Reportage aus Nordzypern Besuch in einem Land, das es nicht gibt

Stand: 11.01.2011 16:38 Uhr

Das einzige Land, das die "Türkische Republik Nordzypern" anerkennt, ist die Türkei. Direktflüge gibt es auch nur dorthin. Trotzdem gibt es in Nordzypern Schulen, Universitäten, Alltag. Besuch in einem Land, das es auf dem Papier nicht gibt.

Von Steffen Wurzel, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

Der Atatürk-Campus der Universität Güzelyurt (Bild: Steffen Wurzel)
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Der Atatürk-Campus, studentischer Treffpunkt mit Cafeteria und Bäckerei.

Doğu Erdener steht auf dem Uni-Campus der Middle East Technical University, in der Nähe des zyprischen Städtchens Güzelyurt. Rechts liegt das Hauptgebäude, das IT-Gebäude, dahinter die Bibliothek. Links liegen Cafeteria und Bäckerei. "Das ist der Haupttreffpunkt hier auf dem Campus", sagt Erdener.

Güzelyurt liegt im Nordteil Zyperns, in der "Türkischen Republik Nordzypern", in einem Land also, das es völkerrechtlich gesehen nicht gibt. Das einzige Land, das Nordzypern als eigenen, autonomen Staat anerkennt, ist die Türkei.

Doğu Erdener besitzt sowohl die türkische als auch die australische Staatsbürgerschaft. Der 38-Jährige arbeitet hier an der Uni als Assistenzprofessor für Psychologie. „Ich habe einige andere Jobangebote ausgeschlagen", erzählt er, "unter anderem eines aus den Niederlanden und eines aus den USA. Einer der Gründe, die mich bewogen haben, hierher zu kommen, war die faszinierende Aussicht, dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird. Es geht schließlich um die Frage, ob diese Insel für immer getrennt bleibt - oder ob sie sich wiedervereinigt."

"Leben da auch Türken?"

Ceren Kayikci, Psychologiestudentin im Nordteil Zyperns. (Bild: Steffen Wurzel)
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Ceren Kayikci, 21-jährige Psychologiestudentin im Nordteil Zyperns.

Geteilt ist die Insel seit 1974. Damals landeten türkische Truppen im Nordteil Zyperns, um - so die Sicht der Regierung in Ankara - die türkischstämmige Bevölkerung auf der Insel vor griechisch-zyprischen Nationalisten zu schützen. An der Teilung der Insel hat sich seitdem nichts geändert. "Im Ausland ist es oft so, dass die Leute gar nicht verstehen, was wir meinen, wenn wir 'Nordzypern' sagen", erzählt Ceren Kayikci, 21, Psychologiestudentin an der Middle East Technical University. "Zypern ist ein Land, das im Ausland immer nur aus der Perspektive des Südens vorgestellt wird. Wenn ich im Ausland bin, betone ich immer: Ich bin türkische Zypriotin! Und die Leute fragen dann oft: Hä?! Leben da auch Türken?"

Ins Ausland zu reisen ist für Ceren Kayikci gar nicht so einfach. Vom so genannten internationalen Flughafen des Nordteils gibt es Nonstop-Flüge ausschließlich in die Türkei. Also wählt die Studentin oft den Umweg über den Südteil. Da ihre Eltern gebürtige Zyprer sind, darf Ceren relativ problemlos die Grenze nach Süden passieren. Sie hat neben dem nordzyprischen Ausweis sogar einen Pass des EU-Mitglieds Republik Zypern. "Das ist manchmal sehr kompliziert. Ich benutze immer das Reisedokument, das das entsprechende Land verlangt", erzählt sie. "Das fühlt sich so an, als hätte ich keine wirkliche Identität, keine wirkliche Zugehörigkeit zu einem Staat."

Junge Zyprer können sich eine gemeinsame Nation kaum vorstellen

Türkisches Straßenbild in Nordzypern (Bild: Steffen Wurzel)
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265 000 Menschen leben im türkischen Nordteil Zyperns.

Wie es aussieht, wird sich an dieser komplizierten Situation und an der Teilung Zyperns auf absehbare Zeit nichts ändern. Und das, obwohl seit gut zwei Jahren wieder Vertreter beider Volksgruppen miteinander verhandeln. Trotzdem: Ein Problem ist, dass sich viele junge Zyprer ein gemeinsames Leben in einer gemeinsamen Nation oft gar nicht mehr vorstellen können. Weil sie Zypern eben nur als getrennte Insel kennen.

Aral Moral beschäftigt sich seit einiger Zeit mit diesem Phänomen. "Es gibt zwar ab und zu einen Austausch zwischen Jugendlichen beider Seiten. Aber das ist die Ausnahme. Ich denke, dass wir vor einer politischen Lösung unbedingt eine soziale Lösung brauchen", glaubt der türkisch-zyprische Journalist. "Beide Seiten müssen einander näher gebraucht werden. Wir brauchen vertrauensbildende Maßnahmen. Eine politische Lösung scheint mir fast der einfachere Teil zu sein."

Der 38-jährige Assistenzprofessor Doğu Erdener glaubt inzwischen nicht mehr an eine schnelle Lösung des Zypernkonflikts. Weder an eine soziale, noch an eine politische. "Früher dachte ich, ich erlebe die Wiedervereinigung mit, bevor ich 40 werde. Realistischer ist aber wohl 140."

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