Neue Chefredakteurin bei der "New York Times" Erste Frau an der Spitze der "Grauen Lady"

Stand: 24.11.2012 08:56 Uhr

Das Flagschiff der US-Zeitungslandschaft bekommt eine neue Führung: Jill Abramson wird erste Chefin der 160 Jahre alten "New York Times". Sie soll die "Graue Lady" ins digitale Zeitalter führen. Die 57-Jährige ist eine knallharte Investigativreporterin und Internet-Profi.

Von Claudia Sarre, NDR-Hörfunkstudio New York

160 Jahre lang wurde die "New York Times" - die wichtigste unabhängige Tageszeitung der USA - von Männern geführt. Nun soll erstmals eine Frau die Chefredaktion übernehmen: Jill Abramson, 57 Jahre alt, geborene New Yorkerin und knallharte Investigativreporterin. Sie soll die "New York Times" aus der Krise ins digitale Zeitalter hieven. Und die Voraussetzungen sind gut - Abramson gilt als Internet-Profi.

Auf ihre rechte Schulter hat sich Jill Abramson angeblich einen subway-token tätowieren lassen, die Wertmarke der New Yorker U-Bahn. Ein Ausdruck ihrer starken Verbundenheit mit dem Big Apple? Tatsächlich bedeutet es ihr alles, sagt die 57-jährige New Yorkerin, als erste Frau das Flagschiff der US-amerikanischen Zeitungslandschaft zu leiten: "Ich wuchs hier in Manhattan auf und die New York Times wurde in meiner Familie angebetet", sagt Jill Abramson. Die "Times" habe sogar anstelle der Religion gestanden", so die Jüdin, die verheiratet ist und zwei erwachsene Töchter hat.

Chefredakteurin der New York Times Jill Abramson (Bildquelle: dpa)
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Chefredakteurin Jill Abramson will die New York Times aus der Krise ins digitale Zeitalter führen.

Nun löst sie Chefredakteur Bill Keller ab, der nach acht Jahren etwas amtsmüde geworden ist. Sie sei sich der Sensation bewusst, dass nun erstmals in der 160-jährigen Geschichte der "Grauen Lady" - wie die Times auch genannt wird - eine Frau das Zepter führen dürfe. Aber große Veränderungen werde es deswegen trotzdem nicht geben: "Ich denke, ich werde schon einiges verändern, aber die Leser werden keine völlig neue "New York Times" sehen", erklärt die respektierte - und bei manchen auch gefürchtete - Vollblut-Journalistin.

Richtung vorgeben beim Übergang ins digitale Zeitalter

Jill Abramson kam 1997 zur "New York Times". Davor hatte sie zehn Jahre lang für das "Wall Street Journal" geschrieben. Sie leitete das Washingtoner Büro der "Times", bevor sie 2003 stellvertretende Chefredakteurin wurde. Letztes Jahr beschäftigte sie sich mit dem Online-Auftritt des Blatts - seitdem gilt Mrs. Abramson als absoluter Internet-Profi: "Meine Aufgabe ist es, die Richtung vorzugeben - in dieser aufregenden aber auch anspruchsvollen Übergangsphase vom Print zum digitalen Zeitalter", sagt sie. Ihr gehe es aber in erster Linie darum, interessante und gut recherchierte Storys zu liefern.

Ob diese nun auf der Titelseite der Printausgabe erscheinen oder auf der Homepage der Onlineausgabe, mache keinen Unterschied, so Abramson. Unter ihr führte die von der Finanzkrise stark gebeutelte "Times" als erstes Blatt ein Bezahlsystem für Online-Artikel ein - mit Erfolg wie es scheint. Mit rund 46 Millionen Besuchern ist nytimes.com immer noch die größte US-Zeitungsinternetseite.

"Scout" - der Begleiter im privaten Leben

Fast ebenso leidenschaftlich wie ihrer Arbeit widmet sich Abramson ihrem Golden Retriever. Vor kurzem schrieb sie ein Buch über den Familienhund "Scout". Keine Frage, diese Frau, die aussieht wie eine Mischung aus Barbara Streisand und Vogue-Chefin Anna Wintour, ist eine Ausnahmeerscheinung: visionär, pragmatisch und sehr amerikanisch.

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