Europa und Barack Obama: Angekommen in der Realität

Das Ehepaar Obama kurz nach der Landung in Berlin. (Bildquelle: AFP)

Europa und Barack Obama

Angekommen in der Realität

Barack Obama - der entzauberte Weltenretter, der kriegsführende Friedensnobelpreisträger, der oberste Datenscanner: Es ist leicht für die Europäer, in diesen Chor einzustimmen. Denn es lenkt vom eigenen Unvermögen ab.

Von Klaus Scherer, NDR

Die Air Force One im Landeanflug auf Tegel (Bildquelle: dpa)
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Obama im Anflug - die Air Force One kurz vor der Landung auf dem Flughafen Tegel

Nun darf er. Das Brandenburger Tor, das er sich vor Jahren als Kulisse so wünschte, steht bereit. Das Wohlwollen in deutschen Umfragen ist ihm geblieben. Und doch wird der Berlin-Besucher Barack Obama nicht mehr der Gleiche sein, wenn er kommt. Nicht mehr der junge Hoffnungsträger mit den großen Idealen, sondern bloß noch ein Amtsträger mit ergrauenden Schläfen und politischen Schrammen. Nicht mehr umjubelt von Hunderttausenden, sondern nur noch von einer handverlesenen Schar.

Was wäre leichter, als sich da in den Chor derer einzureihen, die wieder einmal das Lied vom entzauberten Weltenretter singen - weil sich in Nahost noch immer niemand näher kam, weil weder in Ägypten noch in Libyen Ruhe einkehrt, weil er sich gerade strategielos in Syrien verrennt? Und vom gescheiterten Moralisten - weil in Guantánamo noch immer Unschuldige ausharren? Und schließlich vom Heuchler mit Verfassungsrechtsprofessur, der gern Bürgerrechtler zitiert - während Geheimdienst-Aussteiger enthüllen, dass er die weltweite Internet-Kommunikation in US-Rechnern scannen lässt?

alt Klaus Scherer

Zur Person

Klaus Scherer ist Reise- und Sonderreporter im NDR. Von 2007 bis 2012 war er ARD-Korrespondent in Washington. Anschließend erschien sein Buch "Wahnsinn Amerika". Für seine Arbeit als Reporter erhielt Scherer den Grimme-Preis.

Man kann das alles beklagen, muss es sogar. Und dennoch sagt es mindestens ebenso viel über die Europäer aus wie über den Kritisierten. Denn zu offensichtlich ist es, dass wir Obama gerade dort dankbar vorschieben, wo wir selbst stimmige Antworten schuldig bleiben. Alle Krisenherde der arabischen Welt liegen vor der Haustür Europas, nicht Amerikas. Hatten wir ein Konzept? Obamas Ägyptenpolitik liege in Scherben, war in einer führenden Zeitung zu lesen. Wo lag unsere? Er müsse endlich die Ärmel hochkrempeln und die Karre aus dem Dreck ziehen, hieß es in einer anderen. Als läge es daran. Und ernsthaft: Was fällt denn uns noch zum Nahostkonflikt ein - außer, dass dessen Schlüssel angeblich in Washington liegt? Klingt klug, schreibt sich leicht, zur Not.

Selbst als die Europäer Gaddafis Sturz übernehmen sollten, weil Obama es sich innenpolitisch nicht leisten konnte, musste er ihn orchestrieren. Franzosen und Briten fehlte die Munition, dem deutschen Außenminister schon eine Meinung im Sicherheitsrat.

Zu Amerika haben wir immer eine. Wenn George W. Bush Weltpolizei spielte, beklagten wir seine Allmacht. Obama werfen wir Wortbruch vor, wenn sie ihm fehlt. Ob ich Obama-Fan sei, werde ich nach solchen Sätzen gelegentlich gefragt. Mitnichten. Auch ich halte es für grotesk, wenn ein US-Präsident Drohneneinsätze wie Todesurteile anordnen kann - als Kläger, Richter und Henker zugleich. Seine Rechtfertigung der Schnüffelattacken auf Journalisten der Nachrichtenagentur AP fand ich blamabel. Und wenn Guantánamo unter Bush ein Schandfleck war, dann ist es das auch jetzt noch.

