Eltern der verschleppten Mädchen in Chibok demonstrieren. | Bildquelle: REUTERS

Chibok-Mädchen-Kampagne Gut gemeint - doch unüberlegt?

Stand: 31.03.2017 09:45 Uhr

Drei Jahre nach der Entführung der Chibok-Mädchen in Nigeria sind noch 200 in den Händen von Boko Haram. Damals entstand sehr schnell eine Protest-Kampagne: "Bring Back Our Girls". Sie war eigentlich gut gemeint, wird jetzt aber kritisiert.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Rabat

Im Oktober vergangenen Jahres machte eine Nachricht weltweit die Runde: 21 der aus Chibok entführten Schülerinnen waren frei. Es war das Ergebnis von Verhandlungen mit der Terrormiliz Boko Haram. Aber wirklich frei sind die jungen Frauen bis heute nicht. So sieht es jedenfalls die nigerianische Schriftstellerin und Journalistin Adaobi Nwaubani: "Sie sind zu berühmt, um frei zu sein." Und sie meint, das liege an der weltweit geführten Kampagne "Bring Back Our Girls". Die habe dafür gesorgt, dass die entführten Schülerinnen besonders "wertvoll" geworden seien, sagt Nwaubani.

Die Folge: Bis heute konnten die befreiten Schülerinnen nicht in ihr Heimatdorf zurückkehren. Stattdessen bewacht die nigerianische Regierung sie an einem unbekannten Ort. Ein hoher Regierungsmitarbeiter, so Nwaubani, habe das so begründet: Wenn eine der befreiten Chibok-Schülerinnen erneut entführt werden sollte, wäre dies für Boko Haram ein riesiger Propagandaerfolg: "Die Mädchen sind immer noch in Regierungsgewahrsam, weil das Militär um ihre Sicherheit fürchtet. Sie seien so berühmt, dass irgendjemand sie wieder entführen könnte. So wertvoll sind die Mädchen."

200 Mädchen weiterhin gefangen

Schule in Chibok nach dem Angriff von Boko Haram
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Schule in Chibok nach dem Angriff von Boko Haram (Archiv).

In zwei Wochen ist der dritte Jahrestag der Entführung der Chibok-Schülerinnen. Fast 200 von ihnen sind immer noch in der Gewalt von Boko Haram. Ihre Namen sind öffentlich bekannt. Und die "Bring Back Our Girls"-Kampagne fordert, dass Nigerias Regierung mehr tut als bisher, um sie frei zu bekommen. Nwaubani hat Zweifel am Sinn dieser Kampagne: "Der Fehler, den wir gemacht haben, ist: Wir haben uns nur auf die Chibok-Schülerinnen konzentriert. Obwohl vor diesem Entführungsfall mehr als 1000 andere Mädchen im Nordosten Nigerias entführt worden waren."

Für Nwaubani ist die "Bring Back Our Girls"- Kampagne zu laut, zu unüberlegt, zu fokussiert auf einige Entführungsopfer. Sie habe ehemalige Boko Haram-Geiseln nach ihrer Freilassung zu Staatsgefangenen werden lassen.

Hosea Abana versteht das alles nicht. Seine Nichte gehört zu den Chibok-Schülerinnen, die immer noch in Gefangenschaft von Boko Haram sind. Hosea Abana arbeitet in der "Bring Back Our Girls"-Kampagne mit, weil er um seine Nichte fürchtet und weil er Druck auf Nigerias Regierung aufbauen will: "Wir schreien jeden Tag, weil die Regierung schweigt und damit sie etwas tun. Denn wir sehen nicht, dass sie etwas tun."

Schweigen der Regierung

Maureen Kabruk ist in der Kampagne für strategische Fragen zuständig. Auch sie erinnert daran, dass Nigerias Regierung - auch schon vor der Entführung der Chibok-Mädchen - geschwiegen habe. Obwohl doch bereits Hunderte junge Frauen im Nordosten des Landes von Boko Haram gekidnappt worden waren. Es passierte einfach nichts: "In jedem Staat kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem Bürger sagen: Es reicht jetzt. Das passierte bei der Entführung der Chibok-Schülerinnen. Es reichte."

Drei Jahre nach diesem Kidnapping sehen die Fakten so aus: Das nigerianische Militär ist aktiver geworden. Es hat Hunderte junger Frauen aus den Fängen von Boko Haram befreien können. Hunderte andere sind immer noch in der Gewalt der Terrormiliz. Darunter auch fast 200 Schülerinnen aus Chibok. Nigerias Militär befreit Gebiete, Boko Haram antwortet mit Selbstmordanschlägen. Eine politische Initiative, um diesen Konflikt zu beenden, ist nicht in Sicht.

Kritik an Kampagne für Chibok-Mädchen
J. Borchers, ARD Rabat
30.03.2017 16:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. März 2017 um 21:00 Uhr.

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