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Klassische Massenmedien und Tausch-Netzwerke im Internet haben ein gespanntes Verhältnis: Systeme wie BitTorrent oder Kazaa galten lange vornehmlich als Verbreitungswege für Raubkopien und andere illegale Inhalte, werden bestenfalls noch als lästige Konkurrenz angesehen. Das staatliche Fernsehen in Norwegen zeigt nun, wie sich beide Seiten ergänzen und gegenseitig unterstützen können.
Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de
[Bildunterschrift: Lars Monsens Erlebnisse sind nicht nur im norwegischen Fernsehen, sondern auch über BitTorrent zu sehen. ]
Es ist eine der beliebtesten Fernsehsendungen des Norwegischen Rundfunks NRK: Für "Nordkalotten 365" reist Lars Monsen ein Jahr lang durch Skandinavien und erzählt vor der Kamera, was er auf seinen Wanderungen erlebt. Die Folgen erreichen einen Marktanteil von knapp 50 Prozent.
Eben diese Sendung bildete die Basis für ein Experiment, das in dieser Form bisher wohl einzigartig ist. NRK bietet alle Folgen auch im Netz an, nicht jedoch als Streaming oder zum Herunterladen, sondern in dem Peer-to-Peer-Netzwerk BitTorrent. Der Unterschied: Während für die ersten beiden Angebotsformen aufwändige Serversysteme notwendig sind, werden bei BitTorrent die Daten von Nutzer zu Nutzer weitergereicht. Jeder, der sich eine Folge herunterlädt, wird gleichzeitig auch zu deren Anbieter. Auf diese Weise werden sie kostengünstig und effizient weitergegeben.
[Bildunterschrift: Eirik Solheims kommt mit seinem Projekt potenziellen Raubkopierern zuvor. (Foto: John Andreas Andersen) ]
Der entscheidende Nachteil für den Anbieter: Er verliert jegliche Kontrolle über die Verbreitung seiner Produkte. Entsprechende Vorbehalte gab es auch bei NRK, wie Projektleiter Eirik Solheim gegenüber tagesschau.de eingesteht. Diese waren aber geringer als zunächst gedacht: "Während der Planung hatten wir befürchtet, dass andere Medien NRK vorwerfen werden, illegale Piratentechnologie zur Verbreitung ihrer Inhalte zu verwenden. Deshalb haben wir von vornherein klar gemacht, dass BitTorrent an sich in keiner Weise illegal, sondern ein mächtiges und robustes Instrument ist, um Inhalte zu verbreiten."
Digital Rights Management (Digitale Rechteverwaltung) soll die Nutzung und Verbreitung von digitalen Inhalten kontrollieren. Diese werden dazu verschlüsselt und können nur mit speziellen Abspielgeräten oder Programmen decodiert werden, wenn das Recht dazu erworben wurde.
DRM-Systeme stehen in der Kritik, weil sie meist auch die Rechte legaler Nutzer beschneiden, indem sie z.B. Privat- und Sicherungskopien verhindern. Zudem gibt es eine große Anzahl untereinander inkompatibler Systeme, die die Nutzung erschweren und vom Anwender einen erhöhten Aufwand verlangen. Oft werden die Schutzmechanismen zudem relativ schnell unterlaufen. Immer mehr Anbieter nehmen daher Abstand von DRM-Technologien und wechseln zu offenen Formaten.
Obwohl die Videos von NRK in Quasi-DVD-Qualität und ohne DRM-Einschränkung angeboten werden und somit mit kostenlos verfügbaren Programmen abgespielt werden können, befürchtet Solheim keine Konkurrenz für das Fernsehprogramm. "Zu diesem Zeitpunkt zeigt unsere Erfahrung, dass sich die verschiedenen Ausspielwege gegenseitig unterstützen." Mit Peer-to-Peer-Netzwerken kann man Zielgruppen erreichen, die sich vom normalen Fernsehprogramm verabschiedet haben. Langfristig würden klassische Vertriebswege wie Fernsehübertragung und DVD-Verkauf ohnehin an Bedeutung verlieren, meint Solheim. Zudem sei BitTorrent ein deutlich effizienterer und umweltfreundlicherer Verbreitungsweg als zum Beispiel die Produktion von DVDs.
