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21.11.2009

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Shell-Prozess: Mitschuld an Mord in Nigeria wird geprüft

Tod von Ken Saro-Wiwa in Nigeria

"Shell muss zur Verantwortung gezogen werden"

In New York wird die Rolle des Shell-Konzerns am Tod des nigerianischen Schriftstellers Ken Saro-Wiwa vor Gericht geprüft. Der Schriftsteller kämpfte gewaltlos gegen die Ausbeutung der Ölfelder in Nigeria. Im Niger-Delta hofft sein Sohn auf einen Schuldspruch des Ölkonzerns.

Von Alexander Göbel, ARD-Studio Nordwestafrika

Als Ken Saro-Wiwa im Morgengrauen des 10. November 1995 zusammen mit acht Mitstreitern gehängt wird, geht Empörung um die Welt. Die Militärjunta von Sani Abacha hat mit Saro-Wiwa nicht nur einen bekannten Schriftsteller zum Schweigen gebracht, sondern auch einen Vorkämpfer für die Rechte des Ogoni-Volkes, eine von rund 250 ethnischen Volksgruppen Nigerias. Ken Saro-Wiwa in seinem letzten Interview: "Ich war einfach unzufrieden mit der Situation in Ogoni. Obwohl ich noch sehr jung war, war mir klar, dass die Ogoni nicht im Geringsten vom Ölreichtum profitierten. Und ich begann, darüber zu schreiben. Ich wusste, dass unsere Interessen in der Rechnung der Großen einfach nichts zählen würden."

Ken Saro-Wiwa klagt an, dass Tausende Kilometer Ölpipelines das einst fruchtbare Küstengebiet zerfurchen, dass giftige Dämpfe, offene Bohrlöcher und rücksichtslose Landerschließung die Heimat der Ogoni in eine Mondlandschaft verwandelt haben. Die Wälder sterben und die Armut der Menschen kenne keine Grenzen mehr. 

Gewaltloser Kampf wird zum Verhängnis

Ken Saro-Wiwa Jr. (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Ken Saro-Wiwa Jr. will die Mitschuld des Shell-Konzerns am Tod seines Vaters beweisen. ]
Der Schriftsteller schließt sich Anfang der 90er-Jahre der Mosop-Bewegung an, der Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes.  Das ist sein Todesurteil, denn sein gewaltloser Kampf gegen die Ausbeutung der Ölfelder vor allem durch Shell gefällt der Militärjunta gar nicht, schließlich verdient man gut an der Zusammenarbeit mit dem Ölkonzern. Ken Saro-Wiwa und seine Gefährten werden ohne jeden Prozess gelyncht. Die Richter werden später zu Protokoll geben, dass sie bestochen worden seien. Ken Saro-Wiwa Junior will wissen, von wem. Er sei sicher, dass Shell durchaus eine wichtige Rolle gespielt hat, als Ogoni gefoltert und erhängt wurden. Auch bei der Zerstörung der Dörfer, der Verseuchung der Böden und der Vertreibung so vieler Menschen."Wir denken, Shell muss dafür zur Verantwortung gezogen werden".

Saro-Wiwa Junior hat Shell wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verklagt und will beweisen, dass der Mord an seinem Vater die Fingerabdrücke des Ölmultis trage, dass sein Vater aus Profitgier gehängt wurde und der Shell-Konzern die Festnahmen finanziert und logistisch unterstützt habe. Er hofft angesichts der heute dramatischen Lage im Nigerdelta, dass sein Vater, der Märtyrer der Ogoni, nicht umsonst gestorben ist. "Er würde sich bestätigt fühlen. Er hat immer davor gewarnt, dass es nicht beim Gewaltverzicht bleiben würde, den er selbst noch gepredigt hat; dass die Militärs zurückschlagen würden. Nun ist im Delta ein blutiger Ölkrieg ausgebrochen, und mein Vater wäre erschüttert, wenn er das heute mit ansehen müsste".

"Oloibiri ist ein völlig ölverseuchtes Dorf"

Eine sabotierte Ölleitung im Niger-Delta. (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Die Befreiungsbewegung für das Nigerdelta sabotiert Ölleitungen und hat dem Staat den "totalen Krieg" erklärt. ]
Dann, so glaubt Schriftstellerkollege Wole Soyinka, würde sein guter Freund Ken Saro-Wiwa schmerzhaft erkennen müssen, dass sich seit dem ersten Ölfund im Delta eigentlich nichts zum Guten verändert hat. Auch wenn es heute zumindest auf dem Papier demokratischer zugehen mag, ist das Gegenteil der Fall. Er habe vor kurzem den Ort Oloibiri besucht. Dort habe Shell Mitte der Fünfziger Jahre die ersten Pipelines gelegt. "Es hat mir das Herz gebrochen", sagt Soyinka über seinen Besuch dort. "Oloibiri ist ein völlig ölverseuchtes Dorf, das Grundwasser ist vergiftet, die Menschen sind bitterarm."

Zwar räumt er ein, dass Shell das ein oder andere Schulgebäude oder kleines Krankenhaus gebaut habe, aber "das ist lächerlich", so Soyinka. "Es ist ein Skandal. Und wenn mir heute ein Ölmanager sagt, der Reichtum, den man dort entnommen habe, sei dorthin zurückgeflossen, dann ist das so zynisch, dass ich es eigentlich nicht mehr ernst nehmen kann!"

Und so hat Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka zumindest Verständnis für die Rebellen, die sich Ken Saro-Wiwas Erben nennen, die als Befreiungsbewegung für das Nigerdelta (MEND) dem Staat den "totalen Krieg" erklärt haben. Den Prozess gegen Shell wird Soyinka ganz genau verfolgen. Einen Prozess, der im wahrsten Sinne Öl ins Feuer gießen und den Kampf um Gerechtigkeit im Nigerdelta weiter anheizen könnte.

Stand: 26.05.2009 11:57 Uhr
 

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