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Rede von Stoltenberg

Gedenken an die Opfer von Oslo und Utöya

Die langsame Rückkehr zur Normalität

Vor einem Jahr kamen durch Anschläge auf der Insel Utöya und in Oslo 77 Menschen ums Leben. Kurz nach der Tat hatte Regierungschef Stoltenberg die Richtung vorgegeben: "Norwegen bleibt ein offenes und liberales Land". Was ist daraus geworden - zwölf Monate danach?

Von Tim Krohn, ARD-Hörfunkstudio Stockholm

Norwegen ist ein offenes und liberales Land geblieben. Und es ist eines, das langsam wieder seinen normalen gesellschaftlichen und politischen Gang gefunden hat. Das Parlament diskutiert gerade über eine Verschärfung der Anti-Terror-Gesetze.

Und trotzdem läuft in Norwegen vieles immer noch anders, sagt die deutsche Journalistin Rebecca Borsch, die seit neun Jahren in Oslo lebt und arbeitet. "Die Gesellschaft funktioniert genauso weiter, wie sie vorher war. Die Leute haben sich nicht diese Offenheit kaputtmachen lassen. Die Politiker bewegen sich ganz normal in der Öffentlichkeit - wie immer. Es gibt keinen verstärkten Personenschutz."

Das reiche Land mit den Fjorden ist stolz darauf. Das Vertrauen in die Gesellschaft, so lässt es eine neue Studie des Osloer Politikwissenschaftlers Ottar Hellevik vermuten, hat seit den Anschlägen eher noch zugenommen. Für Hellevik ist klar: Die Demokratie ist stärker geworden.

Rebecca Borsch ist sich da nicht ganz so sicher: "Die Tage nach dem 22. Juli 2011 haben mich sehr beeindruckt. Aber es ist nicht so, dass die Gesellschaft jetzt offener und toleranter geworden ist. Oder, dass die Fremdenfeindlichkeit weniger geworden ist. Die Gesellschaft tendiert jetzt wieder zum Normalzustand."

Wie sich die norwegische Gesellschaft verändert hat
T. Krohn, ARD Stockholm
21.07.2012 21:19 Uhr

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Den politischen Stand auf "Normalnull" dokumentieren auch die aktuellen Meinungsumfragen in Norwegen. Die eher rechtspopulistische Fortschrittspartei hat sich längst von den Folgen des 22. Juli erholt. Die Partei liegt wieder genau da, wo sie schon vor den Anschlägen lag - bei fast 23 Prozent. Die Mitte-Links-Regierung unter Stoltenberg wäre demnach abgewählt. In Oslo geht alles wieder seinen normalen Gang. Muss ja auch - ein Jahr danach.

Norweger trauern in Oslo um die Opfer der Anschläge (Archivbild vom 25. Juli 2011)
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Unmittelbar nach den Anschlägen rückte die norwegische Gesellschaft zusammen - hier bei dem Trauermarsch am 25. Juli 2011.

Das Regierungsviertel: eine offene Wunde

Wer vom Bahnhof in Richtung Domkirche geht - also dahin, wo im vergangenen Sommer hunderttausende Blumen lagen, dem fallen zunächst mal die vielen Bettler auf. Kein Wunder, dass sie dort sind. Oslo ist nach wie vor eine der wohlhabendsten Städte der ganzen Welt. Die Bettler sorgen inzwischen aber für großen Ärger in der Stadt. Die politischen Auseinandersetzungen sind wieder härter geworden.      

Blick in den Krater, den die von Breivik gezündete Bombe im Osloer Regierungsviertel hinterlassen hat
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Blick in den Krater, den die von Breivik gezündete Bombe im Osloer Regierungsviertel hinterlassen hat

Gleich hinter der Kirche beginnt Oslos Regierungsviertel, oder besser: Das, was davon noch übrig ist. Man sieht Plastikplanen und Holzzäune. Immer noch. Das Regierungsviertel wirkt auch ein Jahr nach dem verheerenden Anschlag wie eine offene Wunde. Fast jedes Gebäude ist mit Sperrholzplatten vernagelt. Die Büros stehen leer. Was Breiviks Taten angerichtet haben, kann man hier sofort erkennen.

Der Kompass funktioniert wieder

"Dem norwegischen Volk wurde am 22. Juli die Landkarte gesprengt, der Kompass in tausend Stücke zerschossen", sagte Ministerpräsident Stoltenberg in der Gedenkstunde für die Opfer der Anschläge vor einem Jahr. "Jeder einzelne von uns musste seinen Weg finden, raus aus Angst, Schock und Verzweiflung. Das hätte schief gehen können. Wir hätten uns verlaufen können. Aber das norwegische Volk kam an. Raus aus der Dunkelheit und der Ungewissheit haben wir den Weg gefunden nach Hause nach Norwegen."

Der Kompass, von dem Stoltenberg sprach, ist mittlerweile geflickt. Das Land funktioniert wieder, denn über eines waren sich die meisten Norweger immer einig: Bis heute spricht in Oslo niemand laut über Rache oder fordert die sprichwörtliche "harte Hand". Im Gegenteil. Die Blicke der Leute, so schildert es eine Einwanderin aus Pakistan, sei in diesem Jahr offener geworden. Dann aber fügt sie noch hinzu: Langsam werde alles wieder so, wie es früher war. Ganz normal eben.

Stand: 22.07.2012 09:52 Uhr

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