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10.02.2012

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Nigeria: Hunderte Tote bei religiösen Ausschreitungen
Gewalt in Nigeria

Hunderte Tote bei religiösen Ausschreitungen

Jos ist ein religiöses Pulverfass in Nigeria: Zum wiederholten Male haben sich Muslime und Christen blutige Kämpfe geliefert, bei denen seit Sonntag Hunderte Menschen ums Leben kamen. Der Auslöser ist unklar. Offenbar mündet jeder noch so kleine Anlass in Gewalt.

Von Marc Dugge, ARD-Hörfunkstudio Rabat

Es sind grauenhafte Tage, die Jos erlebt - wieder einmal. Vor allem junge Männer sind seit dem Wochenende mit Macheten, Steinen und auch Schusswaffen aufeinander losgegangen. Sie haben Autos, Häuser, christliche Kirchen und Moscheen in Brand gesetzt, haben geplündert und getötet. Ein Augenzeuge sagt im französischen Radiosender RFI, dass alle Geschäfte geschlossen seien. "Die Händler haben Angst und in der Stadt sieht man nur noch Militär. Das Krankenhaus nebenan ist so überfüllt, dass sie nicht wissen, wo sie all die Verletzten behandeln sollen."

Ein Verletzter der religiösen Ausschreitungen in Jos wird im Krankenhaus behandelt (Foto: Reuters) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Die Krankenhäuser sind nach den Ausschreitungen überfüllt. ]
Die Nachrichtenlage ist widersprüchlich. Die Agentur AFP meldet, dass in Teilen der Stadt immer noch gekämpft wird, aber Armeesprecher Shekari Galadima dementiert das gegenüber dem britischen Radiosender BBC und versichert: "Wir haben die gesamte Stadt Jos unter Kontrolle. Wegen der verhängten Ausgangssperre wurde die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Unsere Sicherheitskräfte sind ausgerückt, um die Lage genau zu beobachten."

Straflosigkeit fördert Gewaltbereitschaft

Über die Ursache der Gewalt gibt es unterschiedliche Angaben. Manche weisen auf den Bau einer Moschee in einer überwiegend christlichen Nachbarschaft hin, andere sprechen von einem Brandanschlag auf eine überfüllte christliche Kirche. Wieder andere von einem Fußballspiel, bei dem sich die Emotionen hochgeschaukelt haben. Was zählt, ist, dass offenbar ein Funken genügt hat, um einen Flächenbrand zu entfachen. Denn die Nerven der Einwohner sind schon seit langem gespannt. Erst im November 2008 hatte es in Jos gewaltsame Auseinandersetzungen gegeben. Auch damals wurden mehrere Hundert Menschen getötet. Corinne Dufka von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erinnert sich: "Nicht ein einziger, der damals getötet oder Gewalttaten verübt hat, wurde zur Verantwortung gezogen. Wir sind der festen Überzeugung, dass die Straflosigkeit diesen Teufelskreis der Gewalt hervorbringt." Es ist ein Teufelskreis von Gewalt und Rache, den die nigerianische Regierung nicht in den Griff bekommt.

Politiker heizen Konflikt an

Nigerias Präsident Umaru Yar'Adua (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Nigerias Präsident Umaru Yar'Adua schweigt und kann sich nicht von der Macht trennen. ]
Die Ausschreitungen haben allerdings nicht nur religiöse Gründe, es geht auch um Armut, Verteilungskonflikte und um Perspektivlosigkeit. Jos liegt an der Trennlinie zwischen dem muslimisch geprägten Norden und den von Christen dominierten Süden Nigerias. Der Anteil der Muslime steigt in der Region. Viele von der Ethnie der Haussa ziehen vom ländlichen Norden in die ohnehin schon übervölkerten Städte. Dort gelten sie oftmals als Menschen zweiter Klasse und finden daher keine Jobs. Diese Lage nutzen Politiker aus, um Stimmung zu machen. Sie heizen den Konflikt damit zusätzlich an.

Was in Nigeria fehlt, ist eine starke Führungspersönlichkeit, die dem Konflikt Einhalt gebieten könnte. Präsident Umaru Yar'Adua ist schon seit November außer Landes. Er wird wegen einer Herzerkrankung in Saudi-Arabien behandelt. Yar'Adua hat sich zu dem aktuellen Konflikt noch nicht geäußert, weigert sich aber standhaft, die volle Regierungsgewalt seinem Vizepräsidenten zu überlassen. So treibt das bevölkerungsreichste Land Afrikas führerlos dahin - mit dramatischen Konsequenzen.

Stand: 20.01.2010 17:47 Uhr
 

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