US-Präsident Obama zu Gesprächen bei Merkel
tagesschau 14:00 Uhr, 19.06.2013, Matthias Deiß, ARD Berlin

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Ein fähiger Politiker

Doch davon abgesehen hat sich Obama als wohl fähigster Politiker seiner Generation erwiesen. Gemessen an Amerikas politischen Grundkoordinaten - siehe Waffenlobby, siehe Guantánamo-Koalition - allemal. Innenpolitisch spätestens seit dem Bestand der Gesundheitsreform vor dem US-Supreme Court. Und außenpolitisch - siehe Irankrise, siehe Arabischer Frühling - weil man ihm nach wie vor abnehmen kann, dass er versucht, schlichtweg das Nötige und Richtige zu tun, sobald es geboten und möglich scheint. Deutsche Tagespolitik, die von durchsichtigem Kalkül und Themenklau lebt, erscheint mir zumindest nicht aufrichtiger.

Merkel und Obama (Bildquelle: REUTERS)
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Merkel will bei ihrem Treffen mit Obama auch den "Prism"-Skandal ansprechen.

Dass Obama dabei schon mal an den Lebenslügen dieser Generation rüttelte, hat ihn ausgezeichnet - gerade in Reden, in denen er seine Politik öffentlich begründete, nicht nur als kriegführender Friedensnobelpreisträger. Vielleicht gelingt ihm das in Berlin nun auch als oberster Datenscanner. Waren die Deutschen nicht dankbar für die diskreten Hinweise der NSA auf die Terrorpläne der Sauerlandgruppe? Mahnen nicht auch wir an, die Geheimdienste müssten besser werden? Und finden wir unsere Positionen aus der Anti-Volkszählungs-Zeit nicht selbst etwas antiquiert, seit erwachsene Zeitgenossen ihre Komplettbiografien freiwillig ins Internet stellen?

Tina Hassel, ARD, zum Besuch des US-Präsidenten Obama
tagesschau 14:00 Uhr, 19.06.2013

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Fiskalklippe - na, und?

Tatsächlich ist mir die Weinerlichkeit der Deutschen selten so aufgefallen wie während meiner Korrespondentenjahre in Washington. Wie oft hörte ich da, Obama mühe sich nicht genug, die Eurokrise zu verstehen. Als verstünde sie in Europa einer. Wie oft unkten wir, Amerika reiße beim Sturz über die Fiskalklippe die Welt in den Abgrund? Als es soweit war, hat es kaum einer bemerkt. Und wie oft werden Washington-Berichterstatter mit Sorge gefragt, ob sich Obama denn nun von Europa abwende? Der Mann hat unlängst das Ziel einer europäisch-amerikanischen Freihandelszone ausgegeben.

In der Syrienfrage konnte sich dieses Europa weder auf Waffenlieferungen noch auf einen Waffenboykott einigen. Wie kann da ein Bundesaußenminister noch in Amerika ein abgestimmtes Vorgehen anmahnen? Und zugleich, nun selbst ganz Großmacht, verbreiten, ihm lägen keine eigenen Belege von Giftgaseinsätzen vor? Zu mehr Einigkeit trägt das kaum bei. 

US-Präsident Obama (Bildquelle: AFP)
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Barack Obama - ein Held, der siegt oder sich blamiert.

Der Rest ist Selbstkritik an der eigenen Zunft. Der Obama-Hype war auch ein Medienschlager. Dass Politik eher Publikumsinteresse findet, wenn sie sich personalisieren und emotionalisieren lässt, lernt jeder Volontär. Wir waren es, die ihn "Präsident der Welt" nannten. Ein Held eben, der siegt oder sich blamiert. Dann "Menschenfänger", schon leicht distanziert. Was immer ihm gerade geglückt war, schon vor seiner nächsten Abstimmung im Kongress sahen wir ihn scheitern - als Hoffnungsträger verloren, als Verbündeter abtrünnig. Als wüsste keiner mehr um die Sendung oder die Zeitung von gestern. Das funktioniert immer noch. "Der Freund liest mit", steht im führenden deutschen Nachrichtenmagazin diese Woche über Obamas Konterfei. Eigentlich hätte es den gar nicht mehr geben dürfen. Denn am Montag zuvor hieß es neben demselben Mann noch auf dem Titel: "Der verlorene Freund". Ja, was nun? Obama jedenfalls kann dafür nichts.      

Stand: 18.06.2013 20:28 Uhr

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