Gewalt in Nigeria

Morden für Gras und Wasser

Stand: 09.02.2018 12:27 Uhr

In Nigeria tobt ein Kampf um Ressourcen: Hinter den Überfällen steckt nicht nur der Konflikt zwischen Muslimen und Christen. Nomaden und sesshafte Bauern konkurrieren um Wasser und Land.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Rabat

Sie sind ein Teil des Problems: Die Kühe auf dem Viehmarkt der Stadt Makurdi gehören Züchtern, die jedes Jahr als Nomaden in diese Gegend kommen. Das Fleisch der Tiere ist hochwillkommen - ihr Hunger und ihr Durst nicht.

Nomadische Viehzüchter suchen Gras und Wasser für ihre Tiere. Die ansässigen Bauern bauen Getreide und Früchte auf ihren Feldern an. Dafür brauchen sie die knappen Ressourcen Wasser und Land. Die Folge: seit Jahren schon Mord und Totschlag und wütende Proteste.

"Es geht um die andauernden Morde durch die Viehzüchter", sagt ein Bauer im Bundesstaat Benue. Im Januar waren 80 Menschen in Benue ermordet worden. Von den Tätern fehlt jede Spur, es sollen Viehzüchter vom Stamm der Fulani gewesen sein.

Zunehmend bewaffnete Gruppen

Beide bewaffnen sich zunehmend, Milizen haben sich gebildet. Es ist schon längst kein lokal begrenzter Konflikt mehr. 17 nigerianische Bundesstaaten sollen betroffen sein. Nigerias Präsident Buhari versichert, die Regierung arbeite Tag und Nacht, um wieder friedliche Verhältnisse herzustellen.

Aber die Kette die Grausamkeiten reißt nicht ab: Vor einigen Tagen zündeten Unbekannte in Gboko sieben Männer bei lebendigem Leib an. Die Opfer hatten helle Haut, wie die Viehzüchter des Fulani-Stammes. Das reichte offenbar aus, um sie zu ermorden.

Auch nach diesem Verbrechen wurde niemand festgenommen. Die Sicherheitskräfte scheinen völlig überfordert. Osai Ojigho, Direktorin von Amnesty International in Nigeria, spricht von "fast anarchischen Zuständen". "Die Leute begleichen untereinander Rechnungen", so Ojigho.

Die Sicherheitskräfte scheinen überfordert.

Kampf um Ressourcen in der gesamten Sahelregion

Eine Spirale von Gewalt und Gegen-Gewalt. Amnesty-International-Direktorin Ojigho zufolge betrifft dieser Konflikt keineswegs nur Nigeria. Rasantes Bevölkerungswachstum und Klimaveränderungen führten zu immer mehr Druck auf die natürlichen Ressourcen: "Mit der Zeit haben sich immer mehr Menschen in den Gebieten niedergelassen, in die nomadische Viehzüchter immer ihr Vieh getrieben haben." Das gehe quer durch die Sahelregion, durch Westafrika.

Traditionell treiben Nigerias nomadische Viehzüchter ihre Herden während der Trockenperioden im Norden des Landes dorthin, wo Gras und Wasser zu finden sind - ins Zentrum des Landes, beispielsweise in den Bundesstaat Benue. Doch der dortige Gouverneur hat das jetzt per Gesetz verboten. Das Argument: Sie brauchen das Land, das Wasser und das Gras selbst für ihre Bauern: "Ich weiß doch, wie es in unserem Bundesstaat ist", sagt er. Es gebe nicht einfach mal zwei Hektar Land für Viehherden. "Sie können hier nicht hin, alles Land ist besetzt."

Ein lange vernachlässigter Konflikt

Nigerias Regierungen haben diesen lange schwelenden Konflikt zwischen Bauern und Viehzüchtern sträflich vernachlässigt. Der Landwirtschaftsminister gibt zu: "Es ist traurig, das sagen zu müssen, aber in den zurückliegenden 50 Jahren haben wir viel für die Reis-, Cassava-, Kokonuss- oder Maisbauern getan, aber nicht viel für die Viehzüchter."

Der Verteilungskampf wird zunehmend mit Mord und Totschlag ausgetragen. Momentan ist nicht abzusehen, ob und wie Nigerias Regierung diesen Konflikt befrieden kann.

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Morden für Gras und Wasser – Konflikt der Viehzüchter und Bauern in Nigeria
Jens Borchers, ARD Rabat
09.02.2018 11:32 Uhr