Entführungen in Nigeria "Es geht schlicht um Dollars"

Stand: 20.04.2010 05:14 Uhr

Ein Ausflug an den Strand ist zwei Deutschen in Nigeria zum Verhängnis geworden - sie wurden entführt. Offenbar waren sie ohne Sicherheitspersonal unterwegs gewesen. Das aber ist riskant in Nigeria, denn hier boomt das Geschäft mit den Entführungen.

Von Marc Dugge, ARD-Hörfunkstudio Nordafrika

Mangrovensümpfe, tropischer Regenwald, traumhafte Strände: Das Niger-Delta könnte ein schönes Fleckchen Erde sein. Wenn es nur nicht so brandgefährlich wäre. Bewaffnete Banden machen hier gezielt Jagd auf Ausländer. Beliebteste Opfer: Menschen, die für die Ölkonzerne arbeiten; Konzerne, gegen die die Rebellen im Delta seit Jahren kämpfen, weil sie eine größere Teilhabe an den Ölgewinnen fordern.

Aber bei den meisten Entführungen geht es heute nicht mehr um Politik, sagt der amerikanische Journalist Nicholas Schmidle. Für die New York Times hat er aufwändige Recherchen in der Region gemacht: "In Nigeria wurden nur bei sehr wenigen Entführungen die Opfer verletzt oder getötet. Es geht schlicht um Dollars. Ich habe von ausländischen Ölarbeitern gehört, für die ihre Kidnapper in Port Harcourt Hamburger bestellt und abgeholt haben. Sie wollten, dass es ihren Geiseln gut geht und dass sie gut ernährt sind."

Die Zahl der Entführten steigt

Karte: Nigeria
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Karte: Nigeria

Kidnapping ist im Niger-Delta vor allem ein Business geworden. Und zwar ein immer beliebteres: Im vergangenen Jahr wurden in Nigeria mehr als 450 Menschen entführt, deutlich mehr als im Jahr zuvor. Die Unternehmen versuchen sich zu schützen: Sie leisten sich unzählige Wachleute und Bodyguards, bringen ihre Arbeiter mit Hubschraubern in die Ölanlagen und haben ihre Gelände wie Festungen gesichert.

Umso ungewöhnlicher, dass die beiden entführten Deutschen offenbar ohne Bodyguards unterwegs waren. Tope Obafemi arbeitet bei einem Sicherheitsunternehmen in Lagos: "Viele Unternehmen sparen an der Sicherheit und damit an der falschen Stelle. Dabei schaden sie sich meistens selbst. Denn für Lösegelder aufzukommen, kostet im Zweifelsfall mehr. Oft muss erst etwas passieren, damit sie sich entschließen, mehr für die Sicherheit zu tun."

Viele verdienen mit

Allein zwischen 2006 und 2008 sollen in Nigeria mehr als hundert Millionen Dollar Lösegeld gezahlt worden sein. Ein lukratives Geschäft für die Kidnapper  - und nicht nur für sie. Oftmals arbeiten die Entführer direkt mit lokalen Politikern und Polizisten zusammen. Diese werden an den Gewinnen beteiligt. Ein Fass ohne Boden, vor dem manche Unternehmen resignieren. Einige haben sich aus dem Niger-Delta komplett zurückgezogen, andere ziehen zumindest ihre ausländischen Mitarbeiter ab.

Die Entführung der Deutschen gehört eher zu den Ausnahmefällen. Denn die meisten Geiseln sind mittlerweile Nigerianer. Olaka Nwogu ist Vorsitzender des Niger-Delta-Kommittees im Parlament Nigerias. Dass sich einige dieser Entführer immer noch Freiheitskämpfer nennen, macht Nwogu fassungslos: "Menschen, die ihre eigenen Leute kidnappen, sind keine Freiheitskämpfer. Was soll das? Die Leute sind traumatisiert, sie leben in großer Armut und schicken ihre Kinder zur Schule, trotz einer ungewissen Zukunft. Und dann werden die Kinder entführt! Das hat nichts mit Kampf fürs Volk zu tun."

Wohl aber mit der Armut und mit leicht verdientem Geld. In einer Region, in der es kaum Jobs und wenig Perspektiven gibt. Wo selbst Uni-Absolventen ins Entführungsbusiness gehen - der Boombranche im Niger Delta.

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