NSA-Hauptquartier in Fort Meade

Neue Vorwürfe gegen NSA Yahoo und Google heimlich angezapft?

Stand: 22.09.2016 21:09 Uhr

Durch das PRISM-Projekt hat der US-Geheimdienst NSA Zugriff auf Server großer Telekommunikationskonzerne wie Google, Microsoft, Yahoo und Apple. So weit, so bekannt. Doch nach Informationen der "Washington Post" beschritt die NSA noch weitere Wege, um an Daten zu gelangen. Die Onlineausgabe der Zeitung beruft sich auf Dokumente des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden und Angaben nicht namentlich genannter Regierungsmitarbeiter.

Demnach zapften die NSA und auch der britische Nachrichtendienst GCHQ direkt die Leitungen zwischen den Serverzentren von Yahoo und Google an. Im Gegensatz zu PRISM geschehe dies ohne die Zustimmung und Kenntnis der Konzerne und ohne die Bewilligung juristischer Instanzen in den USA wie der Foreign Intelligence Surveillance Court, berichtet das Blatt.

Daten sammeln ohne richterlichen Beschluss

Das Projekt firmiere unter dem Namen MUSCULAR. Die Zeitung nennt es ein "ungewöhnlich aggressives" Programm der NSA. Dass neben PRISM noch ein weiteres Ausspähprogramm betrieben wird, erklärt sich die "Washington Post" mit der deutlich geringeren Kontrolle. Viele der Daten würden im Ausland abgegriffen - und dort sei die US-Justiz weder zuständig noch aufmerksam.

Bei PRISM überprüft ein spezielles Gericht, der Foreign Intelligence Surveillance Court, die Rechtmäßigkeit der Anfrage bei den Konzernen. Erst dann müssen die Nutzerdaten an die NSA weitergegeben werden. Nach Medienberichten entscheiden die Richter allerdings in nahezu allen Fällen im Sinne der NSA.

180 Millionen Datensätze in einem Monat

Von MUSCULAR könnten laut "Washington Post" mehrere hundert Millionen Nutzer betroffen sein - darunter auch viele US-Bürger. Dies wäre besonders pikant, da die NSA bestritten hatte, ohne Anlass die Bürger der Vereinigten Staaten auszuspionieren.

Beispielhaft nennt die "Washington Post" den 9. Januar 2013, an dem laut einer geheimen internen Aufstellung der NSA "Millionen von Daten" aus Yahoo- und Google-Netzwerken in ihre eigenen Datenlager in Fort Meade im US-Staat Maryland übermittelt wurden. In den vergangenen 30 Tagen seien 180 Millionen neue Datensätze transferiert worden - darunter sogenannte Metadaten, aber auch Inhalte wie Texte, Audio- oder Video-Dateien.

NSA-Chef dementiert

Keith Alexander
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Bestreitet die neuen Vorwürfe: NSA-Chef Alexander

"Wir haben keinen Zugang zu Google-Servern, Yahoo-Servern und so weiter", bestritt NSA-Chef Keith Alexander kurz nach Bekanntwerden des Berichts die Behauptungen. Die NSA müsse sich einen Gerichtsbeschluss über die Bundespolizei FBI besorgen für den Zugang zu Kommunikationsdaten. "Es sind auch nicht Millionen, es geht um Tausende", sagte er auf einer Internetsicherheitskonferenz in Washington. "Und fast alle richten sich gegen Terrorismus und andere solche Dinge."

NSA-Sprecherin Vanee Vines erklärte, der Dienst habe viele Möglichkeiten, seine Mission zu erfüllen. "Die Behauptung, dass wir riesige Mengen von Daten von US-Bürgern über diese Art Sammlung aufnehmen, ist auch nicht wahr."

Empörung bei Google und Yahoo

Google reagierte empört: "Wir sind aufgebracht darüber, wie weit die Regierung scheinbar gegangen ist, um Daten aus unseren privaten Glasfaser-Netzwerken abzugreifen", erklärte Chefjustiziar David Drummond. Das Geschehen unterstreiche die dringende Notwendigkeit für eine Reform. Zuvor hatte ein Unternehmenssprecher der "Washington Post" gesagt, da man die Möglichkeit solcher Ausspähungen kenne, würde immer mehr verschlüsselt. Google betreibt zum Beispiel Datenzentren in Irland, Finnland, Belgien, Chile und Singapur.

Ein Yahoo-Sprecher stellte klar, dass sein Unternehmen der NSA keinen Zugang zu seinen Datenzentren gewährt habe.

Demokraten fordern Aufklärung

Die Demokraten von US-Präsident Barack Obama kündigten eine Aufklärung durch den Kongress an. Der Vorsitzende des Justizsausschusses im Senat, Patrick Leahy, sagte, er werde bei der Regierung eine Stellungnahme zu dem enthüllten NSA-Programm einfordern, weil Millionen von US-Bürgen betroffen sein könnten. Die Regierung müsse sich auf viele Fragen gefasst machen.

Eine Delegation von Abgeordneten des EU-Parlaments, deren dreitägige Mission in Washington zu den Ausspähaktivitäten der USA am Mittwoch zuende ging, meldete ebenfalls weiter "großen Aufklärungsbedarf" an. Speziell in der Abhör-Affäre um das Handy von Bundeskanzlerin Angela Merkel sicherten die USA der deutschen Seite weitere Gespräche zu.

NSA-Zentrale in Fort Meade
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Die NSA soll die ungeheuren Datenmengen in Fort Meade speichern.

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