Sea-Watch: Flüchtlinge im Mittelmeer | Bildquelle: Johannes Moths /BR

Rechte machen Stimmung gegen NGOs Feindbild Flüchtlingsretter

Stand: 13.06.2017 11:28 Uhr

Menschen, die Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken retten, sind für sie Kollaborateure der Schlepper: Junge Rechte von der "Identitären Bewegung" machen Stimmung gegen NGOs. Sie sind aber nicht die Einzigen.

Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Der Ton des Videos ist martialisch: Es laufe gerade eine Invasion Europas, heißt es, unser Lebensstil sei in Gefahr, es laufe ein Angriff auf unsere Zukunft. Das behaupten junge Rechtsextreme aus mehreren europäischen Ländern.

Lorenzo Fiato aus Mailand ist dabei oder Martin Sellner aus Österreich. Gemeinsam sind die Vertreter der so genannten "Identitären Bewegung" vor Kurzem nach Sizilien gefahren, haben ein kleines Schlauchboot gemietet und eine Art "Werbevideo" gedreht mit dem Titel "Defend Europe".

Ihre Gegner sind die Migranten, die übers Mittelmeer kommen. Und die Nichtregierungsorganisationen, die mit ihren Schiffen die meisten von ihnen vor der Küste Nordafrikas vor dem Ertrinken retten. "Wir wollen die so genannten humanitären NGOs bloßstellen. Sie kooperieren mit Menschenschleusern, die vom Elend von Menschen leben," heißt es in dem Video.

Vorwürfe nicht nur von Rechtsextremen

Verena Papke war dabei, als die jungen Rechtsradikalen das Schiff von "SOS Méditerranée" im Hafen von Catania medienwirksam am Auslaufen hindern wollten. "Für uns sind das einfach Menschen, die nicht verstanden haben, dass Europa zu verteidigen heißt, zu allererst mal die Grundwerte von Solidarität und Menschlichkeit in Wert zu setzen." Europa zu verteidigen heiße eben nicht, Mauern hochzuziehen. "Es sind einfach Menschen, die sich weigern anzuerkennen, dass Flucht und Migration deutlich komplexere Phänomene sind, als diese Personen vielleicht wahrhaben wollen," so Papke.

Die Vorwürfe gegen Organisationen wie "SOS Méditerranée" sind gewaltig. Und sie kommen nicht nur von den Rechtsextremen, sondern zum Teil auch von Organisationen wie der Europäischen Grenzschutzagentur Frontex: Die NGOs würden durch ihre Präsenz immer mehr Migranten nach Europa locken, sie erleichterten den Schleusern das Geschäft und seien somit verantwortlich für mehr Tote auf dem Mittelmeer.

Weniger NGOs = mehr Tote auf dem Mittelmeer

Charles Heller von der University of London hat diese Vorwürfe mit anderen in einer Studie empirisch widerlegt. So gab es schon einen Anstieg der Flüchtlingszahlen, bevor die meisten der NGOs aktiv wurden. Stattdessen habe Europa es versäumt, das Thema grundlegend anzugehen.

"Europa hat es bislang abgelehnt, Migration zu organisieren," sagt der Forscher. Und wenn man die Wanderungsbewegungen nicht organisiere, würden andere das übernehmen. "Wenn du Migranten und Flüchtlinge nicht umsiedelst, dann machen sie das selbst. Aber statt sichere und legale Wegen zu gehen, die man organisieren und kontrollieren könnte, werden sie gezwungen, Grenzen illegal zu überwinden und ihr Leben zu riskieren," so Heller. Und das habe in der EU für tiefe politische Krisen gesorgt.

Rettungsschiff "Aquarius"
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Das Rettungsschiff "Aquarius" der NGO "SOS Méditerranée": Im Mai blockierten "Identitäre" mit Motorbooten das Schiff und verzögerten das Auslaufen.

Seiner Meinung nach läuft gegen die Organisationen und ihre Schiffe gerade eine Kampagne, deren radikalster Ausdruck die Aktionen der Rechtsextremen sind. Während sich gleichzeitig die Staaten zurückziehen und Europa seine Südgrenze zunehmend von der libyschen Küstenwache verteidigen zu lassen versucht: "Es gibt ein ernsthaftes Risiko, dass die Delegitimierung und Kriminalisierung von NGOs auf dem Mittelmeer sie dazu zwingen könnte, sich zurückzuziehen. Und dass würde in der jetzigen Situation zu einem exponentiellen Anstieg der Toten auf See führen." Mehr als 1700 Migranten sind allein dieses Jahr schon ertrunken.

"Nicht Ursache und Wirkung verwechseln"

Bei "SOS Méditerranée" versuchen sie, gelassen zu bleiben, um weiter möglichst viele Menschen zu retten. Man solle nicht Ursache und Wirkung verwechseln, sagt Verena Papke, die wochenlang auf dem Mittelmeer unterwegs war: "Wir sind nicht das Problem, sondern die Antwort darauf, dass Menschen im Mittelmeer sterben. Diese Vorwürfe entbehren jeglicher Grundlage, und das wissen wir mittlerweile. Ich finde es einfach schwer bedenklich, mich mit Gruppierungen auseinanderzusetzen, die sich nicht auf Fakten berufen, sondern auf eine Verdrehung der Tatsachen."

Gegenwind für die NGOs, die auf dem Mittelmeer Migranten retten
J.-C. Kitzler, ARD Rom
13.06.2017 06:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. Juni 2017 um 11:08 Uhr.

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