Soldaten der nigerianischen Armee: Die Lage in dem Land bleibt unübersichtlich | Bildquelle: AFP

Kampf gegen Boko Haram in Nigeria Ein paar Schritte vor, ein paar Schritte zurück

Stand: 25.03.2016 15:47 Uhr

Die nigerianische Armee will mehr als 800 Geiseln aus der Gewalt von Boko Haram befreit haben - gleichzeitig soll die Terrormiliz erneut 16 Frauen verschleppt haben. Ein neues Video des Anführers macht die Lage in Nigeria noch unübersichtlicher.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Nordwestafrika

Das nigerianische Militär meldet immer wieder Erfolge im Kampf gegen Boko Haram. Doch diese Sieges-Nachrichten sind nur schwer zu überprüfen, denn nach wie vor gilt im Nordosten Nigerias der Ausnahmezustand. Nichtregierungsorganisationen oder Journalisten, die das Vorgehen des Militärs recherchieren wollen, sind hier nicht gerne gesehen. Zudem ist die Sicherheitslage weiterhin extrem instabil. Auch Hilfsorganisationen haben außerhalb größerer Städte ebenfalls nur eingeschränkt Zugang, um Hilfe zu leisten.

Flüchtlingscamp in Dikwa | Bildquelle: AFP
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Das Flüchtlingscamp in Dikwa

Volker Turk vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen hatte Anfang des Monats die Krisenregion in Nigeria besucht. Turk berichtete von Lebensmittelknappheit für Flüchtlinge und von Sicherheitsproblemen: "Die Versorgung mit Lebensmitteln ist ein wichtiger Punkt, kein Zweifel. Und ein anderes wichtiges Thema ist Zugang für humanitäre Hilfe. Außerhalb der Stadt Maiduguri sind immer noch Bewaffnete unterwegs. Wir müssen sicherstellen, dass die Sicherheitslage verbessert wird, damit den Menschen geholfen werden kann."

Kontrolliert Boko Haram nur noch einige Dörfer?

Tatsache ist, dass Nigerias Militärs seit Monaten versuchen, Boko Haram aus den Gebieten zu vertreiben, die die Terroristen-Miliz noch kontrolliert. Das sind mittlerweile nach übereinstimmenden Berichten nur noch kleinere Landstriche, manchmal nur einige Dörfer. In solchen Dörfern machen sich Boko-Haram-Kämpfer die Bevölkerung untertan. Die Regierungstruppen vertreiben nach eigenen Angaben die Terroristen und "befreien" damit die Menschen in diesen Orten. Damit erzielt das Militär offenbar tatsächlich Erfolge.

Missbrauch von Kindern und Frauen als Attentäter

Dennoch gelingen Boko Haram immer wieder Attacken. Vor knapp zwei Wochen starben im Nordosten Nigerias 22 Menschen, als sich zwei Frauen an einer Moschee in die Luft sprengten. Gestern sollen Boko-Haram-Kämpfer 14 Frauen und zwei Mädchen entführt haben. Sie benutzen sie nach übereinstimmenden Angaben von befreiten oder geflohenen Frauen als Sex-Sklavinnen und Attentäterinnen.

Der nigerianische Präsident Muhammadu Buhari | Bildquelle: AP
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Der nigerianische Präsident Muhammadu Buhari

Boko Haram lässt häufig Kinder, Jugendliche und Frauen Anschläge verüben. Unter welchen Umständen sie diese Menschen dazu bringen, sich in die Luft zu sprengen, ist weitgehend unklar. Aber diese Taktik führt zu einem weitreichenden Misstrauen im Nordosten Nigerias. Das Unsicherheitsgefühl ist groß, weil niemand mehr weiß, wem noch zu trauen ist, berichten Menschen, die vor Boko Haram geflohen sind.

Präsident Buhari: "Boko Haram ist geschwächt"

Trotz aller Attacken der Miliz ist Nigerias Präsident Muhammadu Buhari der Meinung, Boko Haram sei erheblich geschwächt: "Boko Haram hat sich darauf zurückgezogen, Märkte, Moscheen oder Kirchen anzugreifen. Sie missbrauchen unschuldige Kinder dazu, dort Sprengsätze zu zünden."

Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau in einem früheren Video aus dem Jahr 2015. | Bildquelle: AFP
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Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau in einem früheren Video aus dem Jahr 2015.

Neues Video des Anführers?

Unterdessen meldete sich der mutmaßliche Führer von Boko Haram, Abubakar Shekau, angeblich mit einem neuen Internet-Video. Sicherheitskreise berichten, Shekau sehe in dem Filmchen geschwächt und abgemagert aus, und sei wegen der schlechten Film-Qualität auch kaum zu erkennen. Shekau spricht diesen Angaben zufolge darüber, dass für ihn "das Ende gekommen sei". Was das genau heißen könnte, bleibt unklar. Abubakar Shekau war in der Vergangenheit bereits mehrfach vom nigerianischen Militär für tot erklärt worden. Ob das nun veröffentlichte Video tatsächlich echt ist, wird noch überprüft.

Stichwort: Boko Haram

Die Gruppe Boko Haram kämpft seit ihrer Gründung 2002 für einen islamischen Gottesstaat im muslimischen Norden Nigerias. Immer wieder verübt sie blutige Anschläge auf Kirchen, Schulen, Sicherheitskräfte, Politiker oder Behördenvertreter und entführt Menschen.

Der Name der Gruppe bedeutet in einem örtlichen Dialekt "Westliche Bildung ist eine Sünde". Seit 2010 tragen sie auch den arabischen Namen "ǧamāʿat ahl as-sunna li-d-daʿwa wa-l-ǧihād" - übersetzt etwa "Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und den Dschihad". Die Mitglieder sehen sich selbst als "Nigerianische Taliban". Boko Haram wird verdächtigt, Verbindungen zum nordafrikanischen Arm des Al-Kaida-Netzwerks und zur islamistischen al-Shabaab-Miliz in Somalia zu unterhalten.

Lange galt die Gruppe als internes nigerianisches Problem. Doch mittlerweile schlagen die Terroristen auch in den Nachbarländern Kamerun, Niger und Tschad zu.

Geisel-Befreiung in Nigeria – Lage nach wie vor schwierig
J. Borchers, ARD Rabat
25.03.2016 13:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. März 2016 um 18:33 Uhr.

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