Willem-Alexander (l) und Thierry Baudet | Bildquelle: AFP

Neue Rechte in den Niederlanden Baudet - Wilders war gestern

Stand: 09.03.2018 03:22 Uhr

Die niederländische Politik hat einen neuen Star: Thierry Baudet. Der Rechtspopulist ist mit seinem "Forum für Demokratie" in Umfragen auf Platz zwei geschnellt - und gibt sich intellektuell.

Von Malte Pieper, ARD-Studio Brüssel

Sein erster großer Auftritt im niederländischen Parlament ist jetzt knapp ein Jahr her. Betont lässig tänzelte der Mittdreißiger damals im perfekt geschnittenen Anzug Richtung Rednerpult, legte seine dunkle Haartolle noch einmal öffentlichkeitswirksam zurecht und sprach dann zu den Abgeordneten: "Quousque tandem … " - worauf die meisten seiner Kollegen nur irritiert von ihren Papieren aufblickten. Erst die Parlamentspräsidentin konnte damals Thierry Baudets Vortrag auf Latein mit dem Hinweis stoppen, Umgangssprache sei hier in Den Haag immer noch niederländisch.

Klavier statt Fernseher

"Baudet ist einfach ein richtiger Snob", sagt der Politikwissenschaftler Koen Vossen von der Universität Nimwegen: "Er ist ein Mann, der gerne den Eindruck erwecken will, ein Bildungsbürger zu sein. Er hat zum Beispiel keinen Fernseher, er spielt viel Klavier." Und er betont gerne, dass er lieber Mitte des 19. Jahrhunderts leben würde als heute. Mit solchen Sätzen und mit seinem Latein hat es der Montessori-Schüler Baudet in alle Zeitungen, in alle wichtigen Talkshows gebracht. Er ist gerade einmal 35, gilt als hochintelligent. Baudet ist studierter Jurist und Historiker.

Wilders | Bildquelle: AFP
galerie

Der bisherige Platzhirsch am rechten Rand: Geert Wilders.

Politisch sitzt er eindeutig am rechten Rand, den er mittlerweile dem bisherigen Platzhirsch, Geert Wilders, streitig macht. Über dessen Partei, sagt Baudet: "Ich denke, dass Wilders PVV in wichtigen Punkten Recht hat: etwa bei 'Kontrolle der Einwanderung' oder 'Raus aus der EU'. Ich denke nur, dass Wilders übers Ziel hinausschießt, wenn er den Koran verbieten oder Moscheen schließen will. Das ist einfach nicht realistisch."

Baudet provoziert

Baudet dagegen übertrifft Wilders eindeutig in der Kunst der Provokation. Mal streut er, dass Frauen von ihrem Sexualpartner "nicht mit Respekt behandelt" sondern "übermannt" werden wollten. Dann wiederum warnt er vor einer "homöopathischen Verdünnung des niederländischen Volkes" durch Zuwanderer oder er trifft er sich mit US-amerikanischen Rassisten, die von der Überlegenheit der Weißen fabulieren.

Bei einer Diskussion in Amsterdam ging kürzlich der Chef der niederländischen Linksliberalen (D66), Alexander Pechtold, Baudet deshalb frontal an: "In den vergangenen Jahren hatten sie viel Aufmerksamkeit durch ihr Klavierspielen, wegen ihres Lateinsprechens. Aber bei Geert Wilders, weiß ich wenigstens, wen ich vor mir habe. Kampf gegen den Islam, das ist sein Programm. Aber Sie legen noch etwas oben drauf: Sie diskriminieren Menschen wegen ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Rasse. Diese Zitate habe ich alle da." "Was für Lügen", reagierte Baudet nur mit hochrotem Kopf.

In Amsterdam jedenfalls musste erst vor wenigen Tagen einer seiner führenden Funktionäre zurücktreten, weil er erklärt hatte, Schwarze seien schlicht weniger intelligent als Weiße. Trotzdem: Baudet hat einen unglaublichen Lauf in den Niederlanden. Die Mitgliederzahl seiner Partei "Forum für Demokratie" wächst rasant.

Erfolgreich bei Studenten

Und das Schlimmste, seufzt etwa Philippe Remarque, der Chefredakteur der renommierten Tageszeitung "De Volkskrant": "Während Wilders vor allem in den unteren Schichten seine Stimmen holt, macht sich Baudet bei denen breit, die man eigentlich für immun hielt, was rechte Sprüche angeht. Studenten zum Beispiel. Das ist schockierend, weil offenbar ein Teil der Elite bei uns jetzt auch schon so denkt wie Baudet. Also gegen Europa ist und die Grenzen schließen will. Das gab es bislang nicht."

Nächste Bewährungsprobe sind die landesweiten Kommunalwahlen in knapp zwei Wochen. Baudet tritt mit seiner Partei nur in der größten Stadt, im traditionell linken Amsterdam an. Aber selbst hier liegt er bereits bei mehr als zehn Prozent.

Wilders war gestern, heute ist Baudet: Die neue Rechte der Niederlande
Malte Pieper, ARD Brüssel
09.03.2018 01:26 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. März 2018 um 09:10 Uhr.

Darstellung: