So ein prunkvoller Auftritt im Wahljahr - schaden kann das auf gar keinen Fall.

Redebedarf bei Obamas Besuch in Berlin
tagesthemen 22:15 Uhr, 18.06.2013, Markus Spieker, ARD Berlin

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Stand: 18.06.2013 19:33 Uhr

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