Auch das Problem der mangelnden Vertriebskontrolle hält Solheim für vernachlässigbar: "In dem Moment, in dem wir ein Programm senden, haben wir die Kontrolle darüber verloren. Unsere populärsten Sendungen sind schon seit Jahren auf YouTube oder BitTorrent zu bekommen. Der einzige Weg, die Verbreitung in vernünftige Bahnen zu lenken, ist es, der beste Anbieter zu sein." Nur so könne man technische Qualität und Vollständigkeit garantieren.
Ein entscheidendes Problem bei der Verbreitung über Peer-to-Peer-Netzwerke ist jedoch die Frage, wie mit den Rechten Dritter umgegangen wird, zum Beispiel für Musik, Darstellung und Formate. Bei "Nordkalotten 365" habe man dies schon im Vorfeld geklärt, um die Sendung zu der Verbreitungsform kompatibel zu machen, erzählt Solheim: "Wir haben einen detaillierten Vertrag mit Lars Monsen ausgearbeitet und konsequent auf Sponsoren verzichtet. Die Musik wurde eigens für die Sendung komponiert, die Rechte dafür gesichert."
Bei bereits produzierten Sendungen ist es jedoch sehr schwierig, eine legale Verbreitung über Peer-to-Peer-Netzwerke abzusichern. Hierfür sind umfangreiche und schwierige Nachverhandlungen nötig. Daher ist es sinnvoll, zukünftig schon bei der Produktion die Nutzungsrechte für alternative Vertriebswege zu klären.
NRK will jetzt die Erfahrungen auswerten und über eine mögliche Ausweitung des Projekts nachdenken. Solheim ist optimistisch - nicht zuletzt aufgrund der vielen positiven Reaktionen und den Anfragen der BitTorrent-Nutzer nach weiteren Sendungen. "Als öffentlich-rechtlicher, gebührenfinanzierter Sender müssen wir das größtmögliche Publikum mit unseren Inhalten erreichen." Man wolle nicht den gleiche Fehler machen wie die Musikindustrie, die zu spät auf die neuen Technologien reagiert habe: "Warum sollen Leute noch in einen Laden fahren, wenn man die gleichen Inhalte auf Knopfdruck und kostenlos nach Hause geliefert bekommen kann?"
Unter Streaming versteht man die Verbreitung von Audio- und Video-Dateien über das Internet von einem zentralen Server aus. Dabei muss eine ständige Verbindung zwischen Nutzer und Anbieter vorhanden sein. Es entspricht am ehesten der klassischen Rundfunk-Verbreitung.
Beim Download werden die Dateien von dem Server zunächst auf das Gerät des Nutzers heruntergeladen, um dann von ihm angehört bzw. angesehen zu werden. Die Übertragung erfolgt dabei unabhängig von einem bestimmten Zeitpunkt.
Zu den bekanntesten Downloadformen im Medienbereich gehört der Podcast, bei dem Audio- und Videoprogramme manuell, halb- oder sogar vollautomatisch in einer Art Abonnement zu beziehen sind.
Peer-To-Peer-Netzwerke wie Kazaa und BitTorrent haben keinen zentralen Server zur Datenspeicherung. Vielmehr werden die Inhalte von einem Nutzer zum nächsten weitergegeben. Dabei wird jeder, der eine Datei herunterlädt, automatisch zum Anbieter für andere. Da das System keine großen Ressourcen benötigt und die Wege der Dateien nur schwer nachvollziehbar sind, werden auf diesem Weg oft Raubkopien und andere illegale Inhalte verbreitet.
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