Brennende Ölquellen im Nordirak

Reportage aus dem Nordirak Vom IS befreit - aber noch lange verwundet

Stand: 12.11.2016 01:32 Uhr

Verkohlte Autowracks, zerschossene Häuser, verminte Landstriche: Wo irakische Armee und Verbündete den IS vertrieben haben, ist der Krieg noch immer nicht vorbei. Eindrücke von einer Fahrt bis zum letzten Checkpoint vor der umkämpften Stadt Mossul.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Das Straßenschild zeigt an, dass der Weg sich teilt. Links geht es nach Bagdad und Kirkuk, neben dem rechten Pfeil steht nur ein Wort: Mossul. Wir sind auf der Straße Richtung IS.

Das Auto holpert über Schlaglöcher auf einer staubigen Piste. Stopp an einem Checkpoint, einem von Dutzenden. "Wo wollt ihr hin und warum?", wollen die bewaffneten Soldaten wissen. Sie kontrollieren jeden genau. An einer Mauer kleben Fotos mit Namen, Plakate mit Trauerflor: Hier erinnern die Kämpfer an ihre gefallenen Kameraden.

Fahrt durch ein karges Land, verdorrte Steppe bis zum Horizont. Hin und wieder einzelne Gebäude, verlassene Ortschaften. Hier herrschte bis vor kurzem noch die Terrormiliz "Islamischer Staat". Verkohlte Autowracks am Straßenrand, zerschossene Häuser. Stumme Zeugen der heftigen Gefechte, die hier tobten. Wir passieren Erdwälle, ausgehobene Schützengräben.

Auf der Flucht Brücken gesprengt

Dann geht es zunächst nicht weiter. Der IS hat die Brücke gesprengt, die über einen Fluss führte. Nur noch massive Betonpfeiler ragen aus dem trüben Wasser. Die Ersatzbrücke der kurdischen Peschmerga ist nur einspurig befahrbar - und gerade kommen sie von der Front in Mossul zurück: Panzer auf Tiefladern, schweres Gerät, Armeefahrzeuge. Erst als die Soldaten vorbei sind, können wir weiter.

Links der Straße sieht man hinter hohen Zäunen die Zelte eines Flüchtlingslagers. Tausende sind dort in den vergangenen Tagen angekommen. Es ist eines der nächsten Flüchtlingslager hinter der Front.

Ausgebranntes Auto im Nordirak
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Ein ausgebranntes Auto - kein seltener Anblick auf der Fahrt durch den Nordirak.

Vor uns ist die Straße wieder gesperrt. Riesige Spezialfahrzeuge der US-Armee, martialisch wirkend, wie Raumfahrzeuge, roboterartig. Ein US-Soldat in voller Kampfmontur und Sonnenbrille winkt uns zur Seite - hier dürfen wir nicht weiter.

Der Grund ist schnell zu sehen: Das Sonderkommando der Amerikaner hat sich auf Minenräumung spezialisiert - zwischen den Fahrzeugen liegt ein ganzer Haufen von Sprengfallen, die sie aus nur einem Feld geholt haben. Ein bisschen erinnert ihr Anblick an einen Stapel Konservendosen. Tödliche Fallen in diesem Krieg - der IS verseuchte ganze Landstriche mit Minen. Die Opfer sind nicht selten Kinder. Dort, wo der IS geflohen ist, ist der Krieg somit noch lange nicht vorbei.

US-Militärfahrzeug, das zur Minenräumung im Nordirak eingesetzt wird
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Dieses Spezialfahrzeug der US-Armee wird zur Minenräumung eingesetzt.

Peschmerga-Kämpfer Ali
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Wenige Kilometer vor Mossul kontrolliert Peschmerga-Kämpfer Ali jeden, der weiterfahren will.

Kurz vor Mossul - wachsende Angst vorm IS

Am letzten Checkpoint vor Mossul treffen wir Ali Abbas. Der kurdische Peschmerga überprüft jeden genau - nicht weit von hier hat die irakische Armee ihre Basis für den Häuserkampf in Mossul. Die Angst vor Anschlägen des IS ist groß. Nur wenige Kilometer sind es noch von hier bis zur Stadtgrenze der Großstadt. Detonationen sind zu hören. Ali berichtet, was er tagtäglich erlebt:

"Der Kampf hier ist sehr hart, auch weil wir zu wenige Waffen haben. Wir bräuchten dringend mehr und bessere Waffen aus Deutschland. Die Fahrzeuge des IS sind alle gepanzert, da kommt nichts durch außer moderne Waffen etwa aus Deutschland. Wir haben hier auch ein großes Problem mit Minen. Gestern sind erst wieder vier Kameraden gestorben. Wir haben keine guten Maschinen, um sie zu entschärfen."

Von Scharfschützen und unterirdischen Tunneln

Während Ali mit uns spricht, schaut er sich immer um. Seine Blicke scannen den Horizont, jede Bewegung um ihn herum. Ist es sicher hier? Man sagt uns ja. Und gleichzeitig räumt Ali ein: Bei der Weite des Landes könne das niemand hundertprozentig kontrollieren. Nachts kämen sie aus ihren Löchern, sagt Ali. Scharfschützen, unterirdische Tunnel, Sprengfallen - der Hinterhalt sei die Stärke des IS in diesem Kampf.

Der Häuserkampf in Mossul, der jetzt in vollem Gange ist, dürfte lang und blutig werden, da ist sich Ali sicher. "Die irakische Armee kommt nicht sehr schnell voran, denn der IS hat viele Tunnel, Scharfschützen und Selbstmordattentäter. Es wird lange brauchen, bis Mossul befreit ist."

Andere Soldatengruppen kommen dazu, diskutieren. Hier mischen sich die verschiedenen Verbündeten - kurdische Peschmerga, irakische Regierungstruppen, schiitische Milizen - Akteure, die sich untereinander eigentlich wenig schätzen. Vor allem die schiitischen Milizen sind umstritten in diesem Krieg. Sie machten in der Vergangenheit durch Gräueltaten von sich Reden. Ein schwarz Vermummter ohne Uniform und mit schweren Waffen kontrolliert die Autos. Ein Soldat trägt Jeansjacke, ein anderer Flipflops. Auch das ist Realität in diesem Krieg gegen den IS.

"Stolz, beim Sturm auf Mossul dabei zu sein"

Ali wünscht sich nur eines: Dass die Dschihadisten schnell aus Mossul und Rakka vertrieben werden: "Ich kämpfe hier mit voller Überzeugung. Ich tue es für meine Brüder und Schwestern, meine Eltern, unsere Würde. Es ist unser aller Land. Wenn wir uns nicht wehren, wird das ganze Land vom IS zerstört, so wie jetzt Mossul. Deswegen bin ich froh und stolz, beim Sturm auf Mossul dabei zu sein."

Reportage aus befreiten Gebieten im Nordirak
A.Osius, ARD Kairo
12.11.2016 00:09 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 08. November 2016 um 05:37 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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