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Jahrestag der Anschläge in Oslo und auf Utöya
Norwegen richtet den Blick in die Zukunft
Schon mehrmals hat Norwegens Premier Stoltenberg angemessene Worte gefunden, um den Angehörigen der Opfer von Oslo und Utöya Mut zu machen. Am Jahrestag des rechtsextremen Doppelanschlags versuchte er, den Blick in die Zukunft zu richten.
Von Tim Krohn, ARD-Hörfunkstudio Stockholm
Der kleine Platz vor der Osloer Domkirche sieht fast wieder aus wie vor einem Jahr. Die Menschen kommen zusammen, nehmen sich in den Arm, sie legen Blumen nieder und zünden Lichter an.
Beim Gottesdienst in der Kirche saß König Harald wieder in der ersten Reihe. Genau auf demselben Platz wie im vergangenen Sommer - als er genauso wie alle anderen Rotz und Wasser heulte. Der Schock nach den Attentaten war so groß, die Trauer so überwältigend.
Norwegen gedenkt der Terroropfer von Utöya und Oslo
tagesthemen 23:15 Uhr, 22.07.2012, Clas Oliver Richter, ARD Stockholm
Bischoff Ole Kristian Kvarme fand heute tröstende Worte. "Gottes Herz ist groß genug für unsere Trauer und unsere Klagen", sagte er. "Aber auch für Wut über das Böse, was damals so viele so hart getroffen hat."
Nicht misstrauischer geworden
Die Wut, von der Kvarme sprach, hat im Umgang mit der Katastrophe in Norwegen nie das Handeln bestimmt. Darauf wies Ministerpräsident Stoltenberg am Vormittag hin. Der Attentäter wollte das Land verändern, so Stoltenberg. Aber er sei gescheitert, das Volk habe gewonnen. "Manche dachten vielleicht, wir würden misstrauisch werden und uns zurückziehen", sagte Stoltenberg. "Aber stattdessen sind die Norweger offener geworden und ihr Vertrauen in die Demokratie ist gewachsen.“
Stoltenberg bezieht sich mit diesem Satz auf die neue Studie eines Politikwissenschaftlers aus Oslo. Demnach hat das Vertrauen in die Gesellschaft in Norwegen seit den Anschlägen eher zu- als abgenommen. Die Normalität sei zurück in der norwegischen Gesellschaft - "und das ist auch gut so. Aber für einige wir das Leben nie wieder sein wie vorher, weil sie einige ihrer Liebsten verloren haben. Und auch das wird natürlich immer ein Teil der norwegischen Identität bleiben."
Trauerfeier auf Utöya
Mehrere tausend Norweger - Angehörige, Überlebende und Zeugen des 22. Juli - sind seitdem in psychologischer Behandlung. Trotzdem kamen heute viele von ihnen wieder zurück - nach Utöya. Auch dort, wo der Attentäter 69 Menschen erschossen hatte, wurde heute an die Opfer erinnert. Zunächst ganz leise und unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dann am Nachmittag mit einem würdevollen Konzert zwischen Scheunen und Wiesen.
Mit dabei ist auch Eskil Pedersen, der das Sommercamp im vergangenen Jahr organisiert und das Morden auf Ütöya irgendwie überlebt hat. Seine besten Freunde aber nicht. "Vor einem Jahr wart ihr an unserer Seite. Ihr habt uns umarmt, mit uns gelacht. Ihr sollt wissen, dass ihr uns fehlt. Wir werden immer an euch denken." Am Ende klang aber auch Pedersen optimistisch: "Heute werden wir uns erinnern und gedenken, morgen beginnt ein neuer Tag. Wir müssen weitermachen. Nicht ohne Trauer und Schmerz; aber zusammen werden wir das schaffen.“
"Wir ehren die Toten auch, indem wir uns am Leben freuen“, hieß es heute in Oslo. Ein großes Open-Air-Konzert sollte genau das dokumentieren. Mehrere zehntausend Menschen versammelten sich dort am Abend. Die Polizei schätzte die Zahl der Versammelten auf rund 50.000 - sie hörten auch einen überraschenden Auftritt von Bruce Springsteen.
Der Tathergang als Animation
Norwegisches Fernsehen, 17.04.2012, Tim Seeger, ARD
Stand: 22.07.2012 21:49 Uhr
